Statement: Die Selbstdemontage im linken Black Metal

Black Metal hat einen schlechten Ruf. Noch vor einigen Jahren hatte man gerade in linksautonomen Zentren immer wieder Erklärungsnot, wenn man ein Shirt oder einen Patch aus dieser Musikrichtung öffentlich zur Schau stellte. Stellenweise gab es begründete Kritik an manchem Namenszug, oftmals gab es aber auch den Generalverdacht: Black Metal sei Nazi-Musik.

Man muss gar nicht großartig Diskutieren. Es gibt viele faule Eier in der Szene. Angefangen von infantilen Provokateuren, die gerne mit der NS-Thematik kokettieren hin zu wirklich dämlichen Rassistenidioten, die mit ihrer Sub-Schublade NSBM richtig derben Mist verzapfen. Da sind einige Bands sicherlich auch zu Unrecht in Misskredit geraten. Und die häufig musikalischen Hintergründe aus dem Punk und Hardcore bei einigen Pionieren des Black Metals wurden ebenso vergessen, wie die kommunistische Einstellung von Øystein Aarseth schlicht wegignoriert wird.

Nun sind seit Anfangstagen und Hochphase der Stilistik einige Jahre ins Land gezogen. Das prinzipiell eher schlechte Image blieb weiterhin. Doch kamen langsam aber sicher immer mehr Bands, die sich von links in die Szene drängten. Angefangen bei den wohl bekanntesten Vertretern Wolves In The Throne Room hin zur aktuellen „Hipster-Black Metal“ Bewegung oder dem RABM – Red And Anarchist Black Metal.

Eigentlich könnte diese Entwicklung nicht schöner sein. Eine klare Gegenseite zum rechten Abschaum tritt auf den Plan und überlässt den Nazis nicht alleine den Black Metal. Dass musikalisch auch noch was frischer Wind in das stellenweise angestaubt und konservative Klangbild kommt, mag an dieser Stelle nur als positiver Seiteneffekt angemerkt werden. Denn nun kommt es unweigerlich zu einem unangenehmen Phänomen, das man beispielsweise aus dem Hardcore kennt. Oder heute generell aus diesem Internet, wo Menschen gerne denunzieren und diskreditieren.

Die politische Einstellung einer Band scheint für viele Menschen eher nebensächlich. Gar schlimmer ist es, welche Band mit welchen anderen Bands mal zusammengespielt hat oder gar wen kennt. Hintergründe und Motivationen sind den meisten Leuten da ebenso egal, wie klare Aussagen oder bereits genannte politischer Hintergrund bei der im Shitstorm versinkenden Band.

In der Vergangenheit hat so manches Festival oder Konzert in den sozialen Medien harsche Kritik einstecken müssen. Band XYZ spielt und die Kommentare in den Veranstaltungen laufen über, andere Bands sagen ab und zwingen schlussendlich gar so manche Veranstaltung gänzlich zur Absage. Ein kleiner Erfolg für die Internetaktivisten – und häufig ein finanzielles Desaster für den Veranstalter. Durchaus eine zwiespältige Geschichte. Keine Frage: Kein Raum für Nazis! Aber oftmals entflammt dieser Überenthusiasmus nicht aus begründeter Kritik gegen eine NSBM-Band, sondern aus jugendlichen Aussagen von infantilen Provokateuren, die sich heute teils beschämt davon distanzieren. Oder gar schlimmer: Die Welle der Empörung fußt auf Gerüchten oder hineininterpretierter Rechtsoffenheit, weil sich eine Band mal mit einer anderen Band die Bühne geteilt hat, die wiederum auf einem Label etwas veröffentlicht hat, wo auch eine Nazi-Band mal ihr Demo im Shop hatte.

Puh. Durchaus kein einfaches Thema. Wo ist Kritik und Widerstand berechtigt und wo ist die Argumentation dazu einfach nur hanebüchen?

Im aktuellsten Fall empfinde ich den entwachsenen Shitstorm schlichtweg lächerlich und gefährlich für den linken Black Metal. Es geht um die junge Band ULTHA, die am 16.04.2017 mit INQUISITION ein Konzert spielen. INQUISITION haben durchaus einen zweifelhaften Ruf, distanzieren sich allerdings auch von den Nazi-Anschuldigungen. Von einer solchen Stellungnahme kann man nun halten, was man will. Die bessere Frage ist allerdings: Will man die Bühnen von Black Metal Shows alleine vermeintlich Rechten überlassen oder will man, dass sich eine starke linke Bewegung deutlich daneben positioniert und Stellung bezieht?

Nun, scheinbar will man lieber das offene Engagement von Musikern diskreditieren. Da ist es vollkommen egal, dass ULTHA aus Musikern besteht, die ihre Wurzeln im linksautonomen Untergrund haben. Dass die Mitglieder aus der Hardcore- und Grindcore-Szene stammen und Kontakte zur aktiven Antifa haben. Lieber zerreißt man die Band nun im Internet und sagt ihre Konzerte ab.

Das ist so, als ob man Gegendemonstranten ankackt, weil sie auf Naziaufmärschen stören gehen.

Noch absurder wird die Geschichte, dass sich der Shitstorm auf ihr Label VENDETTA-Records ausbreitet. Ein Verlag, der sehr viel Musik aus dem linken Hardcore/Grindcore/Punk veröffentlicht hat, soll auf einmal rechtsoffen sein? Weil eine Band aus dem Katalog mal eine Show mit einer zweifelhaften Band spielt? Kommt schon, werdet erwachsen!

Wie viele Bands, die ihr liebt, haben bereits Shows mit Vollidioten gespielt? Bleiben wir mal im Hardcore: Sind DROPDEAD nun Moppelkotze, weil sie mit CRIPPLE BASTARDS zusammen gespielt haben? Doch im Ernst, was bringen solche Vergleiche an der Stelle?

Klar ist: Wir müssen klare Stellung gegen Rechts beziehen. Nicht nur in der Musik, sondern auch im Alltag. Aber wiederum auch klar in der Musik. Denn viel zu häufig heißt es: „Mir egal, dass die Nazis sind, die Musik ist aber geil!“. ULTHA beziehen Stellung – genau so wie andere Bands auch.
Und diese Haltung sollte man auch auf Konzerte bringen. Wir sollten rechten Bands nicht alleine die Bühne lassen, sondern mehr zeigen, dass es auch eine andere Seite gibt, die deutlich Position bezieht. Das klappt allerdings nicht, wenn wir uns selber gegenseitig demontieren. Sonst war es das schneller mit dem linken Black Metal als uns vielleicht lieb ist….

Update 15.04.2017:

Das ursprüngliche Statement von ULTHA wurde leider gelöscht. Mittlerweile gibt es ein aktualisiertes Statement:

Ultha ist eine Band von fünf Individuen, die für Ihre Ideale einstehen. Auch wenn für uns in erster Linie die Liebe zur…

Posted by ULTHA on Thursday, April 13, 2017

 

Die Band ist gerade auf Tour mit den US-Amerikanern WOE. Und zwei Stunden vor ihrem Auftritt auf dem Droneburg-Fesival, wurden sie spontan per SMS ausgeladen.

Das Statement vom Veranstalter:

Liebe Gäste des Droneburg Festivals,

entgegen unserer Ankündigung werden die Bands Ultha und Woe heute hier nicht spielen.

Grund ist die Teilnahme der Bands am Conspiracy Of The Damned -Festival in Rotterdam am Ostersonntag an dem als Headliner die Band Inquisition spielt welche wir dem NSBM zurechnen.

Wir werfen den Bands keine rechten Tendenzen vor, allerdings durchaus ein reinwaschen rechtsradikaler Bands. Dem möchten wir im Hafenklang keine Bühne bieten.

Leider erreichten uns diese Informationen so kurzfristig, daß eine rechtzeitige Absage nicht mehr möglich war.

Wir danken für euer Verständnis.

Karten können an der Abendkasse zurück gegeben werden.

 

Und schlussendliche die Stellungnahme von WOE:

UPDATE 16 April: Hamburg ist Droneburg have issued a statement explaining the cancelation was forced last-minute by the…

Posted by Woe on Friday, April 14, 2017