Webzine-Special: Fatalgrind

 

13933426_10207187909071883_53519402_nDas Fatalgrind gibt es leider nicht mehr. Dabei war der Jörg immer extrem fleißig und hat regelmäßig News, Reviews und Interviews rausgehauen. Für mich war er ein langjähriger Begleiter in meinem Feedreader und im Rahmen dieses Webzine-Specials freue ich mich, dass er mir ein paar Fragen beantwortet hat.


1. Hey Jörg! Wie geht es Dir? Vielen Dank, dass Du mir ein paar Fragen zu Fatagrind beantwortest, obwohl das Magazin mittlerweile auch an die zwei Jahre nicht mehr existiert. Dazu aber später mehr. Ich hoffe, Bier steht bereit und gute Musik dröhnt aus der Anlage, dann können wir auch gleich loslegen!

Läuft so, denke ich. Bin nicht so geübt im Palaver von der anderen Seite. Es ist morgens 10.30, hab so lange geschlafen, dass mir der Rücken vom vielen rumliegen brennt wie eine alte Scheune bei Heißsanierung. Musik verursacht zu dieser Zeit Kopfschmerzen – kann aber auch an Schwarzbier und Obstler liegen, die wie eine schlechte Erinnerung an den letzten Abend in meinem zerklüfteten Hirn mäandern. Also Nein, ich mach mir nicht schon wieder eine Flasche auf. Klingt das nach Euphorie und Energetik? …verdammt!

2. Fatalgrind hat im September 2009 angefangen. Direkt mal mit stattlichen 61 Reviews. Wow. Was hat Dich damals dazu bewogen, ein eigenes Webzine zu starten? Hast Du vorher schon bei einem Magazin geschrieben, oder woher kam dieser Haufen an Reviews im ersten Monat?

Hab ich tatsächlich und zwar seit irgendwann Ende der 90er. Viele Jahre in Leo´s FATAL UNDERGROUND. Später bei diversen Webzines. Unter anderem für das EXTREME AGGRESSION, bevor Rico mit FDA Rekotz so richtig durchgestartet ist. Dann ne ganze Anzahl an Zeugs für BRUVIEW, BRAINDEAD und sicher noch irgendwas. Dann wollte ich auch mal bei Leif und seinem CARNAGE einsteigen, weil Papier immer cooler ist, als den ganzen Quark am Rechner zu lesen. Das ist bis heute nicht mein Ding, mag den ganzen Technikkram nicht so wirklich, benutze nicht mal ein Handy. In gewisser Weise lebe ich wohl noch in der Prä – Google Ära und fühle mich darin pudel wohl. Da wo das Gros auf Wachstum und Geschwindigkeit setzt, gehe ich mit Absicht einige Schritte langsamer. Wer braucht schon die Hektik des anscheinend Normalen, ich lebe so wesentlich entspannter…vermute ich. Aber gut. Leif hat dann auch hingeschmissen und noch ein Interview an Hauber und sein MYSTICAL MUSIC vermittelt. Die meisten Webzines, die ich mit meinem Zeug zugespamt habe, haben das Handtuch geworfen und irgendwann hatte ich einfach keinen Bock mehr, immer wieder neu anzufangen und für die Formate anderer Leute (die ohne Frage alle sehr cool waren) zu werkeln. Ich wollte das nur noch für mich machen und alles ohne Terminscheiß und Druck an den Mann bringen, es sollte eben Spaß machen, ohne irgendwas erklären zu müssen.
Tja und der Berg an Reviews, den ich zu Beginn eingestellt habe, lag sprichwörtlich auf Halde, hatte eben einen gewissen Vorlauf. Manches war aber auch schon in erwähnten Publikationen veröffentlicht, hab mich halt bei meinem eigenen Kram noch mal neu bedient.

13875095_10207187909591896_1523602662_n3. Was war die Ausrichtung bei Fatalgrind? Hast Du primär das besprochen, was Dir selber gefallen hat, oder wolltest Du schon einen gewissen journalistischen Anspruch erfüllen und all den Promos gerecht werden, die digital oder analog in Deinem Briefkasten landeten?

Genau genommen wollte ich nur mir selbst gerecht werden. Mir hat das Schreiben einfach Spaß gemacht. Ich wollte niemals objektiv sein, was kompletter Schwachsinn ist, da das niemand kann. Ich hab viel durch den Kakao gezogen, teilweise wohl bitterböse Abfuhren verfasst und manches über den grünen Klee gelobt. Die Label und Promofirmen haben mich zugedonnert, selbst beim allergrößten Verriss, hab immer gehofft, dass mal welche abspringen würden, aber das Gegenteil war der Fall, als ob die alle schmerzzüchtig waren.
Anfänglich habe ich alles besprochen, was kam. Das habe ich mir aber schnell abgeschminkt. Wer will schon sein ganzes Leben am Rechner verbringen und sich so viel üblen Scheiß reintun. Schließlich war das Schreiben nur ein kleiner Teil vom Ganzen. Familie der viel größere und wichtigere. Und Geld verdienen in 4 Schichten als Pfleger war und ist auch essentiell. Mir blieb nichts anderes übrig, als eine Auswahl zu treffen und eben sehr viel unter den Tisch fallen zu lassen. Und nicht mal dadurch haben sich die Leute irritieren lassen und mich, auch wenn ich deren Zeug gar nicht besprochen habe, mit noch mehr akustischen Gewaltandrohungen bombardiert. Alles Bescheuerte, Du kannst die Leute ignorieren und trotzdem stopfen sie Dir den Briefkasten voll.
Und journalistischer Anspruch?, ich bitte Dich. Hab einfach nur drauflos getippt, das meiste war im Kopf schon längst fertig. Das wollte einfach raus und sein Eigenleben führen, außerhalb meines Schädels. Ich hab´s einfach zugelassen.

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4. Fünf Jahre hast Du Reviews, Interviews und News rausgehauen. Und dann war leider auch schon Schluss mit Fatalgrind. Was war der Grund? Zu viele andere, private Verpflichtungen, sodass keine Zeit mehr für das Webzine blieb? Oder ist einfach der Spaß an der Sache ausgeblieben?

Weil’s mir am Ende definitiv zu viel wurde, trotz Selektierens. War so nicht mehr zu stemmen. Außerdem schien ich mit meiner Art, die Worte an die Leser zu bringen eine Erwartungshaltung geschürt zu haben, die ich irgendwann nicht mehr erfüllen konnte und wollte. Ich konnte nicht immer noch zynischer, sarkastischer, bekloppter, lustiger und fieser werden. Alle Geschichten waren erzählt, jedes Riff gehört, jeder Takt besprochen und jede Frage gestellt. So einfach war das. Zu der Zeit habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt und das quasi als Alibi genutzt, um mich abzusetzen. Um es auf den Punkt zu bringen, ich hatte schlichtweg keine Lust mehr.

5. Ein Webzine hat nicht nur seine guten Seiten wie Promos von aktuellen Veröffentlichungen oder die eigene Befriedigung durch hohe Klickzahlen. Es gibt ja auch negative Aspekte, wie nörgelnde Fans, denen ein Review nicht gefällt, und die deswegen direkt ausfallend werden, Labels, die einem unsäglichen Pop-Kram schicken und dann dauernd nachfragen, wo das Review bleibt oder eben auch schon mal schlicht die Tücken der Technik, die häufig nicht so will, wie man selber gerne möchte. Was sind Deine persönlichen Highlights, Tiefpunkte und gemachten Erfahrungen aus fünf Jahren Fatalgrind?

Hat sich kaum mal jemand beschwert, dass ein Review unangemessen war. Wahrscheinlich weil ich immer etwas übertrieben habe, oder so verqueer schrieb, dass es sowieso keiner kapiert hat. Auf diverse Label mit ihrem Bergen an Müll hätte ich auch gern verzichtet, aber wie erwähnt hat es die meisten nicht beeinflusst, ignoriert zu werden. Hab es trotzdem getan. Was sollten die schon tun? Wir haben uns irgendwann in Ruhe gelassen, die haben mir ihr Zeug geschickt und ich hab´s in den Mülleimer geworfen.
Absolutes und durchgehendes Highlight war die generelle Hilfe im Netz, die ich über die Jahre erfahren habe. Mein Englisch ist sozialisationsbedingt nicht das sattelfesteste. Als DDR Kind mit 3 Jahren Freiwilligenkurse in Schulenglisch ohne praktische Erfahrung, stolperte ich anfänglich schon immens herum. Das war auch der Grund, warum die Reviews alle deutsch waren. Ich hätte mich außerhalb meiner Muttersprache niemals so ausdrücken und den vielen Mist verzapfen können. Bei den Interviews war das anders, die wollte ich zwingend auf Englisch machen. Da hatte ich tatkräftige Unterstützung von Scott von CLAWHAMMER PROMOTION und Chris von ZOMBIE HATE BRIGADE. Ich hab denen meine Entwürfe einfach zum geradebiegen geschickt und so viel gelernt. Nicht alles Amis haben einen an der Klatsche! Danke euch Jungs.
Am meisten gemocht habe ich, wenn ich zum einen Bands mit meinen Fragen dermaßen verwirren konnte, dass sie nachgefragt haben ob ich sie verarschen will und dann die coolsten Antworten bekommen habe. Und zum anderen wenn ich meine eigenen Kritiken nach einiger Zeit noch mal gelesen, und sie selbst nicht mehr kapiert habe. Was für mich anfänglich alles logisch war entpuppte sich später oft als Berge von Wortkonstrukten, die keinen nachvollziehbaren Sinn mehr ergaben. Hab mich über mich selbst kaputt gelacht. Das meiste war aber wohl doch ganz gewöhnliches Gewäsch, wie bei allen anderen auch.
Wirklich negativ und extrem frustrierend war es, das Speichern zu vergessen und wusch ist alles weg. Aber das kennst du sicher auch.

13884331_10207187909351890_1737524373_n6. Wie schaut es heute aus? Hast Du dem Metal den Rücken gekehrt, oder bist Du hörst Du immer noch fleißig Musik und besuchst Konzerte? Hattest Du neben Fatalgrind noch andere Baustellen, wie eine eigene Band oder einen Distro?

Nee, Metal und Grind sind immer noch mein innerstes Kerngeschäft. Ohne gezielten Radau funktioniert der Tag nicht. Ich fahre so oft zu Konzerten, wie es möglich ist. Seit November arbeite ich nur noch nachts und habe dadurch einen sehr angenehmen Freizeitausgleich, der es mir ermöglicht auch Clubshows unter der Woche zu besuchen. In meiner Region läuft bedauerlicherweise nicht viel, so dass ich dann nach Leipzig oder Berlin fahre. Und wenn du am nächsten Morgen nicht aus dem Nest musst, ist das sehr entspannend. Leider bin ich aber auch an den Wochenenden sehr häufig im Dienst, was andere Veranstaltungen, zu denen die „normalen“ Leute gehen, für mich unmöglich macht. Der Dienstplan hoppelt unplanbar von Monat zu Monat, sodass die meisten Gigs, die ich besuche, eher spontan angefahren werden. Is aber cool so, ich genieße das.
Und Band? – nee, habe überhaupt kein Rhythmusgefühl, frag mal meine Freundin! Außerdem bedeutete das, im Rampenlicht zu stehen. Ist nicht so mein Ding.

7. Würdest Du, mit Deinen persönlichen Erfahrungen, heute noch irgendjemanden Empfehlen, ein eigenes Webzine zu starten? Oder ist das Format mittlerweile ein Auslaufmodell? News zu den interessanten Bands bekommt man auf Facebook, auf Bandcamp kann man sich selber eine Meinung bilden und macht den Rezensenten obsolet. Oder denkst Du, dass wir Nachwuchs brauchen, der abseits der großen Webzines noch eine eigene Meinung verbreitet?

Klar, jeder soll sich überall ausprobieren. Ich hab´s damals als Blog gemacht, weil ich von dem Scheiß überhaupt keinen Plan hatte und ebenjener einfacher zu bedienen ist, wie ne Aufblaspuppe.
Und was heißt schon obsolet. Ich hab nie was gemacht, um anderen eine Orientierung zu geben, oder mit meiner Meinung irgendwie zu beeinflussen. Ich hab´s gemacht, weil´s mir Spaß gemacht hat. Ob nun jemand seine Grütze in Stein meißelt, das Netz damit belästigt oder auf Hochglanz poliert, ist mit vollkommen egal. Wer sein Köpfchen anstrengen will und glaubt, auch nur einen Hauch von Kreativität zu verspüren, der sollte loslegen, ganz egal auf welchem Format.
Ich selbst ziehe Gedrucktes immer vor, mag es nicht sonderlich, Artikel im Netz zu lesen. Ob nun zeitgemäß oder nicht, sei dahin gestellt. Ich habe die Onlinevariante auch nur vorgezogen, weil es nix kostet und so simpel umzusetzen ist.

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8. Wenn Du heute noch mal ein Webzine starten würdest, was würdest Du anders machen? Würdest Du wieder alles über Blogger machen und eine klassische Aufteilung in News, Reviews und Interviews fahren? Oder eher auf Bandcamp-Player und legale, kostenlose Downloads gehen? Oder könntest Du Dir eher vorstellen, in einem bestehenden Webzine mitzuhelfen, was sicher etwas weniger Arbeit macht, weil man nicht für alles alleine verantwortlich ist?

So wie es aussieht, wird das nicht wieder passieren, hab mich bei allen Promotern abgemeldet und es gibt immer noch reichlich von den Irren, die mich weiter bemustern. Du wirst die einfach nicht los.
Aber wenn, dann würde ich es wieder genauso machen, weil ich mich so einfach am wohlsten fühle. Ohne großen Aufwand (was das Layout betrifft) kannst du da schnell was zusammen bauen. Ist Nutzer und Bedienerfreundlich.
Für andere als Support würde ich nicht wieder schreiben, wenn, dann habe ich lieber alles selbst in der Hand und schulde niemandem was.

9. Jörg, vielen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten. Schade, dass es Fatalgrind nicht mehr gibt. Vielleicht sieht man sich ja dennoch mal auf ein Bierchen auf irgendeinem Konzert oder Festival. Die letzten Worte dieses Interviews gehören Dir!

„Letzte Worte“, war auch häufig mein Abschluss und dann habe ich da wenig oder gar nichts drauf bekommen. Jetzt weiß ich auch warum.
Cool, dass es da draußen noch jemanden gibt, der sich an mich erinnert. Der Blog steht noch, wer also den alten Quark mental verklappen will, bitte schön:
http://fatalgrind.blogspot.de/