Grindcore in a Nutshell


Grindcore - In a Nutshell

Grindcore in a Nutshell? Oha, das ist kein einfaches Unterfangen. Denn auch wenn das Genre oft auf Krach, Schreien und Songs unter 30 Sekunden reduziert wird, ist Grindcore mehr als nur Lärm. Selbst dem eigenen Mantra „Grindcore is not music“ zum Trotz. Doch fange ich am besten von vorne an! Mich erreichte desletzt eine Nachricht:

Warum ist Grindcore eigentlich häufig so… prollig, eklig?
Ich meine dabei vor allem diese ganze Porngrind, Goregrind-Schiene. Napalm Death z.B. ist eine Band, die ich in Ehren halte und auch Nasum finde ich sehr geil. Aber ich komm nicht dahinter, was diesen großen Haufen Bands angeht, bei denen allein die Artworks auf mich schon eine solch abschreckende Wirkung haben, dass ich keinen Bock habe, mich eingehender mit der Musik zu beschäftigen. Und wenn es im Death Metal um Gore und dergleichen geht, wird das imho oft auf eine „geschmackvollere“ Art und Weise betrieben.

AntiMusicReduziert auf die Kernthese ist das eine sehr interessante Frage! Warum gibt es in subkulturellen Musikrichtungen häufig gravierende Unterschiede zwischen den Begründern des Genres und jüngeren Vertretern? Wie kann es sein, dass aus einer Stilistik auf einmal Unterschubladen entwachsen, die oft gänzlich entfremdet von ursprünglichen Gedanken sind? Ob sich frühe Hardcore-Bands wie DEAD KENNEDYS hätten träumen lassen, dass heute unter der gleichen Bezeichnung prollige Bands wie NASTY zum Windmühlentanz aufrufen? Hätte AUTOPSY daran gedacht, dass heute ANNOTATIONS OF AN AUTOPSY oder BRAINDRILL auch als „Death Metal“ gelten? Wie kam es zu diesen Änderungen? Die Ursachen und Entwicklungen können viele Gründe haben…

Doch um die Frage zu klären, wieso Grindcore heute oft einen „prolligen“ Beigeschmack hat, muss man vielleicht wirklich differenziert an das Genre gehen. Auf die Frage „How would you define grindcore?“ hat Barney Greenway hat mal gesagt:

„[Der Begriff „Grindcore“ wurde von unserem alten Drummer erfunden] And what he was referring to when he said it was it could be anything that’s fast and furious or it could be slow and torturous anything from a band like Napalm to a band like Swans, an avant-garde band but completely extreme at the other end of the scale, so it was quite a large parameter.“

(Quelle: http://www.list.co.uk/article/41404-interview-barney-greenway-of-napalm-death/)

Das ist leider eine Definition, die in dieser Offenheit wohl selten ein zweites Mal in der Millimeterfickerei der Musiknerds interpretiert wird. Denn heute wird von vielen „Musik-Journalisten“ schnell alles mit Frognoise, Pigsqueals, Blastbeats oder gar Beatdown-Breakdowns für Grindcore verkauft. Das reicht von WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER, NASTY, JOB FOR A COWBOY zu MILKING THE GOAT MACHINE, so vieles wird einfach in die „Grind“-Schublade gesteckt. Ohne zu differenzieren, ob es wirklich Grindcore ist, oder vielleicht in einer Sub-Schublade daheim ist.

Porngrind oder Goregrind wäre noch das einfachste. Bei den Mikro-Genren Fastcore, Thrashcore, Powerviolence, Mincecore, etc. blicke ich schon gar nicht mehr durch. Doch auch Mischgenre werden häufig plump mit in den Topf geworfen, wie beim Death-Grind, der eigentlich immer noch mehr Bezüge zum Death Metal denn zum Grindcore hat. Oft wird aber auch schon vieles aus dem (Brutal oder Slam) Death Metal mit „Grindcore“ betitelt. Manchmal sträuben sich mir die Nackenhaare beim Lesen mancher Reviews…

Wenn man aber nicht so offen an die Definition geht, sich mehr klassisch an engen Kategorisierungen orientieren will, dann stammt der alte, klassische Grindcore aus dem Punk, Hardcore, D-Beat. NAPALM DEATH, EXTREME NOISE TERROR, TERRORIZER, NAUSEA, DROPDEAD, PHOBIA, DISRUPT haben ihre Wurzeln in diesen Genren. Da spielt Sozialkritik und Politik noch eine große Rolle in der Musik; Grindcore hat noch eine Aussage, ein erstzunehmendes Thema. AGATHOCLES fassen es eigentlich perfekt zusammen: „Grind Is Protest„!

„We Play grindcore because we’re angry against this system, this is no fun“

Santi / NASHGUL (MDF 2013), entliehen aus dem Booklet von „Undead – A Tribute To Disrupt

CARCASS haben sich da etwas anders orientiert. Sie spielten auch Grindcore. Aber mit anderen Interessen als Politik, die Pathologie bot ihnen einen reichhaltigen Fundus an Inspiration. Aber auch nicht prollig, sondern eher neugierig, wissenschaftlich interessiert. Jeff Walker sagte mal:

„Maybe I’m trying to say a simple thing, but I deliberately try to say it in as complicated a way as I can. I did an interview where the guy was saying Geddy Lee uses a thesaurus… well, fuck yeah. Dictionary, medical dictionary, thesaurus. It’s not a case of trying to be clever for no reason, but why just try to say the same old shit everyone else has said before?“

(Quelle: http://rvamag.com/articles/full/21964/its-easy-for-people-to-be-cynical-an-interview-with-jeff-walker-of-carcass)

Und:

„You come up with an idea or a concept for a song and you write as much as you can and then you come back to it later. With CARCASS, we always try to avoid the obvious. We try to avoid clichés. We try to avoid things that people have said before, unless it’s a quote, where we’ll corrupt them. We’re basically trying to avoid the obvious, and that goes for the music for the most part, as well. I’m as guilty as Neil Peart for swallowing a dictionary or a thesaurus when it’s necessary.“

(Quelle: http://www.blabbermouth.net/news/carcass-walker-im-as-guilty-as-neil-peart-for-swallowing-a-dictionary-or-a-thesaurus-when-its-necessary/#LDYPyibXUbbVLqBv.99)

Das macht CARCASS so besonders. Sie wollen nicht einfach eine Kopie von etwas gewesenem sein, sie wollen etwas neues schaffen. Walker sieht in seiner besondere Eloquenz eine Kunstform, für die er gerne stundenlang einen Thesaurus liest oder eben aus dem Pschyrembel zitiert. Er kennt also das bisherige und versucht es zu modellieren, zu ergänzen.

Und da trifft Grindcore in seiner ursprünglichen Form auf ein klassisches Verständnis von Kunst: Bestehendes kopieren, bestehendes verändern, bestehendes Kombinieren. Schnell wird daraus eine eigene Form von Kunst, ein eigener Stil. Das haben auch NAPALM DEATH im Endeffekt gemacht. Sie kannten Punk und Hardcore, kannten seine Regeln. Und haben bewusst damit gebrochen, die Rhythmik und Strukturen nach eigenen Vorstellungen modifiziert. Gerade an Mick Harris sieht man das tiefsitzende künstlerische Talent, wenn er in diversen Genren mitmischt und eigene, kreative Ideen auslebt. Oder auch an dem einst geplanten Happening, dass NAPALM DEATH mit ihrer Musik eine Skulptur in einem Museum zerstören sollten.

Doch das waren die Anfangstage, als es noch keine Definitionen von Grindcore gab. Die frühen Bands nahmen einfach den bekannten Punk und Hardcore und veränderten ihn nach eigenen Vorstellungen. Dadurch haben sie Regeln erschaffen. Oder zumindest Blaupausen. Grindcore = Schreien, sägende Gitarren, Blastbeats und Songs unter 30 Sekunden – zumindest erscheint diese Definition auf den ersten Blick passend, wenn man kulturellen und Musik-historischen Kontext nicht betrachtet.

Selbst Red Bull kam zu dieser These und geben „Eine kurze Einführung“ zum Thema Grindcore:

„Du willst deine eigene Grindcore-Band gründen? Unsere Anleitung macht es dir leicht: […]
Stell dir jetzt mal den Sound eines Einwahlmodems vor, der zunächst durch einen Häcksler gejagt und dann mit Schlamm bedeckt wird. Genauso böse und brutal muss eine Grindcore-Gitarre klingen. […]
Wähle den passenden Bandnamen. […] Nimm ein Objekt, vorzugsweise ein Nutztier, füge einen zufällig gewählten brutalen Akt hinzu und voilà! Livestock Sodomy. Duck Massacre. Owl Disembowler. Siehst du? Ganz einfach.
[…]Aufmerksamkeitsdefizitstörung ist im Grindcore weit verbreitet. Viele Songs dauern nur wenige Sekunden.
[…] Grindcore-Bands sind meistens links eingestellt, ihre Mitglieder oft Vegetarier und ihre Songs meist Predigten über die Gefahr, von einer repressiven Regierung unterdrückt zu werden. Also lies dystopische Romane und schreibe einen aufrüttelnden Text, der die Menschheit dazu aufruft, sich von ihren Fesseln zu befreien – und dann brüllst du ihn so laut, dass niemand den Text verstehen kann.“

(Quelle: http://www.redbull.com/de/de/music/stories/1331627548760/grindcore-eine-kurze-einf%C3%BChrung)

Das schöne an dieser recht oberflächlichen Analyse: Es ist ein einfaches Rezept. Man muss nicht verstehen was vorher Geschehen ist, sondern kann das vermeintliche Endergebnis adaptieren. Grindcore erscheint plump, stumpf, simpel. Nicht zuletzt meinen das Bands wie EXCREMENTORY GRINDFUCKERS, wenn sie das Genre versuchen zu persiflieren. Bitterlich scheitern sie aber an der mangelnden Attitüde und eben dem Hintergrundwissen um das bewusste Brechen von Regeln und Konventionen. Da machen es andere heutige Bands besser, MARUTA oder NOISEAR, die sicher auch Einflüsse aus DISCORDANCE AXIS oder ENTRAILS MASSACRE ziehen, sich bewusst von gängigen Vorstellungen von Harmonien und Strukturen emanzipieren.

Doch zwischen diesen Extrembeispielen, dem plumpen Versuch der Satire und ernstzunehmender Fortentwicklung, dazwischen stehen viele Bands die mit ambitioniertem Halbwissen agieren. Die auch eigene Motive haben. Beispielsweise bei vielen Grindbands mit deutlicher Metal-Marke. Am Anfang sicher noch innovativ etwas schwerer und druckvoller zu agieren, verläuft sich das Genre hier schnell in einfache Wiederholung. Das muss aber nichts schlechtes sein! Im Endeffekt ist alles eine Kopie einer Kopie einer Kopie. Dennoch finden wir heute den 1000sten ENTOMBED-Klon toll, wenn er mit genügend Enthusiasmus aufwarten kann.

An anderer Stelle entgleisen die Vorstellungen aber dann ein wenig. CARCASS haben über Leichen gesungen. Zwar eloquent, aber es ging im Endeffekt um verrottende Kadaver, Amputationen, perverse Freaks mit einer Säge. CARCASS waren Künstler und haben ihre Bilder sehr blumig gemalt. Das bedarf aber wieder einer intelligenten Betrachtung der nekrotischen Neigungen. Der weniger analytische Fan denkt sich: „Geil, Blut und Gedärme!“, nimmt noch eine Hand voll REPULSION oder IMPETIGO dazu und schon ist es nicht mehr weit, bis aus „Oozing chyme reeks as your duodenum is hacked“ mal eben ein „Hacking in da rotting corpse wit ma knive“ wird. Eine logische, wenngleich sehr rudimentäre Abstraktion des Themas.

„When it comes to actually defining this abomination, the lines get real blurry, real quick. Pornogrind is, essentially, goregrind’s inbred, ain’t-quite-right first cousin; they’ve got a hell of a lot in common, but have enough disparities to warrant a separation (or, preferably a restraining order).“

Zitat Invisible Oranges: http://www.invisibleoranges.com/2012/03/microgenres-pornogrind-a-primer/

Schnell ist der nächste Schritt getan, warum soll man bei Leichen aufhören? Das Grundprinzip „Schreien, ballern, brutale Texte haben“ lässt sich auch aufs Ficken übertragen. Wer schlussendlich dann noch den Polkabeat und das zwingende Bedürfnis nach „Groove“ in die Musik gebracht hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall haben GUT aus Deutschland den Harmonizer von CARCASS (und sicherlich auch einigen frühen Death Metal Bands) aufgegriffen, etwas von der Musik adaptiert und auf das Grundrezept „GG Allin trifft auf Blastbeats“ gesetzt. Natürlich inspiriert das schnell den ein oder anderen. Sex sells! Und wer springt da bitte nicht auf Titel wie „Dead Girls Don’t Say No“ oder „Vagina Berserker“ an? Naja, sicherlich gibt es einige, die darüber nur den Kopf schütteln. Aber es gibt genug Leute, die kichernd denken: „Geil! Und von der Musik her, da kann ich das auch!!“

Dank der modernen Technik boomt gerade die Porngrind-Szene übermäßig! Aufnehmen kann jeder daheim am Computer. Einfach einen billigen Drum-Beat erstellen, dazu zwei Riffs spielen und mit einem Harmonizer ein wenig Grunzen. Das ist einfach, das produziert schnell Songs. Auf kostenlosen Netlabels lassen sich die Resultate (oft als Split mit n anderen Parteien) schnell unter die Leute bringen. Manche Bands sind ambitionierter, andere machen so was einfach mal nebenbei, aus Spaß am „stumpfen Groove“. Vielleicht landet das ein oder andere Material dann sogar bei einem „richtigen“ Label, auf CD oder gar Vinyl. Und am Ende fließt dieser Output aus einem Mikro-Genre in die Gesamtmenge „Grindcore“ ein.

Wenn man wirklich versucht einen integralen Eindruck von allen Aspekten des Genres zu bekommen, wird man alleine durch den Porngrind sicherlich erschlagen. Plus Goregrind und man findet die klassischen Grindcore-Releases gar nicht mehr im Grindschwingen (pun intented). Von anderen Mikro-Genren ganz zu schweigen. Ebenso von der Tatsache, dass mittlerweile viele Bands aus dem Hardcore und Crust sich vieler Grind-Elemente bedienten, aber nicht der Stilistik oder Szene zugehörig zählen oder fühlen. Am Ende sind Schubladen eh nur Schall und Rauch, die Musik zählt alleine ohne Grenzen.

Zu all dem Gore und Porn kommt leider noch hinzu: In einem Bereich, wo mittlerweile jedes Gliedmaßen verbal schon tausendmal abgehakt wurde und jede haarige Muschi mit den Lyrics schon so häufig geleckt wurde, dass der Eiter gänzlich weg ist, gibt es dennoch das Prinzip: „Still not loud enough, still not fast enough“ – was man auch auf die „Artworks“ beziehen kann. Haben schon hundert andere Bands eine nackte Leiche auf dem Cover, dann brauchen wir eine nackte zerhackte Leiche! Ach, gibt es schon? Dann noch Nazis! Zoophilie! Fäkalien!! Pädophilie!!!! Hauptsache krasser als alles andere, Hauptsache unsere Artworks schockieren, wenn wir musikalisch eigentlich nichts zu sagen haben. Oder inhaltlich. Oder überhaupt.

Schade, dass gerade eine solche Minderheit oft eine negatives Bild auf ein ganzes Genre wirft. Sonst wäre die anfängliche Frage wohl gar nicht erst aufgekommen, wenn seriöse Bands die große Masse ausmachen würden und somit auch die Außenwirkung der Stilistik prägten.

Aber man sollte sich nicht von öffentlichen Fehleinschätzungen um das Genre oder gar die Vertretung der Minderheiten abschrecken lassen! Das wäre so, als ob man jedwedem Christen misstraut, weil man einmal die Westbro Baptist Church gesehen hat. Oder jedem Muslimen, weil es Organisationen wie die al-Quaida gibt. Oder eben dem Grindcore, weil es GUT und ROMPEPROP gibt.

Wenn man etwas vorurteilsfrei und vielleicht sogar mit etwas Humor an die Sache geht, dann machen ROMPEPROP oder RECTAL SMEGMA zumindest live immer sehr viel Spaß. Und auf CD muss ich gestehen, dass ich auch häufig LAST DAYS OF HUMANITY anmache. Die 10 Minuten für ein Album gönne ich mir (;

Aber aktiv verfolgen oder betrachten, sollte man diese Nieschenprodukte nur bei absolutem Gefallen. Ansonsten schaut man halt mal abfällig darauf, wie auf den obligatorischen Satanisten Black Metal® und hofft auf etwas relevantes. Das ist im Grind sicherlich schwieriger mitzubekommen, denn dieses Genre ist im harten, ernstzunehmenden Kern doch sehr klein. Aber man bekommt die Highlights schon mit. So kennst Du sicher NAPALM DEATH oder NASUM. EXTREME NOISE TERROR, BRUTAL TRUTH oder DROPDEAD wirst Du wahrscheinlich auch schon mal gehört haben. Dann geht es mit ROTTEN SOUND, INSECT WARFARE, WORMROT, AFGRUND weiter, alles keine unbekannten und alles Bands mit ernsthaften, ernstzunehmenden Themen. Von da aus ist es auch kein großer Schritt mehr zu DISCORDANCE AXIS, MARUTA, NOISEAR, PROLETAR, WOJCZECK, KILL THE CLIENT oder ZODIAK. Und dann findet man immer und immer mehr Bands, die eben nicht mit Titten und Schwänzen und Gedärmen und Kadavern irgend etwas profilieren müssen, Bands, die wirklich noch etwas zu sagen haben, oder sogar noch Kunst produzieren, wo vermeidlich bereits alles gesagt wurde.