Kommentar: Metal auf Youtube

Kürzlich habe ich mal etwas Zeit gefunden und mich durch den Youtube-Kanal von Seuche, dem Krachmucker-TV, geklickt. Darunter war auch ein ganz spannendes Video: „Metal-YouTuber: Warum hat der Parabelritter keine Konkurrenz?“

Als kurze Zusammenfassung: Die deutsche Youtube-Szene für Metal ist erbärmlich! Die großen Magazine Rock Hard, Deaf Forever oder Metal Hammer haben recht kleine Channel, bieten etwas typischen Magazin-Inhalt oder blättern etwas selbstverliebt durch ihre neuen Ausgaben. Entsprechend ist das Interesse der Zuschauer eher gering. Es gibt nur einen Youtuber, der eine vergleichsweise hohe Reichweite hat: Der Dunklen Parabelritter. Und dieser polarisiert kräftig in der Szene.

Dieser kontroverse „Prosumer“ (Konsument, der gleichzeitig neuen Inhalt daraus produziert) kommt in dem Clip auch selber zu Wort und liefert – in a nutshell – auch mögliche Gründe, warum es so wenig Metal auf Youtube gibt: Es ist arsch viel Arbeit und die Branche hat bisher nicht das Potential von Youtube erkannt. Natürlich nennt er noch weitere Anforderungen, die ein Mensch vor der Kamera erfüllen muss, damit ein neuer Kanal erfolgreich werden kann. Jedoch ist der Erfolg immer relativ zu sehen, denn es ist immer noch Metal…

Und an dieser Stelle möchte ich einfach mal meinen Kommentar zu dem Thema abgeben, etwas über die aktuelle Situation und die Szene rumkotzen, vielleicht ein paar Denkanstöße geben und das Thema mal von Youtube in das geschriebene Wort verlagern, was vielleicht der ein oder andere Metalhead aktuell noch bevorzugt.

Deutschland

“I’ve come up with a set of rules that describe our reactions to technologies:
1. Anything that is in the world when you’re born is normal and ordinary and is just a natural part of the way the world works.
2. Anything that’s invented between when you’re fifteen and thirty-five is new and exciting and revolutionary and you can probably get a career in it.
3. Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things.”

(Douglas Adams)

Deutschland ist ein extrem Technik- und Innovations-skeptisches Land. Entwicklung und Verbesserungen dürfen scheinbar nur an Kriegswaffen und Verbrennungsmotoren geschehen, alles andere ist Teufelswerk. Und selbst in Computer- und Technikforen wird in schönster Regelmäßigkeit über die Unsinnigkeit von Sozialen Netzwerken, Messengern und ähnlichem gewettert. „Sowas brauchten wir früher alles nicht!“

Homo metallus

Wo der Deutsche sich schon krass hinter Technikphobie und übersteigertem Datenschutz versteckt, ist der Metalhead noch extremer. Das scheinbar allerdings über nationale Grenzen hinweg. Denn weltweit feiern wir die Retrowelle und verlieren uns in verklärter Nostalgie. Tape-Trading, aaaaaah, das waren noch Zeiten. LPs? Die waren schon damals gut, darum kaufe ich heute auch wieder die Klassiker in der Neuauflage – egal ob ich die bereits auf CD (oder gar Vinyl-Erstauflage) habe.

Nicht selten hört man von den Hardlinern, dass Facebook böse sei, dass sie sich konsequent Whatsapp verweigern. Und dann fällt auch locker mal die Aussage, dass Metal nichts auf Youtube zu suchen habe – siehe das oben genannte Video mit Zitat aus einem The Ruins Of Beverast-Interview.

Nicht selten werde ich blöd angeschaut, wenn ich mir ein Album digital auf Bandcamp kaufe. Denn nur Tape und Vinyl ist true und in der Szene anerkannt. Und gar gelegentlich bekommt man eine gewisse Abfälligkeit zu spüren, weil man „nur“ ein Webzine betreibt. Denn nur Fanzines sind der wahre Shit.

Witzigerweise werden die klassischen Bulletin-Boards, oder auch Online-Foren, akzeptiert und rege genutzt. Zur Werbung, zum Gedankenaustausch, zur Diskussion oder einfachen Selbstdarstellung. „Schaut her, ich kenne dieses obskure südamerikanische Demo von 1993, von dem es nur 6 Exemplare gab! Der Schreiber über mir hat keine Ahnung, keinen Geschmack und riecht nach Iltis!“

Doch muss man sich immer fragen: Wieso verteufelt man eigentlich ein Trägermedium? Wäre man früher auf die Idee gekommen eine CD zu verteufeln, weil Demos auf Kassetten veröffentlicht wurden und Alben auf LP? Warum verteufelt man heute eine MP3-Datei, die die gleiche Musik beinhaltet wie ihre physischen Gegenstücke? Warum ist das Wort auf einem Blatt Papier mehr wert, als auf einer virtuellen Webseite? Die Arbeit, Energie und Kreativität, die in das Werk geflossen ist, sollte eigentlich gleich geblieben sein. Und das Ergebnis, also die Musik, ist die gleiche, egal ob auf Tape, CD, LP oder eben der digitalen Audiodatei. Und nun kommt mir bitte keiner mit audiophilen Zahlen um Bitrate und so weiter, wenn er eh nur Untergrund-Black-Metal hört, der Mono über einen Kassettenspieler in irgendeiner Garage aufgenommen wurde. Danke!

Zugegeben, im Digitalen fehlt die physische Haptik. Zugegeben, heute kann jeder im Internet veröffentlichen. Auch Schnellschüsse, substanzloses, belangloses oder simpel: Bullshit. Doch finden sich gleiche Attribute auch auf greifbaren Medien, in Büchern und auch Musikveröffentlichungen…

Aber weiterhin existieren Vorurteile gegenüber einem Transportweg. Eine Verabredung über SMS oder Brief scheint mehr wert, als über Whatsapp oder Facebook.

Und nun kommt noch ein neues Medium hinzu, dieses Youtube, wo Informationen multimedial, mit Bildern, Worten, gar Musik transportiert werden? Es scheint Blasphemie gegen… ja, gegen was eigentlich?

Branche

Der Dunkle Parabelritter formulierte bereits: Die Branche hat bis heute nicht das Potential von Youtube erkannt. Und wiederholt damit erneut die alten Fehler. Lange Zeit wurden Webzines nicht mal mit Promos bedacht – manche Plattenverläge machen das sogar heute noch so. Lange Zeit wurden digitale Vertriebswege für Musik gemieden. Denn nur CD war der wahre Shit. Und außerdem würden MP3 ja zu Raubkopien führen.
Und heute ist auf einmal Metal auf Spotify beliebter als Pop. Das ist allerdings auch eine Wahrheit, die der Homo metallus ungerne hört. Denn Metal ist ja unkommerziell, underground und so weiter.

Wie dem auch sei, lange Zeit haben Promo-Agenturen und Labels auch soziale Netzwerke missachtet. Reviews und News wurden nicht dort, sondern nur über die etablierten Magazine geteilt – und damit wurde einiges an Reichweite einfach verschenkt.

Etablierte Magazine

Gut, mittlerweile haben die Spieler auch die Vorzüge von digitalen Vertriebswegen erkannt. Webzines sind heute als schneller Teil der Promotionsmaschine akzeptiert. Sowohl von der Branche wie auch den Fans.

Promos werden digital verbreitet, als MP3 mit Wasserzeichen. Das ist billig. Verdammt billig. Deswegen werfen die Agenturen mit ihren Promos nur so um sich. Und die Magazine ertrinken in mehreren dutzend Rezensionsexemplaren pro Tag, stehen unter dem Druck, diese irgendwie mit „Coverage“ zu bedecken. Derweil manche Magazine in den USA noch „Round-Ups“ machen, mehrere Veröffentlichungen in einem Rutsch besprechen, erwähnen oder zusammenfassen, sind die deutschen noch im klassischen Review, Interview, News-Konstrukt gefangen und müssen den Anfragen irgendwie gerecht werden. Meist alleine aus der Angst, keine Promos mehr zu bekommen, wenn die bestehenden Bemusterungen nicht besprochen wurden.

Dieser (zugegebenermaßen selbstauferlegte) Druck zwängt die Magazine in ein Bearbeitungsschema. Reviews, Reviews, Reviews, bei großem Gefallen auch mal ein Interview. Meist schnell und substanzlos, voller Plattitüten. Man arbeitet den Stapel Promos einfach ab. Und kommt dennoch nicht hinterher. Zu häufig sieht man auf Webzines den Aufruf nach Mitschreibern.

Und in dieser Arbeit geht irgendwie die Muße für Kreativität verloren. Entsprechend gibt es auch wenig permanente Kolumnen, ausführliche Specials oder Blog-Beiträge in den etablierten Magazinen – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Denn seien wir ehrlich: Ein Webzine ist vergleichsweise einfach in der Vorgehensweise: Platte hören, Meinung schreiben, veröffentlichen. Bei einem gedruckten Magazin läuft der iterative Prozess über einen längeren Zeitraum und wird um das Erstellen des Layouts erweitert. Das ist ein simples Vorgehen.

Ein Video im Stil vom Krachmucker oder dem Dunklen Parabelritter ist aufwändiger: Es muss eine gute Idee für einen Clip her. Dann sollte ein Konzept erstellt werden. Beim Filmen kommen Kleinigkeiten wie Wortwahl, Ausdruck, Fokus auf die Hauptaussage des Videos, Mimik und Gestik dazu. Dann kommt die Post-Produktion: Schneiden, Editieren, Überblendungen, Einblendungen, Intro, Outro, Verlinkungen, undsoweiter. Schlussendlich frisst das alles Zeit, bevor das Video fertig ist, im richtigen Format hochgeladen und publiziert werden kann. Dabei darf man den kreativen Teil um Idee und Konzept nicht unterschätzen! Das ist schwieriger als man denkt.

Money, Money, Money

Und mit etwas Kreativität ist es ja auch nicht getan. Ein Webzine kann man quasi kostenlos betreiben. Irgendeinen Blog-Hoster auswählen und es kann los gehen. Ein Printzine will da schon etwas mehr für Druckkosten haben. Doch ein Vlogger (Video-Blogger) braucht schon mal eine ordentliche Webcam. Wenn nicht sogar eine richtige Kamera oder DSLR mit guter Video-Funktion. Vielleicht noch ein Mikro für guten Sound. Von Video-Software und einem potenten Rechner für die Nachbearbeitung spreche ich an dieser Stelle gar nicht. Aber die Einstiegshürde ist doch höher als beim geschriebenem Wort.

Langzeitmotivation

Gut, nehmen wir an, jemand hat sich die Mühe gemacht, all den Widrigkeiten von Branche und Arbeitsaufwand getrotzt. Er publiziert ein Video und noch ein Video und irgendwann wird seine Mühe mit Erfolg belohnt. Dann kommen auf einmal die Neider, die Missgönner und die Möppernasen.

Über ein gut laufendes Printzine freut sich die Szene. Aber bei einem Dunklen Parabelritter wird direkt der Ausverkauf des Metals ausgerufen, Kommerzialisierung und Untrveness und und und.

Wie soll man da bitte die Langzeitmotivation bewahren? Hat man keinen Erfolg, verliert man irgendwann die Lust. Warum macht man das ganze, all die Arbeit, wenn man doch genau so gut einfach vor der XBox oder dem Fussballspiel hocken könnte.
Und hat man dann Erfolg, wird man beleidigt, verspottet und diskreditiert. Warum macht man das ganze, all die Arbeit, wenn man doch genau so gut einfach…

Mal was anderes: Aus der Sicht des Konsumenten

Gut, nun gibt es gut gemachte, motivierte, ambitionierte und kompetente Youtube-Kanäle. Sei es der Krachmucker, sei es der Dunkle Parabelritter, sei es gar Infidel Amsterdam. Nun komme ich aber als Konsument in eine Misere: Zeit!

Alle wollen sie meine Aufmerksamkeit. Neue Musik, Facebook, Twitter, neue Serien, Filme, Bücher. Und die Zeit für den Konsum von anderen Formaten schwindet immer und immer weiter. Nun stellt sich die Frage: Lese ich fünf Minuten ein Review, 10 Minuten ein Interview oder schaue mir 20 Minuten Video an? Da ist die Einstiegshürde für meine kurze Aufmerksamkeitsspanne schon – oh, ein Reh!

Das ist ein erste Welt-Problem, das wohl in der individuellen Verantwortung liegt. Das kann ein „Prosumer“ nicht beeinflussen. Ich kann Pech haben, dass niemand ein ausführliches Interview von mir lesen wird, weil es schlicht zu lang ist. Gleiches Pech kann aber auch der Youtuber haben, der mit viel Arbeit 20 Minuten Material produziert hat. Er konkurriert mit 10-Second-Cover-Songs, lustigen Katzenvideos oder den Nachdenklichen-Bildern-mit-Inspirierenden-Sprüchen von Webfail, 9Gag, Pornhub.

In A Nutshell

Das sind viele Gründe, warum Youtube in der deutschen Metalszene nicht funktioniert – zumindest aktuell nicht. Manche sind Hausgemacht in der Szene, manche Zeitgeist. Und kaum etwas kann man als Youtube selber kontrollieren. Man hat lediglich seinen eigenen Enthusiasmus und sein Durchhaltevermögen beeinflussen. Ob man gegen widrige Umstände wie Vorurteile, Neid, Spott oder mangelnde Rückmeldung ankämpfen und sich zum Weitermachen motivieren kann. Oder generell überhaupt den Einstieg schafft. Denn meist stirbt eine gute Idee bereits an anfänglichen Zweifeln: „Ich bin eh nicht gut genug…“, „An den komme ich nie ran…“, „Das ist alles zu viel Arbeit, ich packe das nicht…“. – Und aus den gleichen Gründen ist sicherlich so manches Fanzine oder Webzine nie entstanden, so manch talentierter Musiker nie zu einer Band gekommen.

tl;dr

Nun stehe ich vor dem gleichen Problem wie vielleicht die Youtuber: Hat überhaupt einer bis hier hin durchgehalten? Konnte ich die Aufmerksamkeit auf meinem Text halten, den Leser unterhalten, empören oder zum Denken anregen? Ich weiß es nicht. Und ich werde es wohl auch nie erfahren, denn das Kommentarsystem auf dieser Seite habe ich schon lange abgeschaltet. Vielleicht schreibt mir jemand auf Twitter oder Facebook?

Doch ich hoffe, dass der ein oder andere mal selbstreflektiert. Dass moderne Kommunikationskanäle nicht per se schlecht sind. Dass man selbst auf Facebook, Twitter, Youtube oder Instagram Metal finden kann und auch sollte. Dass man selber in der Verantwortung ist, wie man diese Medien nutzt und auch (mit-)gestalten kann. Und dass sich über diese neuen Wege eben auch neue Möglichkeiten und Formate öffnen. Wie eben Youtube-Kanäle, die unterhalten, lehren und informieren können.