Unru – Über Tiermaskerade und Szeneidentität

 

Unru - LogoMit ihrem Debüt-Album „Als Tier Ist Der Mensch Nichts“ sind UNRU weiterhin äußerst intensiv. Sicherlich nicht einfach. Sicherlich nichts für Traditionalisten. Und für Leute, die „Gutmensch“ als Schimpfwort gebrauchen und sich gänzlich gegen aktuelle Black Metal Bewegungen sträuben, erst recht nicht. Wer hingegen tief in finstre, verbitterte, nihilistische Klangwelten eindringen mag, ist nach wie vor bei UNRU richtig. Grund genug, mal mit Bassisten Timm über Szene-Scheuklappen und die Details hinter dem Konzept der Band zu quatschen…


1. Hey Timm-mortal! Wie geht es Dir? Ich hoffe, Du hast ein lecker Bier bereitstehen, und etwas gute Musik auf dem Plattenteller, damit einer fluffigen Fragerunde nichts im Weg stehen kann. Mittlerweile ist „Als Tier Ist der Mensch nichts“ auch schon wieder vier Monate draußen. Wie waren denn so die Reaktionen bisher? Ich habe da zuweilen sehr ambivalente Meinungen gelesen…

Hey Chris! Nach der launigen Einleitung fällt mir jetzt direkt nicht mal was witziges ein. Bier trinke ich gerade nicht. Ich mache in letzter Zeit viel Sport und deswegen gibt es unter der Woche keinen Alkohol mehr.

Die Reaktionen zu „Als Tier ist der Mensch nichts“ können wir aus unserer Sicht als überwältigend positiv bewerten. Wie ich das überblicke, gibt es schlimmstenfalls durchschnittliche Ratings und es wird anerkannt, dass die Platte das geworden ist, was sie werden sollte – auch wenn es da geschmackliche Differenzen gibt.
Wir haben vor der Veröffentlichung durchaus in Betracht gezogen, dass wir das Album von der Presse um die Ohren gehauen bekommen. Insofern sind wir sehr glücklich darüber, wie gut unsere Musik ankommt.

2. Auf den ersten Blick dürfte euer erstes Album den ein oder anderen Unbedarften abschrecken. Zum einen der philosophisch-kryptische Titel, der aber auch in schönster Tradition zu vielen eurer Songnamen steht. Hinzu kommt das eher genre-untypische Artwork von „Als Tier Isst Der Mensch Nichts“. Fangen wir mal mit dem Namen an: Kritik am selbstzerstörerischen Wesen der Spezies Mensch oder gar etwas ganz anderes? Wie kam es zu dem Titel?

Den Titel hat unser Drummer Hendrik, wenn ich mich nicht irre, aus einem Buch des Psychoanalytikers Erik H. Erikson. Grundsätzlich beschreibt der Satz erst mal nur das „Mängelwesen“: Menschen sind von Geburt an erstaunlich unangepasst an ihre natürliche Umwelt. Verkümmerte Instinkte, keine Klauen oder Fangzähne, brauchen ein Jahr um laufen zu lernen… für sich in der Natur sind Menschen allen Tieren maßlos unterlegen. Als Tier ist der Mensch nichts. Deswegen entwickelt er die so genannte „zweite Natur“, die Kultur, als Überlebenstechnik.
Der Titel selbst ist also rein beschreibend. Wir hätten ihn als solchen aber nicht gewählt, wenn für uns nicht offensichtlich wäre, dass der Mensch auch als Kulturwesen ein kümmerliches Bild abgibt – das ist der Stoff unserer Texte.
Nachdem der Titel für uns feststand hat uns aber außerdem gefallen, wie sehr er der ganzen elenden Tiermaskerade im Black Metal – da wimmelt es ja z. B. von selbst ernannten Wölfen – die Tür weist.

3. Das Artwork ist genre-untypisch und dennoch sehr verstörend. In meinem Review erwähnte ich bereits: Es erinnert mich an die Kollagen von frühen Crust/Grind-Alben, an „Reek Of Putrefaction“ oder „Hear Nothing See Nothing Say Nothing“ oder eben auch an Night Slugs „Dismal Fucker“. Was war die Idee hinter dem Artwork, das im Gegensatz zum Albumtitel kein Tier, sondern nur Menschenteile zeigt? Wer zeigt sich für die Umsetzung verantwortlich und handelt es sich – wie ich mal schwer vermute – wirklich um eine Papier-Und-Schere-Arbeit?

Unru - Als Tier Ist Der Mensch NichtsDas Artwork stammt von dem Collagenkünstler Brian de Graft aus Amsterdam. Uns war von Anfang an klar, dass wir kein für irgend eine Art von harter Musik typisches Artwork haben wollten. Wir hatten ein vages Konzept im Kopf, bevor wir uns auf die Suche nach jemandem gemacht haben, der es für uns realisieren kann.
Wir sind auf Brian aufmerksam geworden und er hat sich der Sache schnell und kollegial angenommen und etwas abgeliefert, was uns überzeugt hat.
Die nackten Körper symbolisieren für uns den animalischen Aspekt, die Abwesenheit von Kultur.
Gleichzeitig handelt es sicher aber bei den einzelnen Bildern scheinbar um Ausschnitte aus einem Mode- oder Pornographie-Kontext. Das zeigt das Bewusstsein dafür an, dass wir Teil der Kultur sind, die wir angreifen. Und du hast Recht, das Artwork ist eine rein analoge Arbeit.

4. Seit unserem letzten Gespräch 2013 hat sich gefühlt eine Menge getan. Label wie Vendetta haben den Black Metal für sich entdeckt und mittlerweile gibt es mehr Bands in dem Bereich, die ihre Wurzeln in Crust, Hardcore, Sludge oder anderen, zuweilen fast konträren Sektoren haben. Wie siehst Du diese Entwicklung? Ist es eine vergleichbare Trendwelle, wie zuvor der Oldschool (Swe-)Death Metal seine Renaissance hatte, oder alle Bands davor Darkened Hardcore oder Neo-Crust spielen mussten?

Ja, es ist definitiv ein Trend und wahrscheinlich ist er auch irgendwann wieder vorbei. Das macht mir nichts aus, weil ich mich selbst und UNRU da gar nicht verorte. Wir vereinen unsere sehr unterschiedlichen musikalischen Biographien miteinander. Das klappt, weil wir ansonsten alle sehr ähnlich ticken. In Zukunft werden wir sowieso immer wieder andere musikalische Wege gehen müssen, um uns selbst nicht zu langweilen.

Photo by Minco Den Heyer (http://www.mincodenheyer.nl)

Photo by Minco Den Heyer (http://www.mincodenheyer.nl)

 

5. Natürlich bringen Trends immer wieder alte Möpperköppe auf den Plan. Gerade die Keyboard-Warrior sind immer schnell mit ihren wüsten Beschimpfungen. Und wenn es an den trve-frostbitten-grim Black Metal geht, dann versteht das alte Pandabärchen keinen Spaß. Doch war nicht gerade der Black Metal auch immer eine Musikrichtung, die irgendwen anpissen wollte und gerne schon mal mit eigenwilligen Ideen innerhalb des Genres provoziert hat? Seht ihr euch häufig der Kritik ausgesetzt, dass vegane, linksversiffte, gendergleichgeschaltete Ökoterroristen mit kurzen Haaren keinen Black Metal spielen dürften?

Mit siebzehn war ich auch so. Wenn eine Szeneidentität für das eigene Leben sinnstiftend ist, ist es natürlich, dass man aggressiv reagiert, wenn die eigene Wertordnung hinterfragt wird. Der Punkt ist, dass ich diese Sichtweise bei jungen Leuten, die noch Orientierung brauchen, durchaus nachvollziehen kann. Dass sowas allen Ernstes auch von erwachsenen Männern Mitte vierzig mit der selben Verve vorgebracht wird, finde ich extrem befremdlich.
Direkt kritisiert werden wir aber nicht. Klar, niemand kommt ohne den Verweis darauf aus, dass wir für eine Black-Metal-Band komisch aussehen, aber da hört es normalerweise auf.
Beleidigt bin ich erst, wenn man mir unterstellt, wir würden unsere Musik nicht ernst nehmen. Der Rest ist mir völlig egal.

Unru - Als Mensch Ist das Vinyl Nichts6. Wo mittlerweile die Toleranz für Black Metal bei kleinen Hardcore-Labeln und den lokalen AZs ordentlich gewachsen ist, bin ich dennoch etwas verwundert, dass „Als Tier Isst Der Mensch Twix“ bei Supreme Chaos Records rausgekommen ist. Klar, der Robby beweist immer wieder einen breitgefächerten Geschmack. Aber ich hätte nie erwartet, dass euer absolut düsterer Krach zwischen Napalm Death, Gorilla Monsoon, The Duskfall, Illdisposed, Necrotted oder HateSphere rauskommt. Zugegeben, ein paar Black Metal-Geschichten sind zwar auch auf SCR, aber klingen UNRU dennoch anders als Tränenkind, Agrypnie, Maladie oder gar VYRE… Doch: Seid ihr vielleicht beim Robby untergekommen, weil Du auch früher bei VYRE den Tieftöner bedient hast?

Ja, das hat auf jeden Fall damit zu tun. Ich denke, Robby ist durch VYRE auf uns aufmerksam geworden und hat uns dann eingeladen, auf seinem Festival in Stuttgart zu spielen. Dort haben wir wohl keine schlechte Figur gemacht und er hat uns angeboten, das Album zu veröffentlichen. Für uns war es eine spannende Sache, das Release professionell und abseits von DIY-Strukturen abzuwickeln. Wir haben es nicht bereut!

7. In der Kombination aus mürbender Monotonie und tief atmosphärischen Harmonien, teilweise zwischen Gitarren und auch dem Bass, finde ich „Als Tier Frisst der Mensch Nix“ einen sehr gelungenen Kompromiss zwischen eurem leicht crustigeren Demo und den Veröffentlichungen auf den beiden Splits mit Sun Worship oder Paramnesia. Der Vibe ist noch immer extrem finster, aber zuweilen schon etwas albtraumhafter und in manchen Momenten gar rituell. Wie siehst Du die Entwicklung von UNRU über die letzten drei Jahre?

Die Schritte vom Demo hin zu „Als Tier ist der Mensch nichts“ waren das Ergebnis natürlicher Entwicklungen in unserem Leben. Das Demo ist untight und schief, aber atmosphärisch dicht. Das liegt daran, dass wir durch die Bandgründung ziemlich geflasht waren und alles wie im Wahn und sehr schnell fertiggestellt wurde. Wir hatten noch keine konkrete Richtung oder ein ästhetisches Konzept, sondern haben direkt unsere (damals noch etwas weniger kontrollierten) Impulse verarbeitet.

Danach haben wir uns kurz aber explizit als Black-Metal-Band verstanden und die beiden Splitsongs spiegeln dieses Selbstverständnis wieder: sie sind klassisch. Handwerklich gesehen waren wir auch langsam aufeinander eingespielt und begannen zu verstehen, was wir da eigentlich machen.

„Als Tier ist der Mensch nichts“ ist das vorläufige Ergebnis dieser Selbstfindung. In den einzelnen Songs steckt mitunter wochenlange und ermüdende Detailarbeit. Die Texte zu schreiben war schmerzhaft. Das Material konkretisiert unsere bisherigen Experimente und ist für mich deswegen ein sehr befriedigendes Debüt.

8. Zu eurer Entwicklung ist „Hēdonḗe“ auch ein interessanter Aspekt. Der Song ist langsamer, sludgier und hat größtenteils tiefe Growls anstelle der fiesen Schreie aus den anderen Songs. Wie kam es zu der Nummer, die für mich etwas aus dem Gesamtbild des Albums fällt. Habt ihr den Track schon mal live gespielt, oder konzentriert ihr euch da lieber auf eure High-Speed-Nummern?

„Hēdonḗe“ ist der älteste Song auf dem Album. Genau genommen ist es sogar das erste Stück, das wir nach der Demo geschrieben haben. Dementsprechend spielen wir den Song auch schon seit Jahren live. Er ist auch Teil unseres aktuellen Sets. Für uns ist Doom genau so wichtig wie Crust oder Black Metal, das sind alles Elemente, die mal mehr und mal weniger in einzelne Stücke einfließen. Dass die Vocals auf der Aufnahme so krass ausgefallen sind, war nicht geplant, sondern ein gelungenes Experiment.

9. Ich habe euch bereits diverse Male live gesehen. Doch irgendwie scheint es immer so eine Glückssache zu sein, ob ihr vollständig oder als Trio auftretet. Wie kommt es, dass euer Sänger bei manchen Konzerten nicht anwesend ist? Kurzzeitig dachte ich schon, dass er mittlerweile gar nicht mehr bei euch ist, bis ich eben ein Foto auf Facebook gesehen habe, wo der A. noch mit drauf war….

A. ist zuweilen gesundheitlich ziemlich angeschlagen, sodass er nicht regelmäßig an Bandaktivitäten teilnehmen kann oder konnte. Wir haben darum zusammen ein Plan-B-Szenario erarbeitet, in dem Stephan und ich die Vocals übernehmen. Er war und ist definitiv nach wie vor Teil der Band und für unser Konzept und unsere Ästhetik maßgeblicher Einfluss. Wir arbeiten im Moment daran, wieder öfter als Quartett unterwegs sein zu können.

Unru - Band

10. Black Metal und Crust – zwei Genre, die häufig als Umschreibung für eure Musik herangezogen werden. Aber dies sind nicht unbedingt die einzigen Schubladen, in denen Ihr eure Wurzeln seht. Euer Shirt „Sabrina“ ist mit dem Ziegenkopf doch eindeutig von den Neubauten inspiriert…

Auf der letzten Tour haben wir Shirts an diejenigen verschenkt, die beide Bands erkennen konnten, die in dem Shirtmotiv verwurstet wurden. Du hast schon mal die Hälfte preisgegeben – der Stierkopf (Mea Culpa – Anm. Chris) im Spiegel und die Bezeichnung haben wir tatsächlich bei dem Neubauten-Video ausgeborgt.
Machen wir dem Spaß jetzt mal ein Ende und verraten auch den Rest für diejenigen, die es nicht wussten: das Motiv ist ansonsten zu 90 % ein Rip-Off des Covers von TOTALITÄRs 1994er Album „Sin Engen Motstandare“.

11. Früher hast Du auch bei VYRE gespielt. Mittlerweile bist Du dort aber auch wieder raus. Und euer Drummer Hendrik hat zwischenzeitlich mal bei der großartigen Post-Punk-Band GLOOM SLEEPER ausgeholfen. Gitarrist Stephan hat noch nebenbei ABEST und WEAK TIES. Gibt es aktuell noch andere Nebenschauplätze bei euch? Oder liegt gerade volle Konzentration auf UNRU? Ist es nicht kompliziert, all diese Bands irgendwie zu koordinieren?

Ich habe alle anderen Bands sein gelassen, weil ich neben Familie und Job keine Zeit mehr hatte. Bei mir läuft also musikalisch nichts weiter und ich bin mit der „Hintergrundarbeit“ bei UNRU auch neben der Musik ausreichend ausgelastet. Hendrik ist nach wie vor bei den großartigen PTTRNS aktiv und Stephans andere Bands hast du ja schon aufgezählt. Ich denke, wir machen alle so viel, wie wir uns erlauben können, ohne eine Seite zu vernachlässigen. Wir spielen ja auch nicht übertrieben viele Konzerte, deswegen sind Unru keine riesige zeitliche Belastung.

12. Nach dem Album ist vor dem… Ja, was eigentlich? Ihr seid ja immer fleißig und bespielt AJZs und reguläre Metal-Konzerte gleichermaßen, mit kleinen Crust-Bands oder bekannteren Namen aus dem Black Metal. Was sind die nächsten Ziele von UNRU? Weiter die „Als Bier Ist Der Alt Nichts“ dem geneigten Hörer präsentieren oder doch alsbald an neuen Songs arbeiten? Wenn ich das richtig mitbekommen habe, lebt euer Schlagzeuger nun in Berlin. Macht das gemeinsame Proben nicht kompliziert?

Ja, Hendrik lebt inzwischen in Berlin und deswegen proben wir nicht viel. Das zwingt uns, konzentrierter zu arbeiten. Gerade haben wir für die anstehenden Shows geprobt und an neuem Material gearbeitet, das wir hoffentlich dieses Jahr noch aufnehmen können. Geplant sind zwei weitere Split-Veröffentlichungen, bevor wir uns an den Nachfolger von „Als Tier ist der Mensch nichts“ machen werden.
Wenn es für uns so weiter geht wie bisher sind wir zufrieden. Wir können Shows spielen, wenn wir Zeit haben und haben die Möglichkeit, weiter Songs zu schreiben.

13. Timm, das war es schon vom Vegan Black Metal Hipster. Ich bedankte mich für Deine Zeit und Antworten. Und entschuldige mich für den Haufen schlechter Witze. „Als Tier Ist Der Mensch Nichts“ ist ein echt starkes Album und ich wünsche euch damit viel Erfolg. Kommt alsbald nochmal in unseren beschaulichen Bunker, dann gibt es noch mal ein Club Mate von mir. Solange gehören die letzten Worte Dir und UNRU:

Danke auch für das Interview und die beispiellose Kalauerdichte. AZ Aachen immer gern, aus irgend einem Grund werden das die besonders schrägen Nächte. Dafür darf es dann aber auch gern Bier sein. Prost!

Unru - Band - official

(Bilder: Aus dem Interwebs geklaut)