Albert Mudrian – „Choosing Death“

 

choosing-death-neuLiteratur über extremen Metal ist selten. Natürlich ist „Lords Of Chaos“ das wohl bekannteste, wenngleich auch etwas pejoratives Buch über die wütende Jugendkultur hinter dem Black Metal. Wesentlich umfangreicher und besser ist hingegen Dayal Patterson „Cult„-Reihe. Für den Death Metal hingegen findet man eher Informationen um die spezielle Szene des „Swedish Death Metal“ bei Daniel Ekeroth oder den angereicherten Erfahrungsberich „Extremity Retained“ von Jason Netherton. Doch bereits vor Ekeroth (2008) und Netherton (2014) gab es eine recht umfassende Betrachtung von Death Metal und Grindcore: Albert Mudrian veröffentlichte 2006 „Choosing Death: Die unglaubliche Geschichte von Death Metal & Grindcore„. Nach 10 Jahren ist das Buch nun noch mal in einer überarbeiteten Fassung erschienen.

Erste auffällige Änderung ist zunächst das Cover. Das eher langweilige Artwork der Erstauflage wurde durch ein genre-typisches Bild von niemand geringerem als Dan Seagrave ersetzt. Dazu gibt es die Neuauflage bei Iron Pages auch als schickes Hardcover-Buch, das im Regal einen ordentlichen Eindruck macht. Die inhaltlichen Änderungen beziehen sich auf kleinere Änderungen im ursprünglichen Teil, sowie drei neue Kapitel (knapp 90 Seiten), neues Layout und eine ergänzte Diskografie.  Dabei kam dem Autor zu Gute, dass er quasi mit Fertigstellung der ersten Version von „Choosing Death“ (2004) das Decibel-Magazin gründete und somit nahe am Zeitgeschehen war.

choosing-death-altDoch bevor ich auf die jüngsten Ergänzungen eingehe, fangen wir doch ganz von vorne an. Denn dies macht Mudrian nach einer wunderschönen Einleitung von John Peel (RIP) auch. Er gräbt tief in den Wurzeln der aller extremen Musik, in den furiosen Auswüchsen des Punk und Hardcore, Bands wie Black Flag, Discharge oder Siege werden in ihrer Bedeutung immer wieder deutlich hervorgehoben. Dann geht es aber auch schon extrem schnell und fast schon chaotisch fastforward: Die Entwicklung um Napalm Death, Electro Hippies oder Extreme Noise Terror in England gibt sich nahtlos die Klinge mit Mantas und Death in den USA, Nihilist oder Carnage in Sweden. Immer wieder gibt es kleine Blicke in das restliche Europa, nach den Niederlanden, Österreich, Polen.

Von den furiosen Anfangstagen hin zum kommerziellen Interesse an der Musikrichtung, über die Übersättigung von Markt und Szene zum platzen der Blase, hin zu einer Renaissance und neuen Visionen. Muldrian beschreibt eine chaotische und rasante Reise durch die Geschichte von Death Metal und Grindcore. Bandmitglieder, Label-Chefs, A&R-Menschen, Veranstalter und Journalisten dürfen ihre Sicht der Dinge im rasanten Lauf der Dinge wiedergeben. Nicht immer einfach nachzuvollziehen und häufig voller Überwerfungen, sowohl in den Geschehnissen, wie auch in der schriftlichen Aufbereitung. Lediglich mit etwas Kenntnis um die involvierten Parteien und Namen, liest sich „Choosing Death“ spannend. Als Neuling in der Szene, dürfte manches Blättern und Rätseln notwendig sein, um all die Spieler auf dem Feld richtig zuzuordnen.

Da sind kleinere Fehler durchaus nicht hilfreich. Wenn beispielsweise in der Vorstellung der Protagonisten Luc Lemay und Danny Lilker mit dem gleichen Text beschrieben werden, oder das Debüt von Necrophagist bereits nach 1992 zurückdatiert wird. Ebenso mögen kleinere orthografische und typografische Fehler den Lesegenuss marginal trüben. Doch wenn man manches Fanzine gewohnt ist, blickt man da freudig drüber hinweg (;

Persönlich empfinde ich die aktuelle Erweiterung von „Choosing Death“ allerdings eher enttäuschend, denn als wirkliche Bereicherung. Muldrian hat bis Mitte 2014 hauptsächlich die Wiederauferstehung der großen Bands betrachtet. Carcass, Asphyx, Atheist oder Gorguts. Doch enttäuschenderweise wurde gerade Gorguts zuvor nicht sonderlich erwähnt, lediglich einmal als Fehlinvestition von Roadrunner Records. Erst als Obscura über ihre Namenswahl sprachen, wird der visionäre Stil von „Obscura“ erwähnt.

Derweil „jüngere“ Bewegungen im Death Metal, angefangen bei technischem Death Metal von Necrophagist, Origin oder Obscura, und auch „cineastischer Horror“ von Portal kurz angerissen werden, bleibt der Ausblick auf den „Post-Death Metal“ mit Blick auf Ulcerate, Nero Di Marte, etc. verwährt. Zugegeben, die Alben von Ulcerate konnte man bisher übersehen haben, die anderen Werke sind eher nach Beendingung der Neuauflage erschienen. Vielleicht kommt das aber noch mit der Version 3.0 von „Choosing Death“.

Hingegen gab es schon vorher im Grindcore deutliche Entwicklungen, die Muldrian nicht erwähnt. Beispielsweise die vermehrt technischen Ansätze von Discordance Axis oder Gridlink. Vielleicht sind diese Bands aus kommerzieller wie populärer Sicht nicht so spannend, wie die erwähnte neue Generation. Ins Buch haben es ja noch Pig Destroyer, Agoraphobic Nosebleed, Nasum oder Cretin geschaft, derweil Rotten Sound beispielsweise erst in der abschließenden Discografie erwähnt werden.

Im Metal hingegen werden selbst Slipknot kontrovers betrachtet. Derweil manch Musiker diese als konsequente, zeitgenössische Entwicklung des Death Metals ansieht, zerreisen andere die Band als modernen Nu Metal-Mumpitz. Wie auch immer man dazu stehen mag, es ist ein interessanter Ansatz in diesem Kontext.

Schlussendlich gibt es an „Choosing Death“ hier und dort Kleinigkeiten, die man kritisieren kann. Doch mit ausfallender Kritik ist man heute immer zu schnell. Beispielsweise weil die eigene Lieblingsband nicht genug Beachtung bekommen hat (Deteriorot, Incantation, Immolation), weil man sich an kleinen Fehlern aufhält, weil manche Fakten einem nicht gefallen, oder schlicht, weil man einfach immer was zu meckern hat (gerade darin bin ich eigentlich sehr gut!). Doch wenn man subjektive Befindlichkeiten außen vor lässt, wirklich objektiv einen Eindruck davon bekommen will, was Death Metal und Grindcore überhaupt ist, dann hat Muldrian einen fantastischen Job gemacht.

Man muss bedenken, der Autor hat unzählige Interviews selber geführt oder als gelesen, musste entsprechende Leute auftreiben, die oftmals gar nicht so im öffentlichen Bewusstsein standen und dann einen riesigen Berg an Informationen so orchestrieren, dass ein schlüssiges Gesamtbild daraus entsteht. Und das hat er definitiv mit „Choosing Death“ geschaffen. Trotz der turbulenten Ereignisse, liest sich das Buch schlüssig an einem Stück durch. Und es macht Sinn, es in seiner Gesamtheit zu sehen, und nicht aufgeteilt nach den interessantesten Kapiteln zu konsumieren. Ja, selbst wo mich die Ergänzung etwas ernüchtert hat, ist sie so flüssig an das originale Material angegliedert, dass  „Choosing Death 2.0“ immer noch in sich stimmig wirkt.

Somit kann man Muldrians Geschichtsstunde wirklich jedem Fan des Genres nahe legen. Egal, ob nun die Erstauflage bereits im Regal steht, oder ob man das Buch noch nicht besitzt. Um das Terrorizer-Magazin zu zitieren: „‚Choosing Death‘ ist eine Offenbarung, egal wie viel man zu wissen glaubt“. Wer hingegen geschichtlich mehr Fokus auf den Grindcore seit den frühen 90ern wünscht, sollte vielleicht noch auf die Fertigstellung von „Slaves To The Grind“ warten.

(2016 / Iron Pages / Hardcover / €21,90)

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