PARTY.SAN OPEN AIR 2016

11.-13.08, Schlotheim, Flugplatz Obermehler

Unter keinem guten Stern stand für mich das diesjährige Party.San, das ich am Tag zuvor wegen Krankheit absagen musste. Pech, will man meinen, und dennoch schmerzte es mich, da doch so einige Lieblingsbands dort spielten und das Party.San eben das Party.San ist, nämlich ein Familienfest und Zusammenkommen von vielen Freunden und Bekannten, was dieses gemütliche und auch sonst sehr fanfreundliche Festival immer zu einem Jahreshighlight werden lässt. Schade. Umso gespannter war ich dann auf die Berichte meiner eigentlichen Begleiter, die Ihr im Folgenden zusammengetragen findet. Mein Dank gilt hier vor allem den Mädels und Jungs, auch extern, die meine Besprechungen übernommen haben. Ihr habt natürlich was gut bei mir! Also auf ins Getümmel, Freunde! (Lobi)

Donnerstag, 11.08.

II

I I aus dem beschaulichen Leipzig durften das Festival eröffnen. Bestalischer und grober Black Metal im Fahrwasser von Blasphemy, Conqueror, Diocletian und Axis Of Advance mit minimalstem Stageacting und leider etwas zerfahrenem Sound, der die Band einiges an Druck kostete. Leider war dann – und das muss ich betonen! – im Gegensatz zum Demo auch schon recht schnell die Lust raus und man widmete sich lieber der Begrüßung der anwesenden Zeitgenossen. Zu mehr als Hintergrundrauschen taugten I I dann leider nicht.

Sehr zeitig auf dem Spielplan landeten die ihre Reunion feiernden schwedischen Black-Metal-Semiklassiker MÖRK GRYNNING. Mit Kunstblut und Kaputzen erstaunlich zeitgemäß-mysteriös, spielten die Schweden dann auch ein sauberes Set herunter, dass weit weniger Enthusiasmus auszulösen vermochte, als ich mir erhoffte. Nein, Stimmung wollte nicht wirklich aufkommen. Die Ansagen auf Deutsch und das zugegebenermaßen fanfreundliche Verschenken von LPs von der Bühne herab taten ihr Übriges, dem Set die nötige Ernsthaftigkeit zu entziehen. Schade, aber vielleicht wird die Band aber mit zunehmender Live-Erfahrung in dieser Inkarnation dann doch ihre Stücke mit der angemessen Wildheit und Ernsthaftigkeit präsentieren können. An der Setlist gab es zumindest nichts auszusetzen: „Dagon“, „Journey“, „Tusen år har gått“, „The Final Battle“, „Templars“, „Ont blod“, „World Of The Dragon“, „Mörkrets gryning“.

Gruesome

GRUESOME muss man mögen. Kaum eine Band klingt so dermaßen pervers nach Schuldiners Deaths frühster Albenphase, da kann kein Fan sich abwenden. Innovation, Eigenständigkeit? Druff gschissen! Wer solche Songs verbricht, der darf gerne beides missen! Musikalisch profihaft astrein und wieselflink heruntergezockt, ist der Auftritt der All-Star-Band um Matt Harvey von Exhumed und jeder zweiten Band in der Bay Area, und dabei liefern Gruesome eigentlich nur Volltreffer, von denen meinem Empfinden nach „Savage Land“ neben den beiden obligatorischen Death Covers „Open Casket“ und „Land Of No Return“ (eigentümliche Wahl, sehr schön!) am meisten gefeiert wurden. Definitiv das erste Highlight des diesjährigen Festes!

Sehr gespannt war man dann auf den Auftritt von TRIBULATION, selbsternannte Kinder der Nacht, am Tage. Kann ihr düsterer Gothic Death Metal auch im Sonnenschein bestehen? Nun, Sonne gab es weniger, kühlen Wind allerdings. Hätte es geschüttet, es hätte zu den zum Teil todtraurigen Melodiebögen gepasst, die die leidenschaftlich aufspielenden Schwedengruftis dort oben von der Bühne ließen, allem voran „Melancholia“. Lieder vermögen die alten Death-Metal-Kracher nicht mehr wirklich zu dieser Band passen, wirken etwas deplaziert und auch das Soundgewandt ist nicht mehr wirklich stimmig. Ich nehme der Band wirklich den Wandel hin zu diesem düster-gotischen Stil ab, aber leider muss ich zugeben, dass ich auf die alten Kamellen gerne verzichten kann. Dennoch eine tolle Show einer der großen Bands der Zukunft!

Langsam bricht die Nacht herein und NECROS CHRISTOS besteigen die Bühne, um einmal mehr eines ihrer monolithisch schweren Rituale zu zelebrieren. Dies gelingt den (Wahl-) Berlinern auch: mystisch wie keine zweite Band ihres Genres, heavy und zermürbend ist ihr Set, und dennoch auf eine ganz eigentümliche Art majestätisch und erhaben. Es ist nach wie vor ein Jammer, dass diese Band in Bälde von uns gehen wird, denn damit verliert die Metal-Szene eine einzigartige Band, die es wie kaum eine zweite vermochte, in ihrer Kunst auch auf der Bühne voll und ganz aufzugehen!

ARCTURUS wollte niemand besprechen (beste Ausrede: „Ich habe Arcturus einfach nicht begriffen!“), daher geht es nun direkt zu Polens Black-Metal-Newcomer #1: MGLA! (Lobi)

Mgla

Wie immer vermummt, wie immer erhaben, MGLA zeigten einfach mal so locker, warum sie zur Speerspitze des zeitgenössischen Black Metals gehören. Ureigen ihr Riffing, die Texte, die kühle Melancholie. Perfekt und tight der Auftritt, gerade zu schnörkellos und ohne irgendwelche Kniffe. Alleine die Musik spricht (was nur SORTILEGIA noch weiter auf die Spitze treiben können). Und sie sagt: Fick dich, Welt, und verrecke! Geliefert wird ein würdiger Querschnitt aus den letzten beiden Alben und dieser wird auch ebenso würdig, wie auch gierig von den Fans aufgesogen, die ob des fesselnden Set teilweise einfach wie gebannt auf die Bühne starren, auf der dann doch so wenig passiert. MGLA haben ihre Fans einfach in der Hand!

Ein paar Worte vorab: „Redneck Stomp“, „Centuries Of Lies“, „Visions In My Head“, „Intoxicated“, „Bloodsoaked“, „Dying“, „Find The Arise“, „’Til Death“, „Don’t Care“, „Chopped In Half“, „Turned Inside Out“, „Slowly We Rot“. Reicht das? Ich meine, hat man OBITUARY einmal gesehen, weiß man, was man zu erwarten hat. Das volle Brett. Und das lieferten die floridanischen Klassiker auch. Hit an Hit, Klassiker an Klassiker. „Don’t Care“. Das war fett, das war intensiv, das war heavy, das war (auch ohne Celtic-Frost-Cover) großartig! All hail Obituary!

Paradise Lost

Headlinerzeit. Gespannt waren wir alle auf das Set, nachdem PARADISE LOST auf dem diesjährigen Roadburn schon „Gothic“ in seiner Gänze darboten. Gespannt auch, weil einige von uns Nick Holmes Chihuahua-mit-Verstopfung-Vocals einfach nicht abkönnen. Eine Reboot der Roadburn-Geschichte gab es nicht, dafür ein mehr oder weniger Hartwurst-Best-Of-Set. Mehr oder weniger, weil „Say Just Words“ gerade auch noch als Rausschmeißer einfach nicht passen wollte und dann doch zu wenig gespielt wurde, um es wirklich repräsentativ erscheinen zu lassen. Macht Euch selbst ein Bild von der Setlist: „No Hope In Sight“, „Pity The Sadness“, „As I Die“, „Hallowed Land“, „Rapture“, „Flesh From Bone“, „Eternal“, „Beneath Broken Earth“, „The Enemy“, „The Last Time“, „Ember’s Fire“, „Say Just Words“. Stimmlich versuchte Holmes nicht unbedingt, dem Bloodbath-Desaster nachzueifern, aber auch so hat man ihn schon schlechter gehört. Der Rest der Band lieferte einen sauberen, routinierten Auftritt ab. Für mich waren die „Shades Of God“-Songs die Höhepunkte, „Eternal“ schwächelte etwas an Holmes Gesang, sonst kann man die Show durchaus auf die Haben-Seite verbuchen, wenn auch etwas unwürdig für eine Headliner-Show. Die Band bewies hier einfach kein gutes Händchen bei der Songauswahl. So nehme ich dann doch Obituary als wahren Donnerstagsheadliner wahr…

Tentstage:

Ich persönlich fand, was so auf der Hauptbühne herumfleuchte, weniger spannend und so verbrachte ich fast den ganzen Donnerstag abwechselnd an der Bar und bei der Zeltbühne. Den Anfang machen für mich GRAVEYARD aus Schwanien. Immer wieder ein Freude ist es, den Herren bei ihrem Spiel zuzuschauen. Spielfreudig, enthusiastisch und fannah, dabei mit erstklassigen Songs im Gepäck, die so manchen Klassikern das Wasser reichen können. Feelgood-Death-Metal, HM-2-Sound mit viel Seele und Herz und Spass dabei! Für mich der perfekte Einstieg ins Wochenende. Und mit dem gleichen Sound sollte es dann auch weitergehen.

LIK aus Schweden. Lik kommen nicht nur aus Schweden, sie klingen auch genau ebenso. Stumpfer und direkter als noch Graveyard zuvor, viel mehr Dismember im Sound und einen Hauch Punk, so knüppeln die Jungs um Ex-KAAMOS Chris Piss ihre Spielzeit mit Links und sehr viel breiten Grinsern im Publikum herunter. Jawoll! Wenn Dismember weiterhin ruhen wollen, bitte sehr: ein würdiger Ersatz! Diese Leads! Diese Beats! Schwedentodherz, was willst Du mehr?!

BOMBS OF HADES? Genau! Alte Typen von alten Bands spielen rohen, angepunkten Death Metal mit Progressive-Rock-Einflüssen. Klingt strange? Ist es, aber passt. Zum einen ist Band-Chef Jonas (u.a. Abhoth, God Macabre und Crippled Black Phoenix) ein riesiger Prog-Fan, zum zweiten hört man diese Einflüsse live eh nicht heraus, hehe. Dafür rotzen die Jungs ihre gut 30 Minuten einfach mal discohaft ungeschnörkelt herunter: der D-Beat knattert, die Klampfen wetzen, die Leads kneifen. So muss das sein. Nach diesem Hattrick hatte ich dann allerdings auch keinen Bock mehr auf das Urgestein PURGATORY… und verzog mich zurück an die Bar.

Was PURGATORY noch auf der Zeltbühne verloren haben, selbst als Headliner, muss mir nochmal jemand erklären. Kein Scheiß, mir will das nicht in die Birne. Ohne jetzt irgendwem was vorwerfen zu wollen, aber Purgatory gehören auf die große Bühne! Schließlich handelt es sich bei ihnen um eine deutsche Death-Metal-Legende, die auf eine, vor allem die letzten Jahre, astreine Diskogrpahie zurückblicken kann und deren musikalische Entwicklung hin zu schwer-düsterem Incantation-Blei überaus gelungen zu bezeichnen ist. Nun gut. Purgatory bewiesen einmal mehr, warum sie eine der besten und beständigsten Band der deutschen Hartwurstszene sind. Massiv und brutal, dazu jedoch angemessen tight und mit genügen Abwechslung, dass man zwischen all dem Abbangen auch mal einen Moment des atmosphärischen Schleifens miterleben darf. Gerade dann sind Purgatory heavy to the max! Also, Leute, in zwei Jahren: Purgatory auf der Hauptbühe. Nicht. Als. Opener!

Freitag, 12.08.

Keiner von uns steht auf diesen modern und am Ende noch spassigen Goregrind-Sound. Deswegen tat sich auch wirklich niemand SPASM an. Sorry, Jungs! (Lobi)

Dass man einmal Norwegens Undergrundklassiker ISVIND auf dem Party.San sehen darf, hätte wohl niemand wirklich erwartet. Aber da waren sie. Auf der großen Bühne bei Tageslicht. Musikalisch war der Auftritt dann auch sehenswert, wenn auch nahezu völlig atmosphärearm. Dafür waren die Ansagen allerdings sehr seltsam, wenn auch amüsant zu sehen, dass einer dieser Party-Metaller, ein kräftiger Herr in zu engem Girlie, mit Fühlern auf dem Kopf (Seit wann, zum Teufel, zieht das Party.San solche Leute?) tatsächlich die Aufmerksamkeit der Band auf sich zog. Gebraucht hätte ich das allerdings auch nicht. Highlight für mich ist allerdings die Gesangsdarbietung die an spritziger Bösartigkeit an diesem Wochenende nicht überboten wurde. Leider konnte auch diese das Set nicht über das Level netter Nebenunterhaltung hieven.

KATALEPSY lieferten bodenständigen und technisch einwandfreien Brutal Death irgendwo in der Nähe von Suffocation, Dying Fetus und Pyrexia. Goove und Blast, Blast und Goove. Etwas Gewichse, dann wieder Groove und Blast in abgewogener Abwechslung. Tat keine weh, manchmal wippte man auch mit dem Kopf leicht mit und war dann doch wieder in eine Unterhaltung vertieft oder am Getränkestand, allerdings ohne die Intention, nochmal vor die Bühne zu gehen. Gutklassig und nichtssagend. Wäre eigentlich eher etwas für die Zeltbühne gewesen.

Goatwhore

NOLA-Black-Metal? Jawoll! Fucking GOATWHORE! Rotziger Black/Thrash mit leichten Sludge- (wen wundert’s?) und Death-Metal-Anleihen. Schön schnörkellos und auf den Punkt, eingängig und treibend. Die perfekte Bierbecher-in-die-Luft-Musik. Goatwhore rotzen ihr Set gehörig aggressiv herunter und machen dabei unverschämt viel Spass. Hier sitzen die Grooves, hier passt das Rotzen und Frontmann Ben (Was zum Teufel ist mit Soilent Green?) gibt den etwas eigenwillig-kauzigen Dirigenten. Spitzenentertainment, will ich meinen, und so schaffen es GOATWHORE auch, das mittlerweile eher miese Wetter vergessen zu machen! Cheers!

Wolfbrigade

Schön fand ich die dann irgendwann etwas vernachlässigte Tradition des PSOAs, immer mal wieder eine Crust-Band mit auf’s Billing zu nehmen. Dieses Jahr sollte es wieder einmal der Fall sein: WOLFBRIGADE. Neben Disfear wüsste auch keine passendere Crust-Metal-Kapelle für dieses Festival. Alf-Svensson-Riffs treffen auf D-Beat-Geschredder, Discharge auf Dismember. Die Songs sind kurz und umso zwingender, die Leads verlangen einem ab, frenetisch die Fäuste in die Luft zu recken und wild zu gröhlen! Die große Nähe zum guten, alten Schwedentod macht es der Band leicht, das Publikum zu fesseln und so herrsche sich Wolfbrigade durch ihre starke halbe Stunde mit Bravour und inbrünstiger Konsequenz! Tageshighlight!

Das große Problem von OBSCURA ist, dass all ihre Enegrie auf großen Open-Air-Bühnen einfach ins Nichts verpufft. Da können die Herren noch so toll und tight sein, nur in einem angemessenen Club mit angemessen perfektem Sound funktionieren die Münchner, wie sie es sollten. Natürlich sind die Erben von Chuck Schuldiner, von Atheist und Cynic auch auf der großen Bühne on point und spielerisch einfach erhaben. Aber was bringt all ihre Perfektion, wenn sie den Hörer nicht erreichten, der vielleicht vom Soundchaos angenervt oder überlastet ist? Ne, Leute, trotz des echt passablen Sounds wollen Obscura keine Treffer landen, schießen regelmäßig ins Leere und können nicht mal etwas dafür. Ich bleibe dabei, diese Band ist nicht für Open-Air-Bühnen geschaffen.

Bölzer

Einen wirklich steilen Aufstiegt hat das Schweizer Duo BÖLZER hinter sich. Von einem Demotape zuerst in Kleinstauflage zu ziemlich guten Slots auf Festivals sind keine fünf Jahre ins Land gezogen und auch das Debütalbum wirft seinen Schatten bereits als der große Wurf voraus. Alleine die Soundwand, die das Duo aus Schlagzeug und Gitarre erschafft ist in Stil und Spiel einzigartig. Dazu diese eigenewilligen Vocals zwischen wildem Brüllen und fast Klagen, dass durch Mark und Bein geht. Großartig. Zuletzt noch auf der Zeltbühne unterwegs, nun schon auf der Hauptbühne des Festivals. Und sie fühlen sich kein bisschen verloren dort oben an, wenn auch nur zu zweit. Zu mächtig ist die heraufbeschworene Wand, die alles und jeden niederdrückt. Die Wellen an Riffs rasen über das Publikum hinweg, das Schlagwerk martert jedes Trommelfell. Die showferne Schnörkelarmut des Auftritts untermauert nur noch mehr die Macht, die diesen beiden Musikern entfährt. Wahre Kunst braucht keine Masken und vordergründige Showelemente. Wahre Kunst lebt aus sich heraus!

In der aktuellen Inkarnation wohl live tight wie nie zuvor, luden ANGELCOPSE zu einem Höllentanz sondergleichen ein. Pfeilschnell und rabiat, aber niemals primitiv, hackten sich die Amerikaner durch ihre zu Recht als Klassiker verschrienen Werke. Der tiefschwarze Morbid-Angel-meets-Conqueror-Sound verfehlte zu keiner Sekunde und Helmkamp ist noch immer einer der fiesesten Barden des Genres. Wie ein Wirbelstrum zogen die Amerikaner über das Party.San hinweg und hinterließen nur noch Schutt und Asche für die nachfolgenden Bands. Dies, meine Damen und Herren, war ein Lehrstunde in Sachen schwarzen Death Metals.

Daran kam für mich heute nichts mehr ran. Nicht mal DESTRÖYER666. Die Band mit einem der plakativsten Namen. Ever. Bierzelt-Black-Metal nannte ein Kumpel sie einst. Und das wird den Herren (u.a. von Grave Miasma) um den Exil-Aussi KK Warslut auch gerecht. Etwas Epik, viel eingängiges Regödel mit Stampf-Parts und Mitgröhl-Passagen. Genau das Richtige für einen bierseligen Nachmittag. Die dargebotene Ensthaftigkeit kann ich der Band zwar nicht abnehmen, dafür bleibt aber ein unterhaltsames Set in Erinnerung, das zum Runterkommen von Angelcorpse absolut klar geht.

Dass EQUILIBRIUM niemand gesehen haben will, glaube ich zwar nicht, aber sei’s drum! (Lobi)

Dying Fetus

DYING FETUS sind eine Maschine. Absolut auf einander eingespielt, perfekt getimt und durchorganisiert. So perfekt, dass sie auf mich nur noch seelenlos wirken. Das gilt im Übrigen auch für ihre Alben, die ausgewogen an ihrem ureigenen Reißbrett entstehen. Durchkalkuliert und designt. Weg ist die Wut, weg ist die urtümliche Brutalität. Da ist das Uhrwerk. Mich berührt das selbst bei den wenigen alten Songs kein bisschen mehr – „Killing On Adrenaline“ als Rausschmeißer. Aber wenn die Fans Spass haben… und das hatten sie wohl offensichtlich. Ich bin keiner mehr.

Hey, EXODUS haben auch gespielt! (Lobi)

Carcass

Seit der Reunion haben CARCASS unzählige Male bewiesen, dass sie mehr als würdige Headliner sind. Die Band hat sich auf der Bühne geradezu zu neuen Höhen aufgeschwungen und bleibt doch sich selbst mit einer reichhaltigen, alle Phasen berücksichtigenden Setlist treu. Natürlich darf es immer mehr von den ersten beiden Alben sein, aber selbst Songs des etwas durchwachsenen Reunion-Werks sind live um Längen zwingender. Leider fehlte das grandiose „Mount of Execution“. Überhaupt empfand ich das Set als überaus kurz. Mit „Reek Of Putrefaction“ und „Exhume To Consume“ abzuschließen, ist sicher ein Geniestreich, auf den kein anderer gekommen wäre, aber danach war Schluss und ich erstmal so: hä? Nun gut, ändern kann man das nicht und so bleibt auch diese Carcass-Show ein weiteres gelungenes Happening in geselliger Runde!

Tentstage:

Cryptic Brood

Opener der Tentstage waren freitags die Death-Metal-Assis von CRYPTIC BROOD. Meint: Autopsy und Abscess, alles was wetzt und dreckig goret. Ich stehe ja total auf diesen Sound, den die drei Kollegen da so unbekümmert und unbedacht aus dem Bauch heraus fabrizieren und hatte nun auch schon havannaselige Freude an dem Auftritt. Die Jungs machen mit ihren Songs einfach alles richtig. Das rotzt und rockt noch irgendwo schräg, das bolzt auch ohne nur eine Sekunde nach später als 1995 zu klingen. Das wird von einer Band heruntergeholzt, die mit viel Herzblut bei der Sache ist. Spitzenauftritt. Sicher meilenweit entfernt davon, perfekt zu sein, aber einfach echt.

VIDARGÄNGR. Schon wieder. Schon wieder saucool. Second-Wave-Black-Metal der rohen Sorte, ungekünstelt brutal ins Gesicht! Raserei galore und eine Intensität in Spiel und Auftritt, wovon sich so ziemlich jede Black-Metal-Band des Wochenendes eine dicke Scheibe abschneiden konnte. Da stört es auch nicht, wenn live jeder Song gleich klingt. Auch die Attitüde ist angemessen abgefuckt, ohne aufgesetzt zu wirken. Bitte mehr davon!

Implore

HM2-Death-Metal trifft auf schwedischen Grindcore? Klingt hip, ist hip und dazu auch noch ziemlich gut gemacht. IMPLORE zerlegen mal die mir nichts, dir nichts die Zeltbühne. Irgendwo ziemlich genau das, was Nails gerne sein wollten, so hacken die Implore-Punks in bester Nasum-Manier los. Kurz und schmerzvoll. Die Schwedenanleihen sind kaum zu überhören; der Klang, der Groove. Das mach die ganze Chose live umso schmissiger. VOLLTREFFER! Aber für mich dann auch die Band, die die Zeltbühne an diesem Abend zu Grabe getragen hat. Diese fast tanzbare Möchtegern-Paradise-Lost-Kapelle konnte ich nicht lange ertragen.

BODYFARM lieferten eine kraftvolle und recht mitreißende Show. Eingängige Songs, Groove und Geprügel, publikumsnahes Auftreten erhöhten noch den Sympathiebonus. Dazu noch das astreine Spiel der Kollegen. Als Rausschmeißer eigentlich perfekt und so war hier auch schon nach gut 30 Minuten Schluss. Schade für die Band, die jetzt erst richtig warmgelaufen schien. Ich wünsche Bodyfarm jedenfalls in den kommenden Jahren einen Slot auf der Hauptbühne. Ich glaube, die können auch die Massen rocken!

Samstag, 13.08.

Jemand RECTAL SMEGMA gesagt? Nein? Also ab zu IRON REAGAN! (Lobi)

Iron Reagan

Crossover-Thrash für Bandana-Träger. Eine Ecke krachiger vielleicht, als so mancher Klassiker, ein weniger früher Earache-Sound noch mit drin, aber – Hölle! – wie geil. Leute von Municipal Waste und Darkest Hour nehmen das Thrash im Core mal richtig ernst und abgeht’s! Excel, No Mercy, DRI, Cryptic Slaugter, you name it! Und sie legen nach, sogar mit einem Cannibal-Corpse-Cover: „A Skull Full Of Maggots“! Natürlich die volle Verschwendung, die Jungs so früh zu verheizen, dann aber wieder ok, da vielleicht nicht gerade DAS Publikum für eine Band wie Iron Reagan. Geile Show! Mehr davon!

Klirrender Black Metal am Nachmittag? Na, ob das gut gehen kann? Kann es nicht. Dazu fehlt es SVARTTJERN einfach an gutklassigem Songmaterial. Dafür haben sie aber diesen Sänger, der humorig und selbstbewusst den einen oder anderen Witz reißt und so gar nicht zum Corpsepaint-Blut-Image passen will. Zumindest also unterhaltsam. Das ist mehr, als beispielsweise ISVIND von sich behaupten konnten.

Sulphur Aeon

Meiner bescheidenen Meinung nach spielen SULPHUR AEON viel zu früh. Auch eine der Bands, die den Sprung von Tentstage zur Hauptbühne geschafft haben – und das völlig verdient. Beide Alben großartigster, pompöser, aber nicht aufgesetzt wirkender Death Metal, bei dem wirklich inkl. Artwork und Lyrics alles, aber auch wirklich alles stimmig ist. Und auch an diesem Nachmittag wissen Martin, Torsten und Co. zu überzeugen, auch dank dem wirklich mal sehr guten Sound. Nur die Sonne (sic!) stört. Sulphur Aeon gelingt es allerdings dennoch tatsächlich, ihre ganze Magie zu entfachen und ihren majestätischen Death Metal über das Gelände erschallen zu lassen! Cthulhu wäre mächtig angemacht davon.

Wie leicht zu erraten war, kommt Thrash bei meinen Leuten nicht gut an. Auch SUICIDAL ANGELS nicht. Sorry, Bros. (Lobi)

Mal ohne Scheiß, brauch auch nur ein Mensch MEMORIAM? Halbgare Riffs, die vom Proberaumboden der Hauptbands – Benediction, Bolt Thrower, Cerevral Fix, Legenden, Klassiker – aufgelesen wurden, gepackt in zusammengestückelte Songs, die unausgegoren daherkommen. Hauptsache schnell was zusammengespastelt, dass man ja auf die Bühne kann. Klar, Kalles Live-Vocals killen noch immer. Natürlich ist er noch immer der König auf der Bühne und hat das Publikum in der Hand, aber der Rest ist wahrlich unter der Würde der beteiligten. Und die wollen wirklich ein Album rausbringen? Mir graut es jetzt schon davor…

Niefelheim

NIFELHEIM kann man getrost als Statement in Form einer Band betrachten. Das ist Leidenschaft. Das ist Beständigkeit. Und das ist Kult. Kult der lebt und vital ist und Songs schreiben kann, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Und so bricht von der Bühne herab ein Orkan aus wildem, thrashigen, schwarzen Heavy Metal über die Fans herein. So wunderbar direkt, so wunderbar ehrlich und absolut mitreißend. Dabei sowas von überdreht und – wie ich annehme – selbstironisch, dass es einfach nur eine Freude ist, den Brüdern bei ihrem klischeebeladenen Gehacke zuzuschauen. Man wünschte sich echt, die Band würde man öfter zu Gesicht bekommen, denn hier stimmte für mich einfach alles. Eine Band, die einfach macht, worauf sie Bock hat, zu dem steht und dennoch nicht zur Parodie verkommt. All hail Nifelheim!

Was kann man über eine GRAVE-Show schreiben, was noch nicht vorher geschrieben wurde. Klar, die Band ist eine Bank. Live sowieso. Man wünscht sich nicht einmal mehr Jörgen zurück ans Mikro. Wobei das schon geil wäre. Geil sind dafür all die Gassenhauer. „Into The Grave“, „You’ll Never See“ und zum Glück noch immer noch kein „Soulless“. Weniger geil ist aber der Sound. Kein Plan, was der werte Mischer da meinte zu fabrizieren. Aber Grave sind nicht gerade King Crimson. Das muss doch möglich sein, vernünftig hinzumischen. War es wohl nicht. Schade… dennoch wie immer eine coole Show.

Immolation

Einen wahrlich gewaltigen, die Show vor zwei Jahren (mit der Nähmaschine als Schlagzeuger und nur einem Gitarristen) wieder gutmachenden Auftritt legt die US-Legende IMMOLATION hin. Der Sound ist mächtig, die Band natürlich perfekt und Dolans Gesang klingt wie aus dem Arsch des Wahrhaftigen gepresst. Mit „Dawn Of Possession“ und „Despondent Souls“ gibt es zum 25. Release-Jubiläum des Debütalbums sogar zwei Klassiker davon, aber auch so haben Immolation eine überaus abwechslungsreiche Setlist gezimmert, die sogar von einem neuen Song, dessen Titel mir leider entfallen ist (höhö!), geziert wird. Mein Hochlicht war allerdings „Father, You’re Not A Father“ und Vingas irres Spiel!

Im letzten Jahr waren es Kröter, im diesen Jahr vertreten SODOM die deutsche Thrash-Szene auf dem Party.San. (Und was ist mit Taake? – Lobi) Zunächst die gute Nachricht: Sehr publikumsnah, sehr kommunikativ und sympathisch. Leider fällt die Songauswahl sehr querbeet aus und die klitzekleine Hoffnung, man würde sich eher auf die Frühwerke des Hartwurst-Festivals wegen konzentrieren wird enttäusch. Ich find Sodom eben nach „Persecution Mania“ nicht mehr so toll. Nichtdestotrotz liefert die Institution natürlich und Fans dürften begeistert gewesen sein. Von meiner Warte aus war es auch ein soweit gelungener Auftritt, nur die guten Songs fehlten eben weitestgehend.

At The Gates

Und dann war es soweit. Der Headliner. Der Headliner meines Lebens. AT THE GATES. Und irgendwie wollte der Funken nicht überspringen. Ich habe die Schweden wirklich schon oft gesehen, aber niemals haben sie mich nur einfach nur begeistert. Lag es daran, dass man nach drei Tagen Festival einfach ausgepowert ist? Oder lag es daran, dass Tompa eher routiniert sein Ding abzog, manchmal beim Singen sogar danebenlag? Überhaupt wirkten At The Gates etwas zu abgeklärt. Das Feuer fehlte irgendwo. Vielleicht ist es an der Zeit, mal ein bisschen (Und zwar NUR ein bisschen! – Lobi) Pause einzulegen, nach dem unermüdlichen Touren die letzten Jahre? Ich weiß es nicht. Natürlich kickten aber die Songs, Klassiker wie auch neuere Werke. Natürlich bekomme ich noch immer bei Tompas marternden Schreien eine Gänsehaut wie vor über 20 Jahren. Natürlich bleiben At The Gates die beste Metal-Band der Welt, auch wenn sie einfach an diesem Abend ‚nur‘ geil waren und nicht mehr. An dieser Stelle noch in Namen des Teams: Danke Party.San, danke Crew und alle Beteiligten für ein weiteres schönes, gelungenes Festival! Wir freuen uns auf nächstes Jahr!

Tentstage:

Krass, wieviele Leute MOSAIC ziehen! Das hätte wohl niemand erwartet. Im Gegensatz zu ein paar Wochen zuvor auf dem Chaos Descends Festival funktionieren Mosaic im Zelt hervorragend, wenn auch wohl nicht so überragend, wie bei Nacht. Astrein ist natürlich auch diese Auftritt. Wunderbar abwechslungsreicher, dennoch traditioneller Black Metal, der seine Inspiration durchaus eher bei Ulver, Enslaved und frühen Borknagar, sowie diversen Folk-Produkten gefunden haben dürfte, denn bei Baumliebhaber-Metal der Marke Wolves In The Boredom. Absolut auch stimmig der Auftritt mit allerlei rituellen Utensilien, ohne irgendwie lächerlich oder aufgesetzt daher zu kommen. Stark!

Weak Aside

WEAK ASIDE machen so ziemlich das, worin Memoriam zuvor versagt hatten. Fett treibender, walzender Death Metal mit Grave- und vor allem Bolt-Thrower-Untertönen. Absolut bodenständig, blödsinnfrei und heavy as fuck. Dabei ist der Auftritt überaus engagiert und zeigt die Band wahrlich von ihrer besten und überzeugenden Seite. So manche Band auf der Hauptbühne könnte sich hiervon ne ganz dicke Scheibe abschneiden. Schön wäre es jetzt noch, wenn die Band dann auch mal etwas präsenter auf den kleinen Bühnen der Republik wäre…

Neben Immolation sind RAEBELLIUN wohl DAS Death-Metal-Festival-Highlight, wenn es um US-Brühe geht. Getrieben von brasilianischem Wahnsinn bieten Raebelliun ein wahnwitziges Brett irgendwo bei Morbid Angel, Monstrosity und Deicide, sind dabei superpräzise und schaffen es dennoch und trotz der andauernden Blast-Salven gut ins Ohr zu gehen. Schön, dass die Band wieder aktiv ist und noch immer diese Sound fabriziert und damit ja auch meilenweilt neben allen momentanen Death-Metal-Trends liegt. Fette Sache!

DROWND gehören für mich zu den besten Todesbleibands Deutschlands. Nach mehreren Kurskorrekturen hat sich ihr Sound über die letzten Jahre gefestigt und so bieten die Berliner schweren, bisweilen doomigen Death Metal irgendwo zwischen Klassikermaterial von Incantation, Asphyx, wenigen Schweden-Anleihen, allerdings mit überaus eigenwilligen, zum Teil schrägen und meiner Meinung nach Prog-Rock-beeinflussten Melodien. Sicher kein Easy Listening, aber dafür live eine überaus schweres Brett, sogar nur zu dritt. Bleibt noch die Frage: Wann kommt was Neues von Essenz, Leute?

 

Dieser Erlebnisbericht wurde zusammengetragen von Micha K., Sandra L., Christian K., Partick M., Ronnie und Kathy. (Danke, Leute! – Lobi)