Haemophagus – Atrocious


Haemophagus - AtrociousHAEMOPHAGUS melden sich mit ihrem zweiten Album zurück. Der ein oder andere kennt sie vielleicht von ihren populäreren Teilnahmen an dem Tribut zu Repulsion oder der gemeinsamen Split mit Repuked. Und wenn man die Band selber nicht kennt, dann vielleicht die Verstrickungen zu anderen Bands wie Assumption oder Undead Creep. Spätestens mit „Atrocious“ sollten HAEMOPHAGUS aber ohne jedwedes Name-Dropping in der Death Metal Szene bekannt werden. Denn trotz der klassischen Ausrichtung des Albums, kommen genug verspielte und eigenwillige Ideen auf dem Album vor, die an die furiosen Frühzeiten des Genres erinnern und einigen aktuellen Retro-Bands etwas abhanden kommen.

Atrocious“ klingt herrlich trocken. Und in seiner Herangehensweise schimmern mehr als einmal die Ideen früher Morbid Angel durch. Gelegentlich erinnern einige Ideen an „Covenant“ oder „Blessed Are The Sick„. Aber größtenteils haut die Mischung aus ungezügelter Energie und grobschlächtiger Darbietung von abgefahrenen Rifffolgen an „Altars Of Madness„. Diese Furiosität wird dann in der Geschwindigkeit durch Blastbeats erweitert, die nahe am Grindcore kratzen. Ja, manchmal klingt das schnelle Geballer schon ein wenig nach Terrorizer. Das belebt die Musik deutlich und drückt ordentlich!

Immer wieder, wenn man gerade meint, man hat das Schema in etwa verstanden, bringen HAEMOPHAGUS aber noch weitere Elemente in ihre Musik, die nach heutigem Scheuklappendenken richtig unorthodox sind. Angefangen beim Intro, das mit Orgelklängen auch aus einem Giallo-Soundtrack hätte stammen können. Oder der rockigen Gitarre im Titeltrack und „Ice Cold Prey„, die mit Sicherheit von Jimmie Hendrix oder den Beatles beeinflusst wurde. In der Mischung mit schnellem Metal darf vielleicht auch Carcass als Inspiration genannt werden. Spätestens „The Honourable Society Of Black Sperm“ bringt dann gänzlich den Rock’n Roll nach vorne, klingt wie Motörhead, Midnight oder Malignant Tumor. Aber auch nur, bis der Song dann doch noch im wilden Geballer gipfelt.

Im Gegensatz finden aber auch richtig zähe, doomige Momente ihren Einzug auf „Atrocious„. So ist das Wechselspiel in „Naked In The Snow“ nicht unähnlich der Herangehensweise von Swallowed. Und „Surgeon Of Immortality“ klingt sicherlich ein wenig nach Autopsy. Gleiches könnte man auch vom Rausschmeißer „From The Sunken Citadel“ meinen, erinnert mich der Track dennoch mehr an die Nebenspielwiese Assumption.

Am Ende passiert auf „Atrocious“ unglaublich viel. Mal eine Anlehnung an alte Sepultura, mal gewisse Parallelen zum Debüt-Album von Chapel Of Disease. Mal kurze, knackige Songs um und unter 2 Minuten, volle Suppe auf die Fresse. Und einige Passagen, die im Refrain schlicht zum Mitsingen einladen. Alles ungezwungen gemischt und voller verspielter Dynamik. Das macht HAEMOPHAGUS interessant, das hebt die Band von viel Konkurrenz ab, die zwar coole Musik spielen, aber in ihrem Schema etwas zu eingefahren sind. Größter Schwachpunkt ist allerhöchstens das Fehlen von wirklichen Killer-Riffs. So cool die Gitarren sind, und so sehr sie an die wahnsinnigen Anfänge von Morbid Angel erinnern, so wenig gibt es prägnante Linien, die einem im Ohr kleben bleiben. Dafür gibt es aber genug andere Elemente, die die Songs wiedererkennbar machen.

Die CD von „Atrocious“ kommt über Razorback Records. Dieses Review wurde für die Kassetten-Version geschrieben. Die kommt von Weed Hunter Records, limitiert auf 166 gelbe Tapes (Danke Hannes!). Die 40 Minuten werden auf beide Spielseiten verteilt. Das J-Card hat Double-Flap mit Erweiterung des absurden Coverartworks im Innenteil und den Liner-Notes zum Album. Darin liest man mitunter die Gastsänger von Coffins, Machetazo und P.L.F., die jeweils einen Song bereichert haben.

Analog-Enthusiasten sollten sich ranhalten, wer weiß, wie lange die Kassette beim Weed Hunter für den schmalen Preis noch erhältlich ist. Wer unentschlossen ist, oder sich erst mal selber eine Meinung bilden will, der kann auf Bandcamp das komplette Album anhören.


Infos:
Razorback Records (CD) / Weed Hunter Records (Tape) – 2014
CD / Tape – 13 Lieder / 39:32 Min.

https://www.facebook.com/Haemophagus
https://haemophagus.bandcamp.com/

http://weed-hunter-records.blogspot.de/