Hell’s Pleasure Open Air 2014


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hp14_1Abschied zu nehmen, das ist meist nicht unbedingt schön. In diesem Jahr bedeutet das 10. und letzte Hell’s Pleasure Open Air für mich dies in mehrfacher Hinsicht. Mindestens war es aber der Abschied von einem der besten Open Airs in unserem Lande: fanfreundlich, kauzig, immer gut und eigenwillig besetzt. Hier kann man nach dem erfolgreichen Ableben, das es nun einmal war, nur hoffen, dass irgendjemand diese Nische schließen wird (Edit: und das ist getan in Form des CHAOS DESCENDS FESTIVALS). Und so schleppte ich mich angeschlagen ein letztes Mal in’s beschauliche Pößneck, um dem Leichenzug Zeuge zu stehen.

Freitag, 18.07.2014

stallion_HP_ivoryWie schon traditionell üblich, so fiel auch dieses Mal wegen Ankunftsformalitäten der Opener unserer Verspätung zum Opfer. Schade, denn HERETIC machen in der Regel ordentlich Laune. Dafür war man dann zu STALLION pünktlich passend an der Theke. Mitreißender Dicke-Eier-Metal, enthusiastisch und mit viel Drive und frenetischer Inbrunst von Frontsau Pauly vorgetragen (inklusive Ausblick auf das kommende Album), knallte der Fünfer ordentlich los und schaften es tatsächlich, die genervte Autobahnlaune total wegzuspielen. Auch wenn ich mir diesen Kram auf Platte nicht geben kann, live rock’n rotzt das schon mächtig!

hellbringer_HP_ivoryAnschließend durften die Aussie-Newcomer HELLBRINGER die Bühne entern. Und die Aussies machten das, was Aussies eben machen, wenn sie dreckigen Thrash zocken? Genau: Die Bühne zerlegen. Und zwar richtig. Angeschwärzt und dreckig, ziemlich unverblümt und landestypisch direkt (inklusive Possessed Cover) wurden uns ordentlich die Hintern versohlt. Und das bei der Hitze schon fast zu sehr, denn bei aller Energie war gegen Ende des Sets etwas die Luft raus. Der Band ist wohl aber eher weniger einen Vorwurf zu machen – wer könnte denn auch bei diesem Wetter sein Energielevel so durchgängig hoch halten?

Dafür kamen nun die mir bis dato unbekannten und nun bei Van Records verbrieften CARONTE an den Start: Trotz des dunklen Sludge/Doom-Gebräus kommen die Italiener wesentlich relaxter und weniger hysterisch rüber, was nach nach Hellbringer wirklich entspannend wirkt. Man wippt locker mit und genießt das nächste kühle Getränk und wären die Italiener noch etwas psychedelischer dahergekommen, es hätte auch nicht gestört. Zur Abwechslung definitiv gut gelungen, stilistisch allerdings für meinen Geschmack auf eher unspannenden Pfaden unterwegs. Für Doom-Fans sicher aber eine Empfehlung wert.

deathcult_HP_ivoryDEATHCULT. Jawoll! Für mich fast gleich auf mit den Brüdern von Bölzer. Rotzig, roh, dreckig und direkt. Das erste Highlight! Und die erste Band, bei der es vor der Bühne ordentlich zur Sache ging. Trotz der eher düsteren Ursuppe, knallte der Sound der Schweizer auch bei Sonnenschein vorzüglich, gerade bei den anachronistischen Riffsalven fühlte man sich direkt in die frühen 90er zurückversetzt und wollte erhobener Faust in die erste Reihe springen. Geil. Ich hoffe, die Jungs legen bald schon neue Tonträger nach, denn diese Show bewies vor allem: hier stimmten Feeling und Songwriting und Performance absolut, was man nicht unbeding von jeder zeitgenössischen Alte-Schule-Death-Metal-Band behaupten kann.

beastmilk_HP_ivoryHeiß ersehnt wurden BEASTMILK wohl von nicht wenigen. Die Senkrechtstarter wurden dann dementsprechend auch frenetisch für ihren eingängigen, leicht metallischen Post Punk mit klarer Killing-Joke– und The-Fields-Of-Nephilim-Note abgefeiert, wobei man zugeben muss: dieser Auftritt war 1a in allen Belangen und Beastmilk dürfen sich eines charismatischen und motivierenden Frontmanns sicher sein. Ich meine, sogar ich hab mich ganz nach vorne bewegt. Das passiert auch nicht mehr allzu oft, nicht? Bombenauftritt, hitgespickt! Ein Triumph! Und vielleicht DAS Highlight des Festes!

grave_miasma_HP_ivoryEigentlich möchte man zwischendrin auch mal ausspannen, oder? Keine Chance: GRAVE MIASMA. Für mich im Moment wohl die beste britische Death Metal Band. Düster, massiv, traditionsbewusst und trotz aller akustischer Gewalt noch bedrohlich und atmosphärisch. Für mich war dies zwar nicht der beste Auftritt der Briten, dem ich beiwohnen durfte, aber dennoch über fast alle Maßen überzeugend – und wäre ich nicht noch so voller Begeisterung für Beastmilks Hymnen gewesen, hätten wohl das Tagesrennen bestritten. Kompromisslos rabenschwarz.

Natürlich ist es immer eine Freude, SADISTIC INTENT zu sehen. Noch mehr irgendwie, wenn diese als Ersatz für den nicht so gerne gemochten Headliner auf das Billing gerutscht sind (Sorry, Leute!). Nun könnte man philosophieren, warum denn SADISTIC INTENT nie über ihren Undergroundstatus hinaus kommen konnte oder so manchen Running Gag vom Stapel lassen… besser nicht, denn auch ohne „The Second Coming“ im Gepäck lieferten Sadistic Intent wie gehabt besten US Death Metal von beängstigender Intensität, Inbrunst und Präzision. Eine Maschine, urgewaltig und unmittelbar, dabei trotz aller Finesse noch so urwüchsig roh und brutal. Mir fiele spontan kaum eine andere Band ein, die so sehr die Altare des Wahnsinns musikalisch im Geiste weiter mit Kerzen vollstellen; die Erfinder schon dreimal nicht. Auch hier gilt zu attestieren: ein Triumph! Für mich der Headliner schlechthin! Eine Legende, die ihrem Ruf völlig gerecht wird.

ruins_of_beverast_HP_ivoryOb man das auch von MANILLA ROAD so behaupten kann? Kann ich wirklich nicht sagen. Ich habe der Kultband hunger- und kommunikationsbeding nur mit einem Ohr halbwegs lauschen können, was mich leider auch nicht besonders störte: nicht mein Ding. Dafür aber THE RUINS OF BEVERAST. Und ich kann wirklich nicht sagen, ob ich diese Show komplett bescheiden oder großartig finden sollte. Massiv und brutalst düster, extrem in allen Belangen. Und leider war es auch extremst anstrengend der auf Konserve wirklich großartigen Band (die für mich mit „Rain Upon The Impure“ wohl eines der besten Black Metal Alben aller Zeiten ablieferten) zu folgen. Zu oft ertappte ich mich dabei, mich wieder Konversationen zu widmen und an der Theke nicht unbedingt dem Drang zu verfallen, wieder vor die Bühne zu schlendern… Schade irgendwo. Ich bin gespannt auf den nächsten Clubgig.

Das war er schon, der erste Tag des Leichenschmauses. Und wir ließen ihn gemütlich im Partyzelt bei allerlei Freunden und Bekannten ausklingen, ganz der Tradition gemäß!

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Samstag 19.07.14

malthusian_HP_ivoryTageserkenntnis Nr. 1: Kackhitze. Trotz Wald, Schatten, Wasser, Aspirin und Pavillon – das Leben wollte nicht in meinen geschundenen Leib zurückkehren. Dazu steckten mir auch noch die vorherigen Wochen zu sehr in den Knochen, um wieder am blühenden Leben teilzunehmen… nun gut. MALTHUSIAN durfte ich mir aufgrund des duften Demos nicht entgehen lassen. Leider jedoch verpuffte der schwarze Todesblei bei mir nahezu ohne eine Regung auszulösen. Das lag garantiert nicht an der Band, die selbst ihr kleines Päckchen auf der Bühne wohl tragen musste bei diesen Temperaturen. Beim nächsten Mal dann – denn dann wette ich, werden mich die Ir(r)en bestimmt wegblasen. Schwedens wildgewordenes Knüppelkommando ENSNARED fielen leider denselben Umständen zum Opfer – aber ich hoffte insgeheim, sie würde mich kommenden September dann in Kopenhagen begeistern (Edit: taten sie!).

vampire_HP_ivoryBei VAMPIRE war ich dann wieder fitter und aufnahmefähiger. Gut so. VAMPIRE, die mich auch mit ihrem Tape ordentlich begeisterten (das Album fällt, finde ich, etwas ab), lieferten wie erhofft einen wilden, ungestümen, fast irren Gig, der voll und ganz von ihrem Blümchen-in-den-Haaren-Hippie-Sänger dominiert wurde. Sicher, der Kerl raubte der punkigen Chose etwas die Atmosphäre, allerdings wirkte dank dessen wildem Gehabe die Show umso mitreißender, ohne irgendwie aufgesetzt oder unlocker daherzukommen. Genau das richtige für so einen katrigen Mittag. Kompliziert und richtig kopflastig sollte es dann nämlich im Folgenden werden.

chaos_echoes_HP_ivoryCHAOS ECHOES. Für mich einer DER heißesten Newcomer Europas. Unangepasst, schräg, experimentell, ausladend, eigenwillig, doch atmosphärisch, abgehoben, artyfarty – man will nicht genug Attribute nennen. Und wie erwartet, so verdrehten die Franzosen mit ihrem Avantgarde Death Metal mir ordentlich die Birne. Einzigartig, brillant! Und das trotz Sonnennuklearsturm und utopischer Wüstenhitze. Schräge Dissonanz, wirre Rhythmik, jazzige Percussion, Improvistation und kein einziger Part geradeaus. Und dennoch fesselten die Herren, nicht nur ihres offensichtlichen Könnens wegen. Das ist Death Metal für Dekonstruktivisten.

drowned_HP_ivorySATAN’S SATYRS hab ich mir nach ihrer beschissenen zweiten Platte geschenkt. Sorry dafür. Aber diese Vocals kann ich nicht ertragen. Dafür ging es folgend Schlag auf Schlag. Deutschlands im Moment beste Death Metal Kapelle DROWNED kamen nämlich und siegten (mal wieder). Sicher, die Band hat so manche stilistische Phase durchlebt, aber man merkt ihr deutlich an, wie sehr sie die letzten Jahre nach den Neubesetzungen gewachsen ist; musikalisch und als Liveband. Düster und ebenso massiv wie GRAVE MIASMA, fies schleppend zuweilen, von einer Urgewalt, die alten Incantation gleichkommt. Herrlich. Auch die Art der Band, völlig unaufgeregt und fast schon gelassen zu performen, ohne irgendwie dabei weniger mitreißend oder gar routiniert zu sein. Klasse! Ein Highlight.

cancer_HP_ivoryUnd dann war Semilegendenzeit. CANCER, die reformierten Fast-Klassiker aus UK. Zwar nie erste Reihe, aber dennoch mit zwei wirklichen Hitalben am Start – und diesen wurde auch gehuldigt. Und wie. Als wäre es das Natürlichste der Welt, mal so zwanzigwas Jahre nach dem Debüt, eben dieses mal so lockerflockig runterzurotzen. Diese geriatrische Abteilung war agil und spielfreudig, unverbraucht und machte mal sauviel Spass! „Cancer fucking Cancer„, Alter! „Death Shall Rise„! Hammergeile Sache. Und das Publikum war äußerst dankbar. Davon sollten sich mal so einige noch aktive Weggefährten ein Riesenstück abschneiden! Ich will ja keine Namen nennen, aber die einen fangen mit B an…

antaeus_HP_ivoryANTAEUS schafften es anschließend dann doch nochmal tatsächlich, das Festival mit ihrem unbarmherzigen, erbarmungslosen Black Metal Getrümmer umzukrempeln. Mir fehlen wirklich die Worte ob dieser zur Schau gestellten Radikalität. Dagegen können diese ganzen chaotischen War Metal Knüppler nicht anstinken. Live schon gar nicht (Auch Kasparen wie Marduk, die das Können haben, wirken dagegen wie Spielzeugpanzer im Sandkasten). Define radical: Antaeus. Und danach war für mich leider die Luft raus. Die Last der vergangenen Wochen legte sich auf mich und raubte mir die Aufnahmefähigkeit. Und das, obwohl ich doch HAWKWIND Fan bin. Die Show zog an mir vorbei, ohne dass sich viel in mir regte. Wirklich schade, im Nachhinein, aber dem ist wohl nun so und ich finde es ehrlich gesagt sehr schade, hier keinen euphorischen Bericht liefern zu können. Die Resonanzen waren jedoch alle weitestgehend positiv, wie mir erschien.

Dennoch muss man hier absolut positiv anmerken, dass es unwahrscheinlich stark von den Veranstaltern ist, neben den Extremen immer auch einige wirklich genredefinierende Bands einzuladen. Dies hat nämlich viel zum Charme des und zur Vielfalt auf dem Festival beigetragen, was das Hell’s Pleasure zu so einem besonderen jährlichen Ereignis hat werden lassen: Die Atmosphäre, die Stimmung, das zeltplatzliche Ambiente mitten im Wald, die großartige Bandauswahl und das stark heterogene Publikum. Wirklich, wer will denn dieses nun entstandene Loch in der deutschen Festivallandschaft nun stopfen (Edit: die Antwort hoffentlich, siehe Einleitung). Ich sage: Farewell to hell! Danke für die vielen tollen Erlebnisse und tollen Shows! Ich persönlich verband mit diesem Festival viel mehr als nur Musik und Freunde und zu feiern – und irgendwo ist es dann doch wieder passend und bitter ironisch, dass dies alles gemeinsam zu Grabe nun getragen wurde; wie zu Beginn, auch zum Ende zu Begräbnismärschen von Sadistic Intent.