31.07.2015 – Black Metal im AZ Köln

 

2015-07-31 - Black Metal AZ KoelnZurück aus den Konzertsälen und den großen Festivalbühnen, wieder in kleine, charmant-siffige Untergrund-Läden; der Black Metal findet immer mehr Akzeptanz und Verbreitung in den Autonomen Zentren. So rief mich ein illustres Line-Up zu meinem ersten Besuch in das AZ Köln. Nachdem die Newcomer ULTHA lediglich mit einer Hörprobe auf Soundcloud bereits reges Interesse an ihrem ersten Auftritt schüren konnten, schien die Popularität durch weitere Bühnenpräsenz, mittlerweile online publizierter Proberaumaufnahmen und das anstehende Debüt-Album, ein noch breiteres Publikum anzusprechen. Dazu noch weitere spannende Bands für den Abend: HEMELBESTORMER, TOTAL NEGATION und die mächtigen WIEGEDOOD. Kein Wunder also, dass sich auf Facebook im Vorfeld um die 300 Leute angekündigt haben. Kein Vorverkauf, früher Einlass, pünktlicher Start. Zeitigkeit wart geboten!

Es kann nur spekuliert werden, viele Leute schlussendlich ihren digitale Zusagen Taten folgen ließen. Zumindest war aber bereits zum offiziellen Einlass um 19:30 im Innenhof des AZs gut was los. Später, bei den beiden letzten beiden Bands, war der Konzertraum auch ordentlich gefüllt. Doch bot die Lokalität gleichermaßen genügend Platz, dass es nie zu eng wurde. Gerade in den Umbaupausen konnte man das endlich wieder gute Wetter angenehm draußen verbringen. Ja, ziemlich vntrvue, ich weiß. Und zugegeben, ein kleiner Distro und ein Stand mit was zu Futtern, hätten alles perfekt gemacht. Aber ich will nicht Maulen, denn schlussendlich ging es um die Musik!

Die sprach, wie in solchen Läden üblich, ein breites Publikum an. Hipster, Crustpunk, Metalhead, musikinteressierte Menschen ohne klischeetropfende Verkleidung, alles bunt gemischt. Das AZ zeigte sich zusätzlich sehr liberal. Diverse Male kam ein Aufnäher oder ein Shirt von Bands in mein Blickfeld, die in anderen AZs für mächtige Diskussion gesorgt hätten: Drukh, Horna, Sargeist, Nagaroth und so weiter. Auf der einen Seite erfreulich, dass man nicht wegen jeder Grauzone ein Fass aufmachen muss. Schade allerdings, dass die Damen an der Kasse auch nicht genügend Kompetenz hatten, um die gängigen Merkmale zu identifizieren. Das Thema ist hier für viele sicherlich noch Neuland. Schlussendlich blieb es jedoch ein friedlicher und diskussionsfreier Abend, dass man sich einfach auf die Bands auf der Bühne konzentrieren konnte.

Und es ging in der Tat auch pünktlich um 20:30 los. Auch ein Umstand, den man in einem autonomen Laden nicht unbedingt für selbstverständlich nehmen darf. Doch zeugten HEMELBESTORMER durchweg von Professionalität. Angefangen beim pünktlichen Beginn, hin zur wohl durchdachten Video-Show im Hintergrund. Selbst die Scheinwerfer waren so geschickt platziert, dass sich die Musiker zu einem spannenden Schattenspiel an der Decke tummelten. Diese kleinen Details trugen die träumerische und fast schon hoffnungsvolle instrumentale Musik passend ins Publikum. Ohne mich im Vorfeld näher mit der Band beschäftigt zu haben, bot die Mischung eine spannende, stringente Unterhaltung. Ultra-heavy Sludge trifft auf Shoegaze. Gelegentlich durch Samples/Synthies und Drones atmosphärisch angereichert. Mir persönlich war etwas zu wenig Black Metal in der Mischung, dessen klirrende Kälte wenig zum Gesamtbild beitrug. Doch wo HEMELBESTORMER nicht gänzlich meinen Geschmack trafen, fanden sie im Allgemeinen sehr guten Zuspruch.
Facebook / Bandcamp

Für die Umbaupause ließen sich TOTAL NEGATION etwas viel Zeit. Doch wie gesagt, Wetter war gut, Bier war kühl und die Besucher nett, da kann man es auch vor dem AZ gut aushalten. Irgendwann gegen 22 Uhr betraten dann die kostümierten Musiker die Bühne. Weiße Maleranzüge und weiße Masken, beklebt mit Aststücken. Lediglich der Sänger war unmaskiert, nur mit Dreck im Gesicht beschmiert. In der Nachbereitung des Abends, sah diese Aufmachung auf den Bandbildern im Internet etwas stimmungsvoller aus, als es sich auf der Bühne präsentierte. Gleichermaßen kamen auch Show und Musik live nicht ganz so überzeugend rüber. Vielleicht nahm auch die durchweg helle Bühnenbeleuchtung etwas von der Atmosphäre…. Irgendwie fehlte es an Durchschlagskraft und Energie.
Hauptsächlich klangen die Gitarren rockig, das Geklimper wenig homogen in den Sound integriert. Auch der Gesang wirkte eher theatralisch. Vom Black Metal weit entfernt, war es eher eine durchschnittliche Dark Metal Darbietung, die ich dann auch irgendwann im dritten Song verließ. Absolut nicht meins und nach ca. 35 Minuten auch zu ende. Scheinbar war ich aber auch nicht der einzige, der mit der Show nichts anfangen konnte; später wurde mir von ca. 30 verbliebenen Besuchern vor der Bühne berichtet.

Doch man sollte kein vorschnelles Urteil fällen! So sehr mich TOTAL NEGATION live auch nicht überzeugen konnten, klingt ihr Material auf Bandcamp deutlich spannender. Zirkusartiger, in der Tat leicht theatralische aufgebauter Black Metal, nur diesmal ohne den gewissen Kitschfaktor. Dazu ein wunderschön verzweifelter, richtig nekrotischer Gesang. Zwar immer noch nicht meine favorisierte Baustelle, aber interessanter als von der Bühne herunter.
Facebook / Bandcamp

Als die lokalen Newcomer dann auf die Bühne gingen, war der Raum dann wie erwartet richtig voll. Ohne große Umschweife wurde dann 40 Minuten kompromissloses Brett gefahren. Angefangen natürlich mit „Crystalline Pyre“ vom just zu diesem Abend erschienenen Debütalbum „Pain Cleanses Every Doubt“ hin zum sogar gänzlich neuen Song „Fire Has No Prejudice„, der nicht auf dem Album enthalten ist.
Wo ULTHA bereits zum ersten Auftritt eine Wand waren – kein Wunder, besteht die Band doch aus gestandenen Musikern – haben scheinbar die weiteren Shows und Arbeiten am Debüt positiv an der Brachialität gearbeitet. Tight, ausgewogen zwischen monoton-mürbendem Geballer und atmosphärischen, kalten Passagen waren selbst Songlängen von über zehn Minuten immer kurzweilig und äußerst spannend. Dazu der dämonenhafte Gesang von Bassisten Chris und das mächtige und einmalige Organ von Gitarrist Ralph, die alles perfekt abrundeten.
Facebook / Bandcamp

Mittlerweile war es recht spät geworden, gegen 0:30 sollten WIEGEDOOD endlich anfangen. Hier war das Interesse vom Publikum sogar noch größer als bei ULTHA, der Konzertsaal bis in die letzten Reihen dicht gefüllt. Zurecht! Denn WIEGEDOOD haben noch mal einen oben drauf gesetzt. Mächtiges, forsches Geballer mit ausgeprägten und sehr präsenten Harmoniebögen, war die Band ein würdiger Headliner. Die Atmosphäre umschlang das Publikum in Windeseile, selbst in den letzten Reihen fanden sich noch vereinzelte Headbanger. Dazu ein rasendschnelles Schlagzeug, das diverse Münder offen ließ. Mehr kann man nicht schreiben. WIEGEDOOD muss man erlebt haben! Dagegen sind selbst die – bereits großartigen – Eindrücke, die man von Bandcamp und Schallplatte bekommt, kein Vergleich!
Facebook / Bandcamp

Irgendwann kurz nach ein, vielleicht eher in Richtung halb zwei, war der Abend dann vorbei. Geboten wurde neue Black Metal Schule mit abwechslungsreicher Ausrichtung. Von klassischer Inspiration zu Arthouse, von Post-Rock-Ansätzen zu purer Raserei. Vielleicht nicht immer ganz mein Geschmack, aber durchaus unterhaltsam. Gerade für den fairen Eintrittspreis, der von 6-10 Euro auf freiwilliger Basis lag. Und natürlich war es erfreulich zu sehen, dass es immer noch so viele Leute gibt, die ihren Arsch auf Konzerte schleppen. Aus Aachen kennt man das leider heute gar nicht mehr. Darum: Danke an ALLE Beteiligten, das AZ, die Bands und die vielen Besucher, die den Untergrund so massiv unterstützen. Ich freue mich schon auf den nächsten Abend!