Haemophagus – Stream Of Shadows

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Italiens Weirdos sind wieder da. Drei Jahre nach dem letzten Album „Atrocious“ bringen HAEMOPHAGUS nun den „Stream Of Shadows“. Dabei halten sie am bisher eingeschlagenem Weg fest und werden sogar noch schrulliger.

Ja, das Grundgerüst steht immer noch zwischen frühen Morbid Angel in den Riffs, manchen Soli und vielleicht auch Schlagzeug-Momenten. Doch einige Blastbeats gehen auch wieder den Schritt weiter, kombiniert mit einigen hübschen Gitarren-Linien, erlauben sie wieder Reminiszenzen an Terrorizer. Wieder sind einige Momente durchaus auch bei Autopsy, oder eben den jüngeren Kollegen von Graveyard Ghoul oder Cryptic Brood verortet. Dazu vielleicht gelegentlich etwas Impetigo oder auch Dead. Doch eigentlich sind all diese Vergleiche lächerlich. Denn was HAEMOPHAGUS wirklich ausmacht, ist das progressive Denken und Handeln, was sie durchaus mit Usurpress gemein haben. Oder auch die Kauzigkeit von Macabre.

Alles Blabla beiseite, lässt „Stream Of Shadows“ dem Hörer erstmal etwas Zeit. Der Einstieg in das Album ist zunächst fast schon gefällig. Klar, einige schrullige Riffs gibt es direkt zu Beginn von „Shadowline“, doch insgesamt sind die Zutaten zunächst vertraut. Nach ein paar Minuten wenden HAEMOPHAGUS aber dann das Blatt. Vielleicht ist man gedanklich noch im wunderschönen, polyphonen Doom-Part aus dem Kracher „Deranger“, da kommt direkt die Wundertüte „Meteor Wind“ daher. Wunderschön angetäuschte Wechsel, die aber nie so vollzogen werden, wie man meint. Und dann wird es richtig spacy. Spätestens wenn das Alt-Saxophon einsetzt, ist der Song so wunderbar abgefuckt, dass es jedwedem Vergleich mangelt.

Zugegeben, hier haben HAEMOPHAGUS quasi die Brechstange rausgeholt. Nicht kompositorisch, sondern rein von ihrem Repertoir. Denn anschließend sind ihre verquerten Ideen teilweise recht subtil in die Songs eingewoben. Immer wieder finden sich recht kauzige Riffs, die aber immer im Wechsel mit eher orthodoxen Harmonieführungen dargeboten werden. Ebenso finden immer wieder kleine dissonante Anspielungen ihren Weg in ansonsten eher „gewöhnliche“ Gitarrenlinien und machen diese dadurch doch ziemlich besonders.

Hin und wieder haut dann schon mal ein Solo wieder in ein Extrem. Beispielsweise das eher rockige in „Electric Circles In A Yellow Sky“, das leicht deplatziert wirkt, aber dennoch absolut passt. Oder auch der überdrehte Effekt auf dem Zwischenspiel in „Unrestrained“. Einen so krassen Stilbruch wie in „Meteor Wind“ gibt es leider erst wieder mit dem kurzen Jazz-Intermezzo in „Twisted Syllables“. Schade, denn von so abgedrehten Ausbrechern hätte ich mir persönlich mehr gewünscht.

Dennoch sind auf „Stream Of Shadows“ so viele abgefuckte Details, beklemmente Zwischentöne und doch groovige Passagen, dass HAEMOPHAGUS einen deutlichen Schritt von „Atrocious“ gemacht haben. Ja, es finden sich sogar deutlich mehr prägnante Hits auf dem neuen Album.

In dieser kauzigen Mischung aus altem Death Metal, frühem Grindcore, progressivem Denken, dissonanten Verzierungen und total individuellen Ausbrechern, ist die Zielgruppe von HAEMOPHAGUS leider etwas eingeschränkt. Wer nur die Kopie einer Kopie einer Kopie im aktuellen Retro-Trend will, wird hier deutlich überfordert. Wer hingegen vorwärtsdenkende Musik mit deutlichem Bezug zu den Wurzeln und eigenwilligen Ideen will, wer Bands wie Diskord, Usurpress, Macabre oder Le Scrawl mag, wird „Stream Of Shadows“ definitiv richtig abfeiern!

Das Album gibt es als CD über Selfmade God Records. Wer es klassischer mag, bekommt bei Lycanthropic Chants die Vinyl-Version. Es ist die erste Schallplatte über das ansonsten auf Kassetten spezialisierte junge Label. Doch kann sich Scheibe durchaus sehen lassen. Ein schwarzes Innersleeve schützt die dunkelgrüne Platte, die allerdings auf 100 Stück limitiert ist. Hier sollte man schnell sein. Aber auch die schwarze Variante ist nur 400 Mal gepresst worden. Dazu ein Lyric-Sheet mit den üblichen Grüßen und Bandbildern. Das alles für den durchaus adäquaten Preis von 13 Euro. Oder eben einen lächerlichen Euro mehr für die grüne Platte.


14 Lieder / 35 Min.
CD (Selfmade God) / LP (Lycanthropic Chants) / 2017

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