Chaos Descends Festival 2015

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CDF-FlyerCHAOS DESCENDS 2015, 17./18.07.2015, Ferienland, Crispendorf

 

Nicht nur eine gewisse zur Einbildung neigende Selbstrezeption, auch die Überzeugungstätern scheinbar innewohnende Eigenschaft, Kritik oder Abweichendes als puren Opportunismus zu brandmarken, scheint heuer auch bei deren Anhängern eine bestimmte Form von ausschließender Euphorie anzunehmen. „Wir“ und „die“, ein wahrgenommen kollektiver Pöbelelitarismus, dessen Ziel Abgrenzung von grundsätzlich Gleichen ist und genau dabei doch nur eine bestimmte Masse an Anhängern grob umreißt, die trotz Krakeelens dabei kaum hervorzustechen vermag. Brechreizfördernd im exakten Sinne des Wortes. Zum Glück ist davon im wirklich mal putzig-altbackenen, schwer idyllischen, an NVA-Jugenddrill und -indoktrination und Prügelstrafen erinnernden ostdeutschen Camp Crystal Lake aka. dem Ferienland zu Crispendorf nicht viel zu merken. Wunderschön mitten in der Natur gelegen, in einem Tälchen umrandet von Wäldern und einem Bächlein, gesegnet mit einem stilecht holprigen Anfahrtsweg und nächtlichen Kampfmückenattacken, ist diese sicher traditionsreiche Ferieneinrichtung Austragungsort des ersten CHAOS DESCEND FESTIVALs, dem Nachfolger des großartigen und geschätzten – und tatsächlich in meiner Biographie immens wichtigen –, allerdings zu Grabe getragenen HELL’S PLEASURE FESTIVAL. Nicht nur diese romantische Lage aber, die absolut zum Charme des Festivität beiträgt, auch der klar strukturierte Aufbau des Geländes und die gegebenen sanitären Einrichtungen sollten sich hier als Glücksgriff erweisen. War Pößneck noch durch lokale Grobheit gekennzeichnet, macht sich in Crispendorf schnell ein urlaubhaftes, entspanntes Gefühl breit, was sicher auch dem Fehlen jeglichen WIFIs und sonstigem Empfang zu verdanken ist.

 

FREITAG, 17.07.2016

 

Allen Anreisestrapazen zum Trotz sollte es auch für uns pünktlich zur ersten Band beginnen. KHTHONIIC CERVIIKS, ihres Zeichens nach wohl neben HORNS OF DOMINATION eine der spannendsten Newcomer der deutschen Szene, gaben sich die Ehre, das Festival zu eröffnen. Furios der progressive, mitunter komplexe Mix aus Black, Death und Thrash Metal, furios auch die Sonne, gegen deren schweißtreibendes Nuklearglühen die Dortmunder anzuspielen hatten. Dies merkte man leider dem fortscheitenden Set an, ohne der Band damit einen Vorwurf machen zu wollen. Denn musikalisch exekutierte das Trio astrein, präzise und brutal ihre vor Kreativität strotzenden Kracher als Visitenkarte für das im Herbst erscheinende, großartige Album „SeroLogiikal Scars (Vertex of Dementiia)“ und überzeugten so manchen im Schatten sich räkelnden Gesellen. Anzumerken bleibt hier, dass ich dann doch der Meinung war, ob ihrer Güte hätten KHTHONIIK CERVIIKS einen späteren Slot innehaben sollen, aber irgendjemand muss ja den Anfang machen, nicht?

 

Mit UNDERGANG aus dem wundervollen Kopenhagen schickte sich die nächste Band an, den Backofen von Bühne zu zerlegen. Das Trio um Szenederwisch und Obersympath David tat, was es immer tut: mit grober Kelle vernichten. Ultrastumpf, aber groovy und treibend, simpel, aber nicht primitiv – und mit Davids unnachahmlichen Staubsaugervocals versehen, so gab man feinen Old School Death Metal mit hohem Wiedererkennungswert und Wohlfühlfaktor zum Besten. Ideal geeignet, um gut unterhalten die Tassen zu heben und gemütlich vor sich hin zu wippen. Im Schatten natürlich. So verging auch diese halbe Stunde wie im Fluge und ich konnte so einen weiteren gelungenen UNDERGANG-Auftritt verbuchen.

 

Weniger prächtig verlief es für die irischen Newcomer VIRCOLAC um Darragh von Invictus Productions, die zu Beginn des Sets erst einmal mit „technischen“ Problemen des Klampfers zu kämpfen hatten. Nichtdestotrotz mühte sich die Band anschließend in eine gelungene zweite Hälfte des Sets, was vor allem Darraghs sympathischem und engagiertem Auftreten zu verdanken war. Ich persönlich finde zwar, dass ihr recht melodischer, abwechslungsreicher Death Metal live weniger gut ins Ohr zu gehen vermag, wie es beim Demotape der Fall war, dennoch denke ich, dass man diese Band definitiv im Auge behalten muss. Ich jedenfalls bleibe gespannt auf das, was die Iren noch so abliefern werden.

 

STARGAZER lieferten anschließend einen wesentlich kompetenteren Auftritt. Ohnehin einer der Bands, auf die ich mich am meisten freute, so sind die Australier mit ihrem Stil-Crossover querbeet, aber gekonnt und überaus kreativ durch alle möglichen Extrem-Spielarten ohnehin eine der spannendsten Death Metal Bands der Jetztzeit. Spielerisch einwandfrei – als pure Untertreibung -, dafür allerdings bewegungsarm, spielte sich das Trio durch die komplex arrangierten Stücke vor allem des letzten Longplayers „A Merging To The Boundless“ und sorgte gerade wegen der Spielkunst für so manche offene Kinnlade. Oder alternativ, dass man im Schatten liegend sich in die fulminanten Klangwelten dieser Ausnahmeband entführen wurde. Großartig! Und viel zu toll, um mir das Hochgefühl anschließend von RANGER versauen zu lassen…

 

Mein Freitagshighlight sollten, wie es auch zu erwarten war, NEGATIVE PLANE sein. Zuerst einmal: Respekt an die New Yorker, bei dieser Affenhitze mit Lederjacken den rituellen Grill betreten zu haben – und es auch so verkleidet 50 Minuten lang durchgezogen zu haben. Wie gehabt boten NEGATIVE PLANE ihren eigenwilligen, jederzeit furiosen Black Metal mit klassischem Heavy-Metal-Einschlag, gespenstischen Leads, rasenden Ausbrüchen und fiesem Doomen überaus intensiv dar, gerade so, als wollten sie die Sonne bei einsetzender Dämmerung vollends vertreiben. Gänsehaut pur – trotz Hitze. Kaum eine Genreband vermag mich so sehr zu fesseln. Und am Ende dieser Machtdemonstration blieb nur die Frage: wann kommt endlich ein neues Album? Die Projekte Occultation und Omnious Resurrection vermögen diese Lücke nicht wirklich zu füllen. Agrath ohnehin nicht.

 

Passend zum fortschreitenden Nachteinbruch zelebrierten SATURNALIA TEMPLE ihren ureigenen Dukeldoom inbrünstig, monoton-hypnotisierend und absolut ergreifend. Massiv dröhnende Riffwände, psychedelische Effekte, beschwörender, rituell-repetitiver Gesang. Ein dunkler, ekstatischer Trip, der in seiner beunruhigenden-betörenden Art nicht nur der krasse Gegensatz zu dem sein sollte, was folgte, vielmehr wirkte es auf mich zur fortschreitenden Stunde und Pegel wie eine ritenhafte Einstimmung auf den kommenden Sturm: Blasphemy!

 

Was ein Inferno! (Relativ) Kurz und schmerzvoll. Unnahbar und voller Inbrunst wüteten die Kanadier ihre Teufelswerk ins manisch abgehende Publikum. Gnadenlose Blastsalven, abscheugeladenes Kotzen, hysterisches Kreischen und Sägen der Gitarren, kompakt organisierter Krach. Das pure Chaos, nahezu absolut in der Essenz seiner offenbarten Bösartigkeit. Dirigiert von Typen, denen man wirklich abnimmt, mies drauf zu sein. Unfassbar intensiv, unglaublich brutal, musikalisch radikal. Alleine diese dargebotene Rigorosität an sich fesselte schon, ganz zu schweigen von den herausgespienen Klassikern. Ein Triumph!

 

Dagegen konnten ASCENSION, so toll ich die Truppe finden mag, nicht mehr anstinken. Total überreizt vom blasphemischen Sturm, so waren ASCENSION nur noch ein laues Lüftchen. Dabei stimmte hier wirklich alles. Die Bühnenpräsenz der Band hatte wahrlich etwas Mystisches an sich, überhaupt war dies eine der atmosphärischsten Shows des Festivals überhaupt, bei der dank des überaus dicken Sounds auch die großartigen Kompositionen zur Geltung kommen konnten, was bei Black Metal dieser Art nicht unbedingt auf Open-Air-Bühnen der Fall sein muss. Leider konnten ASCENSION nach dem zuvor erlebten Gewaltakt nicht mehr wirklich zu mir durchdringen, auch wenn ich betonen muss, dass das keinesfalls am sicher nahezu perfekten Auftritt lag. Schade, dennoch freue ich mich nun umso mehr auf die nächste Möglichkeit „The Dead Of The World“ live bezeugen zu können.

 

Samstag, 18.07.2016

 

Die beginnenden Atmo-Doomer ALBEZ DUZ fielen leider sozialen Aktivitäten zum Opfer, womit die dänischen Newcomer REVERIE den Beginn des zweiten Festivaltages für uns markierten. Die sehr jungen Musiker entwickelten sich über zwei großartige Demos hinweg zu einer vom Songwriting her recht gereiften, eigenwilligen Death-Metal-Kombo, deren Debütalbum „Bliss“ sich stil- und einflussoffen gibt du durchaus neben den mittleren Werken von Reveal, Tribulation oder Morbus Chron sehen lassen kann. Optisch eher an eine hippe Retro-Rock-Kapelle erinnernd, rotzen die jungen Dänen dann erwartet direkt ihr Set herunter, irgendwo zwischen unschuldig-sympathisch und enthusiastisch, sicher alles andere als perfekt, aber kompetent und dynamisch und durchaus mitreißend – auch wenn ich das eine oder andere Jethro-Tull-mäßige Zwischenspiel der LP dann doch vermisste. Ich sag‘ euch, die Jungs können nochmal richtig groß werden!

 

Wesentlich unschöner ging es bei den belgischen Black/Thrash-Newcomern POSSESSION zu. Nicht nur musikalisch. Sänger Jerry (ehemals Detest-Records-Macher) gab sich etwas zu enthusiastisch, was des Verschleiß von Equipment angeht. Aber auch so regierte die Axt. Klassisch thrashender, hässlicher Black Metal mit Verweisen querbeet durch das Genre, simple aber mitreißende Songs – ideale Musik für den bierseligen Nachmittag. Wenn schon nicht ganz überzeugend, so machten die Belgier überhaupt sehr viel Spass vor allem ihres energetischen Auftretens wegen. Davon konnten sich die meisten Bands des Festivals ein Häppchen abschauen, finde ich. Und so war die aufbrausende und feiernde Publikumsreaktion mehr als verdient.

 

EXECRATION aus Norwegen sollten für mich das nächste Highlight werden. Leicht progressiver, landestypisch eigenwilliger und wenig eingängiger, übrigens preisgekrönter Death Metal irgendwo zwischen der ersten Darkthrone, Autopsy, Cadaver und alten Gorguts angesiedelt, ist, so finde ich, eher keine Entertainment für Open-Air-Bühnen. Und abgesehen von technischen Problemen und dem nach Possession wieder hitzeträgen Publikum sollte ich Lügen gestraft werden. Gekonnte führten die Norweger durch ihr sicher nicht einfaches Set und vermochten zu gefallen, auch wenn es natürlich an Faust-in-die-Luft-Momenten mangelte. Dafür bekam man anspruchsvoll ausgeführten und geschriebenen Death Metal geboten, der sicher im Dunkeln um einiges atmosphärischer angekommen wäre. Dennoch ein gelungener Auftritt und für mich als Fan eigentlich (natürlich im Schatten sitzend) wunderbar. Ein Genuss!

 

DANAVA überprangen wir dank diversen sozialen Aktivitäten, womit nun wohl DER deutsche Death-Metal-Newcomer schlechthin, die Cthulhu-Verehrer SULPHUR AEON an der Reihe sein sollten. Brachialster, über die Maßen versierter Breitwand-Death-Metal, der auf Platte in allen Belangen opulent zu überzeugen weiß! Live ist es allerdings immer so eine Sache mit den Herren aus dem Pott, denn jede Show steht und fällt mit dem Sound. Am heutigen Nachmittag war der Sound weitestgehend in Ordnung und so erwartete uns eine leidenschaftlich vorgetragene Show voller mitreißender und atmosphärischer Momente, die der absoluten Verkaufsoberliga im Death Metal in Nichts nachsteht. Dort dürften SULPHUR AEON auch in absehbarer Zeit angekommen sein, wenn sie ihren Weg weiterhin so konsequent und qualitativ überragend beschreiten. Das Publikum dankte es mit einem ordentlichen Pit – wobei sich nicht wenige eine längere Spielzeit wünschten.

 

Hiermit endet mein Bericht bereits. Das muss man rechtfertigen. WITCH CROSS ließ ich in Vorbereitung auf eine meiner absoluten Lieblingsbands, SWANS, sausen. SWANS-Shows sind vor allem lange und nervenaufreibend und überaus intensiv, womit ich mir etwas Ruhe zuvor einforderte. Zu SWANS ist zu sagen, dass ich mir nach meinem ersten, absolut überwältigenden SWANS-Konzert schwor, NIEMALS ein Rezi  zu einem solchen zu verfassen, da ich das nie und nimmer in Worte fassen kann. Unmöglich! SWANS muss man live erleben, denn jede Beschreibung kann dieser Macht niemals gerecht werden. Dennoch muss ich attestieren, dass es eine überaus mutige Wahl war, SWANS als Headliner eines Metal-Festivals zu buchen. Nicht nur, weil stilistisch absolut ausbrechend, auch vom Aufwand auf der Bühne und der ultralangen Spielzeit (2,5 – 3h in der Regel) wegen. Lustigerweise lichteten sich die Reihen vor der Bühne wie erwartet nicht bei fortschreitender Dauer, sondern füllten sich mit allerlei erstaunten Gesichtern. Und auch wenn ich so meine Zweifel hatte, ob Mr. Gira überhaupt Lust haben würde und ob die SWANS auch open air funktionieren können: es war ein wieder ein Girascher Siegeszug! Danke!

 

Abschließend bleibt zu sagen: Ein in vielen Belangen schöner Auftakt einer hoffentlich lange anhaltenden Festival-Reihe. Kleine Startkrankheiten sind sicher vorhanden gewesen, aber diese waren bei Weitem verschmerzbar. Schön fand ich die Fortführung der Hell’s-Pleasure-Tradition einer eigenwilligen Bandauswahl zwischen Kauz und durchaus populär, aber auch genrefremde (Liebhaber-)Bands mit einzubinden, was nicht nur für Abwechslung, sondern auch für ein diverses Publikum sorgte. Ebenso war die Stimmung wie gehabt sehr familiär, wie man es aus den späten Jahren in Pößneck gewohnt war, ganz zu schweigen vom schönen Naturambiente. Ich für meinen Teil würde mich sehr über eine Fortsetzung freuen…