Chaos Descends Festival 22. – 23.07. 2016

Freitag, 22.07.2016

Da ich mich bereits im letzten Jahr zu der wunderbar-altbackenen Location äußerte und das ebenso wie die Pros und wenigen Cons des Festivals selbst eigentlich nur wiederholen könnte, schenke ich mir das und gehe gleich in die Vollen: Nein, SWANS und BLASPHEMY kann man als die Headliner des Vorjahres nicht toppen. Und dennoch war die Neuauflage des Chaos Descends Festivals mit allem drum und dran auch in diesem Jahr fantastisch (die eiskalte Gefängnisdusche Samstagfrüh mal ausgenommen)!

Beginnen wir also gleich mit dem Opener HORNS OF DOMINATION, die bei einer Schweinehitze Freitagmittag die Bühne bereits anfackelten. Leicht schräger, leicht bestialischer, leicht doomiger, leicht chaotischer, aber stets abwechslungsreicher Black/Death, nicht ganz so weit von Bölzer entfernt, aus der Nürnberger Gegend. Die Darbietung war wie immer fantastisch und intensiv, die Hitze aber unerbittlich und so die Publikumsreaktion auch eher verhalten. Klar: erste Band, dann noch diese Hitze. So mancher wird sich hier im Nachhinein in den Arsch gebissen haben. Nicht viel besser traf es I I, Leipzigs neue Ziegenmörder #1, sehr tighter, überaus brutaler, nie unkontrollierter Blasphemy-Conqueror-Axis-Of-Advance-Massivsound, so präzise wie eine mit Skalpellen besetzte Kettensäge. Auch hier verpufft diese schiere Gewalt etwas an der Wand aus Hitze und dem Vakuum, das die nicht Anwesenden schaffen. Schade. Aber kein Grund, zu verzagen; ich bin überzeugt, dass man beide ohnehin nun öfter zu sehen bekommen wird.

Ebenso wie Thüringens MOSAIC, das fantastische, genregrenzen weit überschreitende Folk/Black Metal Projekt aus dem Umfeld des Kollektivs House Of Inkantation. Auch eine Band, die nichts bei Tageslicht auf den Bühnen verloren hat. Doch auch die nun langsam schwindende Hitze konnte dem wunderbaren Set die Magie nicht ganz rauben. Wunderbar getragene, spannend-mystische Stücke im Spannungsfeld (ganz grob) alter Ulver und Wolves In The Throne Room, definitiv Baumliebhaber-kompatibel, aber meilenweit vom typischen Cascadian-Kram entfernt. Trotz der vielleicht gerade im Easy-Listening-Bereich angesiedelten Darbietung, vermochten Mosaic nun auch mehr Publikum vor die Bühne zu ziehen – völlig verdient.

REVEAL (nun mit ! am Ende) habe ich leider im Folgenden bei Gesprächen ignoriert. Das ist mit Sicherheit schade, denn zum einen kam die eigenwillige Darbietung wohl bei einigen so gar nicht gut an, zum anderen hat die Band die nach einigen vorab veröffentlichten Tracks die erahnte Kurskorrektur wohl tatsächlich vollzogen. Man darf gespannt auf das kommende Album sein… und ich war dann zu MISÞYRMING zurück vor der Bühne. Und ganz wie gehabt, boten die Islander ein fantastisches Brett. Wild und ungestüm, musikalisch niemals ins Chaotische überkippende Furioso-Kracher, wie sie derzeit (fast) nur aus Island kommen können. Intensiv und mitreißend, dabei herrlich unangepasst und schräg im Auftreten. Knüller! Wird wirklich Zeit für Album Nummer 2, Leute!

Anschließend enterten meine schwedischen Altarschänder-Darlings DEGIAL die Bühne, rabiaten sich durch ihr Set und waren wieder verschwunden. Man hört ja gerne, die Band wäre ein Watain-Abklatsch, was ich nach wie vor nicht wirklich nachvollziehen kann. Jenseits der Ästhetik jedenfalls. Roher und morbider kann man das Morbid-Angel-Frühwerk kaum preisen! Wieselflink wird ein Hassgeschoss nach dem anderen ins willige Publikum und in die nahende Nacht (endlich!) gefeuert, nicht immer ganz präzise, immer mit einer leicht assigen Note, dafür mit mehr mitreißendem Charme als der Großteil der zeitgenössischen Kollegen aufbieten kann. Gewinner!

ARTHUR BROWN respektive seine Band THE CRAZY WORLD OF ARTHUR BROWN gehören dann zu den musikalischen Ausreißern des Festivals. Schräg-verrückter, leicht psychedelischer 70er Rock. Ok. Seinen Hit kennt jeder und mehr habe ich nicht dazu zu sagen. Habe ich nämlich nicht ganz unabsichtlich verpasst. Schließlich muss man ja auch mal… jedenfalls war ich zu den mächtigen REVENGE wieder am Start und überaus entzückt. Ich hatte Revenge einige Jahre nicht mehr gesehen und empfand sie damals schlicht als katastrophal. Schlecht gespielt und somit ungewolltes Chaos. Dem war dieses Mal nicht so. Was für eine MACHTDEMONSTRATION (wenn auch nicht ganz so mächtig wie Blasphemy im Jahr zuvor)! Ein Gewitter aus brutalsten Blastbeats (J. Reads Spiel ist wirklich unglaublich) und Gitarrennoise und Kotzen. Absolut die Vertonung eines Mörser-Bombardements. Unerbittlich und alles niedermähend. Das perfekte Massaker! Und für mich das Highlight des Tages. Ein absolut nicht zu toppender Wirbelwind aus schierer musikalischer Radikalität. Wie es die drei Musiker schaffen, die ohnehin schon chaotischen Stücke so tight darzubieten, immer auf Messers Schneide zum totalen Lärm, wird wohl nicht nur mich schwer begeistert haben. Wirklich meine monumentales Set. Wenn auch nicht für jedermann.

Den Tag sollten die französischen Avantgardisten ALUK TODOLO abschließen. Eigentlich live eine tolle Band, die mich aber nach dem umwerfenden Ständchen von Revenge kaum noch berühren konnte. Zu sehr hatte sich J. Reads Spiel mir ins Gehirn gehämmert. So blieb noch die Bar und allerlei lustige und gute Gespräche mit vielen Bekannten und Freunden. Kurz: ein toller Einstand.

Samstag, 23.07.2017

Samstag sollte wettertechnisch durchwachsen bis pitschnass werden. Gestört hat es mich selbst kaum, auch wenn es mir um so einige Bands leid tat. Dazu aber später mehr. Nach dem üblichen Festivalmorgenablauf ging es mit den süddeutschen Newcomern SACROSCUM los. Sehr junge, aber saucoole Leute aus Memmingen, Kumpels von Kumpels, womit man sich gerne vor die Bühne schleppte. Und siehe da, was das Demo versprach, konnte auch der Auftritt einlösen. Derbe dreckiger Black/Thrash mit D-Beat/Punk-Schlagseite. Fenriz würd’s freuen. Vielleicht nicht gerade treffsicher, dafür umso enthusiastischen rotzten die Memminger ihr Set herunter und schafften es trotz Regen, auch einige Leute vor die Bühne zu ziehen. Gelungen, möchte man attestieren.

Mit dem nun an Stärke zunehmenden Regen kamen auch die Exzentriker MALOKARPATAN auf die Bühne. Eigenwillige Typen (bisschen Master’s Hammer, was), aber cool-kauziger Black Metal, durchaus offen für diverse Einflüsse. Ich persönlich störte mich aber am Bohème-artige Auftreten des Sängers, das mir vollkommen die Ernsthaftigkeit des Auftritts abhandenkommen ließ. So wurden bald die Gespräche in den Schutz spendenden Merch-Ständen interessanter als die eigentliche Show. Schade irgendwie, das Debütalbum der Slowaken ist dennoch großartig.

Anschließend sollten die Dänen SLÆGT – nette Jungs auch, die mir später leider vom Tod der Quasi-Schwesterband Reverie, die vergangenes Jahr das CDF besuchten, erzählten – das größte Opfer des doch tollen, strömenden Regens werden. Dabei sind die Jungs unglaublich gut mit ihrem leicht 70er-Rock angehauchten Dissection-Metal. Sie spielten quasi vor niemandem, nahezu jeder schien sich wo untergestellt zu haben. Sehr schade – und doch, die Band lieferte ein – zumindest von meiner Warte aus so zu hören – wunderbares Set ab, wenn auch vielleicht nicht in voller Länge. Verständlich. „Beautiful And Damned“ sollte man dennoch mal gehört haben. Mit Sicherheit eines der großen Werke in diesem Jahr.

Passend zum Ende des Auftritts von Slægt ließ dann auch der Regen nach und Menschen trauten sich zu THE BLACK HEART REBELLION vor die Bühne. Auch so eine Band, die stilistisch arg aus der sonstigen Chaos-Descends-Marschrichtung ausreißt. Ehemals eher im modernen Screamo und Post-Hardcore verortet, heuer vielleicht percussionlastiger Post Punk mit tribalartigem Drumming und sehr diverser Instrumentalisierung ebenso wie mit Einflüssen aus (Neo-) Folk-, Post-Industrial-, Post-Rock und Gothic-Ecke – und King Crimson. Ich persönlich muss an Manches von Swans, aber auch an Michael Giras Angels Of Light- und Drainland-Alben denken, ohne dass TBHR ihre Inspiration ausschließlich daraus schöpfen würden. Eingängig geht auf jeden Fall anders, Metal mal ganz, ganz anders. Und ich freute mich sehr auf den Auftritt der Belgier aus dem Amenra-Umfeld. Gerade das aktuelle Album „People, when you see the smoke, do not think it is fields they’re burning“ war ein Jahreshighlight. Introvertiert wirkten sie, regelrecht fremd, aber kein bisschen zurückhaltend an ihren Instrumenten. Fesselnd und fiebrig (was auch an der Post-Regen-Schwüle gelegen haben könnte) und furchtbar spannend, dass ich gar nicht merkte, wie schnell die Zeit verging. Für mich definitiv ein Highlight des Tages, auch wenn ich die vielen negativen Stimmen danach schon nachvollziehen kann. TBHR sind sicher nicht jedermetallers Ding.

Um OUR SURVIVAL DEPENDS ON US ein schlechtes Rezi hinzuschlonzen, dazu habe ich vor den Leute zu viel Respekt. Der Funke wollte aus diversen Gründen an diesem Samstag einfach nicht überspringen. Da kann ich das Album noch so geil, die Typen noch so nett finden. Sorry – und deswegen lass ich es auch. Die Reaktionen waren durchweg positiv, womit es dann wohl eher an mir und den doofen Drinks lag. Dem zum Opfer fielen auch EURYNOMOS und das Judas-Priest-Abziehbild RAM. Aber da weiß ich, die hätten mir nicht gefallen.

Etwas unglücklich fand ich, DEAD CONGREGATION und INCANTATION, die ja beide recht ähnlich erschallen, direkt nacheinander spielen zu lassen. Profanatica hätte man mit ihrem ersten (?) Europa-Auftritt überhaupt getrost dazwischen packen können. Nun gut. Wie erwartet herrschten beide durch die Bank. Incantation etwas mehr als die Griechen, die allerdings eine kein bisschen weniger State-of-the-Art-Show ablieferten. Gewaltig walzend, wüst prügelnd, furztrocken und finster. Wie der Vater nach dem Sohne. Für mich war das Doppel derartig überwältigend, dass danach für mich das Festival quasi gelaufen war. Nicht. Zu. Toppen.

PROFANATICA boten, was man eben von Profanatica erwarten durfte. Stumpf. Eigentlich voll geil, aber kamen einfach nicht mehr an mich heran. Schade auf jeden Fall, da ich die Band über weite Strecken großartig finde. Schade auch, dass Ledney keinen Gastauftritt bei seiner Ex-Band Incantation hinlegte, aber das ist wirklich nur ein Detail. Festzuhalten bleibt, dass Profanatica allen Erwartungen zum Trotz eine überaus tighte, ziemlich perfekte Show hinlegten, auch wenn ihre Kostüme dann doch etwas lächerlich waren.

Nach 60 Minuten Umbau – diese Show dürfte die aufwändigste ihrer Art in der gesamten Geschichte des Festivals inkl. den Hell’s-Pleasure-Jahren sein – betraten MYSTICUM in grell-weißes Licht getaucht die Bühne. Ich kann auch hier sagen, dass mich der Auftritt, trotz großer Freude an der Band an sich, kalt ließ. Die futuristische Licht-Show suchte zwar ihres Gleichen und spielerisch war der Auftritt wohl womöglich der beste des ganzen Festivals, doch wollte der Funken nicht wirklich überspringen. Störte mich der gewollt klinisch-kalte Sound auf Platte nicht, so wirkte diese komplett und perfekt mit Sounds und Projektionen durchkalkulierte Produktion auf mich einfach nur steril und bar der industriellen Eiseskälte der Alben, einfach nur clean und sauber und ohne jeglichen Dreck. Die Musik hätte genauso gut vom Band kommen können, es hätte keinen Unterschied gemacht, denn sie geriet bei allem Bombast etwas zur Nebensache. Schade, wie ich finde. Und es gibt genügend überwältigte Fans, aber für mich war das so und in dieser Art leider nur soweit okay. Das Gefühl stimmte einfach nicht wirklich. Abgesehen davon war MYSTICUMs Auftritt natürlich dennoch ein fulminantes Festivalfinale, keine Frage!

Was gibt es sonst noch so zum zweiten Chaos Descends Festival zu sagen? Etwas Kritik vielleicht. Auf dem Festivalgelände selbst fehlte es an genügend Dixis. Drei sind einfach zu wenig. Dass es auf dem Zeltplatz wenige gibt, ist dagegen in Anbetracht des Duschhäuschens natürlich kein Thema. Dort sollte allerdings wirklich danach geschaut werden, dass es vielleicht tagsüber warmes Wasser in den Duschen gibt. Ich bin wirklich nicht zimperlich, aber dieses Mal war es brutalst kalt. Sonst war alles dieses Jahr auch wieder bestens, eigentlich genau so, wie ein gelungenes Festival sein sollte: entspannt und eine gute Zeit mit Freunden. Bis zum nächsten Mal!

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