Chaos Descends 2017


Chaos Descends, 21. – 22.07.2017, Ferienland Crispendorf

Das alljährlich im Juli stattfindende Chaos Descends hat sich über die beiden vorherigen Jahre zum würdiger Nachfolger eines meiner liebsten Festivals, dem Hell’s Pleasure, entwickelt. Die Location mitten in der Natur, charmant DDR-nostalgisch und wunderschön gelegen, hätte nicht besser gewählt werden können und auch sonst ist das ganze Drumherum auch in diesem Jahr nochmals einen Zacken professioneller. Natürlich hackt es hier und da, aber das ist bei jedem Festival der Fall und hier auch keineswegs tragisch, womit man sich trotz Hitze und brutalst knallender Sonne sorglos mit Freunden zu kalten Getränken und ordentlichem Futter ganz der mal wieder hervorragenden Bandauswahl widmen durfte.

Freitag, 21.07.2018

Pünklich um 16 Uhr beginnen VENOMOUS SKELETON, Schwesterband der leider doch etwas von der Bildfläche verschwundenen Isralis SONNE ADAM, die jüngst ihr Demo via Van auf die Menschheit hetzten. Wie immer ist der Opener-Job etwas undankbar. Nur langsam füllt sich das Gelände, wo doch der Zeltplatz schon aus allen Nähten platzt, und auch die nachmittägliche Hitze macht es unsereins nicht einfacher, dem schwitzigen Treiben auf der Bühne zu folgen. Death Metal! Heavy und zappenduster, etwas flotter als die Hauptband und vor allem mit fast nur unbekannten Songs, bearbeitet das Trio die Saiten und Felle. Dabei verpufft leider viel Energie in schieren Sonnenschein, was ich dann doch etwas schade für die Band finde, denn die noch unbekannten Non-Demo-Songs waren allesamt topp und machten Lust auf mehr. Vor allem aber mehr Flüssigkeit. Die Hitze um diese Zeit war abartig.

Linnéa Olssons MAGGOT HEART, mit frischer Debüt-EP am Merchstand, durften als Zweites ran. Ich persönlich war doch gespannt auf Olssons neues Projekt, das seine Wurzeln weiter weg vom klassischen Rock von THE OATH und mehr in der Richtung BEASTMILK und darüber hinaus in frühen 80er Jahren und ihren subkulturellen Kreisen hat. Wave, No Wave, Proto-Indusrtial, vor allem aber Punk, Post Punk, die Metal-Kante von Beastmilk getilgt und dafür durch eine Prise rotzigen, treibenden, stets erdigen Rock ersetzt. Dazu Olssons charmant aufmüpfig-unpassende Stimme. Dennoch wirkte der Auftritt trotz Olssons Präsenz etwas zurückhaltend-schüchtern, wirklich mitreißen wollte das Gebotene nicht, trat schnell in den Hintergrund zu Begrüßungsritualen und Gesprächen. Etwas schade, aber auch so etwas gehört eben zu einem Festival.

Finnlands VORUM dagegen bliesen von der ersten Sekunde an zum Angriff. Gegen stickige Hitze, die langsam untergehende Sonne und träge Zuschauer. Hässlich geben sich VORUM anno 2017, musikalisch näher am Schwarzen, mit fiesen Attacken und Gänsehaut-Soli, wenn man denn bei dem Wetter Gänsehaut bekommen konnte. So mitreißend VORUM sind, so wieselflink die Finnen durch die Pampa pflügen, so schnell ist das Set schon rum – ich war wirklich überrascht, als die Mannen plötzlich die Bühne verließen nach diesem Knallerauftritt.

ATTIC. Ich mag ATTIC nicht. Sorry, und deswegen habe ich sie mir geschenkt und die Zeit anderweitig totgeschlagen, um bei VENENUM wieder parat zu sein. VENENUM mag ich. Das Demo gehört für mich zu den besten deutschen Death Metal-Releases der letzten Jahre, die Euphorie bezüglich des Albums teile ich allerdings nur bedingt. Dafür waren VENENUM live stets eine Bank. So auch im Crispendorf. VENENUM spielen (mal wieder) „Trance Of Death“ am Stück. Mir persönlich würde ja die B-Seite am Stück reichen, finde ich Seite A doch eher gewöhnlich und zwar gut, aber keineswegs so herausragend. Dennoch überzeugen VENENUM über die Gänze ihres Sets, spielen engagiert und auf den Punkt und ziehen – vor allem in den letzten 20 Minuten, dem großen Finale – den Hörer förmlich in den Bann. Starker Auftritt einer starken Band!

MGLA*** dürften im Moment eine der populärsten Black Metal-Bands sein. Warum und was neben der Musik so faszinierend ist, kann man zuhauf anderswo nachlesen. Es wird ja nicht zu knapp über die Polen referiert. Allerdings zurecht. Live setzen **MGLA vor allem auf die Catchyness ihrer Musik – und treffen damit ins Schwarze (höhö), ohne dass man in beliebige Eingängigkeit verfällt. Ob treibend oder gerade aus, MGLA haben stets mitschwingend ein hymnsich-erhabenes Element, eine Art urban-distanzierter Melancholie, die dennoch fesselt und nicht abstößt. Das wissen die Polen und treten entsprechend selbstbewusst und schnörkellos auf. Musikalisch 1A, können MGLA eigentlich nur gewinnen. Und das taten sie auch.

Ich bin kein CIRITH UNGOL-Fan. Ich kenne die Band, ich schätze einige Songs, ich gönne den Fans das Wiedererstarken und hatte keine Erwartungen an den Auftritt… und dann doch ziemlich Spass an der zwar etwas bemüht, aber engagiert und äußerst sympathisch auftretenden geriatrischen Truppe. Das Resultat: wohl die beste Stimmung des gesamten Festivals beim Publikum und auch beim Verfasser dieser Zeilen, der in weitestgehender Unkenntnis der meisten Songs CIRITH UNGOL einfach mit allen anderen mitgerissen und gefesselt mitfeierte. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen, sorry. Fand’s geil!

SORTILEGIA gehören zu den mir liebsten Black Metal-Kommandos der letzten Jahre. Ausnahmslos jedes Konzert war ein rabenschwarzer Malstrom. Absolut und höchstatmosphärisch vernichtend. So auch an diesem Abend und trotz meines Zerstörungslevels, zogen mich die beiden Kanadier wieder in den Bann. Raue, minimale, repetitive Riffs, rasende, monotone Drums in schierer Dunkelheit, diese Freilichtgruft nur von Kerzenschein durchbrochen, ein Erahnen der Macht, die sich dort auf der Bühne ergießt und nach den Zuhörern greift. Black Metal konsequent zu Ende gedacht. Sicher eine totgelatschte Phrase, aber es gibt Bands, die kann man live einfach nur unangemessen beschreiben; Bands, die man selbst erfahren haben muss. Dazu gehören SORTILEGIA.

Samstag, 22.07.2018

Etwas Regen am Morgen, danach feuchte und drückende Hitze. Duschen bringt wenig, der Kater zerrt an den Nerven. Wachwerden, fitwerden, warmtrinken, plaudern und so weiter – interessiert Euch sicher alles nicht – und dann geht es weiter… mit OKKULTOKRATI. Die beiden Auftritte von Paul Werling und A DEAD FOREST INDEX habe ich verplappert, somit sind die norwegischen Necropunks mein Einstieg in den zweiten Festivaltag. Ganz ehrlich, die Band hat im Jahre 2017 nimmer viel mit der Band gemeinsam, die ich seit dem Demo verfolge und einige Male live gesehen habe. Musikalisch und optisch. Ersteres war natürlich klar, wenn man das (ziemlich tolle) Schaffen der Band verfolgt hat. Weniger Metal, mehr Noise Rock und Post Punk. Dieser Wandel war gelungen, live wirken sie auf mich – wahrscheinlich gewollt – eher wie Fremdkörper, bisschen bemüht ARABROT-schick und nerdig, musikalisch gibt es dafür eine überaus rohe Kelle um die Ohren. Mehr als nur zum Wachrütteln und Entnebeln geeignet und überaus unterhaltsam.

Jeder liebt NIGHT DEMON, nur der Lobi nicht. Dem Lobi sind sie egal. Der schaut sie sich aber dennoch an, hat keinen Plan davon und dennoch Spass dabei. Engagierter, kickender Auftritt, sehr viel Spass auf und vor der Bühne, Bombenstimmung und wohl davon wohl die zweitbeste des Festivals nach CIRITH UNGOL. Der Hitze zum Trotz. Das kann man leider vom Auftritt des PRIMODIAL-Ablegers DREAD SOVEREIGN nicht behaupten. Sichtlich angestrengt, aber natürlich seitens Averill profimäßig runtergezogen, gab es außer einem VENOM-Cover wenig für mich zu gewinnen. Dafür war ich nach dem Auftritt endlich mal satt und habe zu Cocktales DEATHHAMMER verplappert. Sorry.

Auf SONNE ADAM freute ich mich ganz besonders. Seit dem KTDF 2014 hatte ich die Israelis nicht mehr gesehen, Tonträger lassen ja auch leider noch immer auf sich warten… SONNE ADAM überzeugten auch an diesem Nachmittag mit ihrem tonnenschweren Death/Doom zwischen alter britischer Schule und INCANTATION, zwischen treibendem Midtempo und fiesem Wetzen und wimmernden Leads. Hammer, wie gut SONNE ADAM noch immer funktionieren und fesseln, Gänsehaut pur. „Armed With Hammers“ und die Hymne „We Who Worship The Black“ fräsen alles nieder – was für eine Machtdemonstration! Der unbedingt bald ein neues Release folgen muss! SONNE ADAM waren damit mein persönlicher Samstagsheadliner und irgendwie auch neben SORTILEGIA und MGLA auch das Highlight des Festivals, denn…

… weder mit (DOLCH) noch mit SUNN O))) kann ich viel anfangen. Erstere haben aus personellen Gründen einen Stein bei mir im Brett. Leider zündet der seichte THE ANGELIC PROCESS trifft auf doomigen Black Metal Mix bei mir gar nicht. Ich habe es probiert, es lässt mich kalt. So auch beim wiederholten Male live. Ich verstehe, was die Anziehungskraft dieser Band ausmacht, mich dagegen spricht es gar nicht an und wirkt für mich dann auch nicht anders wie ein 40 minütiges Intro für SUNN. Dennoch natürlich Respekt an die Künstler und ihre Vision – das Publikum hat es ihnen gedankt. SUNN, Drone im Allgemeinen, sind auf verschiedenen Ebenen nicht mein Fall. Hier könnte ich lange rumlamentieren; muss nicht sein. Die Show an sich, obwohl zum ersten Mal für mich Open Air, war dann auch typisch und von sakraler Atmosphäre geprägt, die mich nicht im geringsten berührte. Ich will hier auch gar nicht ins Detail gehen, da es mir fern liegt, die Band und ihre Fans irgendwie, und sei es nur dem Schein nach, schlecht zu machen. Diplomatisch: SUNN waren mit Sicherheit ein würdiger Headliner und dürften so manchen begeistert haben. Ich dagegen bin nach einer Weile auf den Zeltplatz.

Fazit

Abschließende Worte? Nun ja, motzen möchte ich nicht. Ich bin mir sicher, die Veranstalter wissen, wo man noch etwas justieren muss. Das muss ich hier nicht herunterbeten. Lobhudeleien? – Was soll man sagen, was ich nicht schon oben erwähnte oder die letzten beiden Jahre: tolle Location, tolle Bands, fanfreundlich und durch und durch sympathisch, gemütlich, fast heimelich und einfach eine tolle Zeit unter Freunden, das war auch dieses Festival. Von Fans für Fans und so, wenn ich es mal etwas pathosgeschwängert formulieren darf. Wünsche für das nächste Jahr? – Ein größeres fleischloses Essensangebot und kein kaltes Wasser in den Duschen, danke. Bands? – Lasse ich mich gerne überraschen; Enttäuschungen blieben in all den Jahren eigentlich immer aus. Nur die Wettergötter flehe ich an, es 2018 angenehmer zu gestalten. Danke im Voraus.