Fake Idyll – Genome Of Terror


Fake Idyll - Genome Of TerrorOh, war dies ein schönes Experiment. Als die Japanischen Kampfhörspiele interimsmäßig die Segel strichen, machten sich die ehemaligen Kreativköpfe Robert Nowak (Gitarre und auch bei Phobiatic, ex-Jack Slater, Unchallenged Hate, bla, blupp) und Christ Of Kather (Drums, auch Elektrokill) daran, in der Mottenkiste zu plündern. Angereichert durch tiefe Töne von Christian Neumann (Aardvarks, Jack Slater, Vermis (<3), Warfield Within, etc. pp) wurde „Therapistgetsallthegirls“ aus alten Lumpen und neuen Flicken geschustert. Der besondere Twist: Für den Gesang wurde Lenzig von Cephalic Carnage in der Toilette des Tourbusses eingesperrt. Okay, ein wenig Unterstützung bekam er von Psychroptic und Ion Dissonance Menschen, sowie diversen Groupies und dem Busfahrer selber. FAKE IDYLL, fast forward und in a Nutshell. Ein ziemlich abgedrehtes und einmaliges Konzept. Mich hätte nicht gewundert, wenn der One-Shot so stehen bleibt, dadurch den Charakter eines besonderen Experiments behält.

Doch scheinbar war dem Kather langweilig! Seit 2011 – also kurz nach dem Debütalbum – wurde bereits mit neuen Fragmenten gewerkelt. Wieder wurde Nowak an die Klampfe gezerrt, wieder hat Neumann seinen Bass entstaubt. Dieses Mal wohl ohne hochkarätigen Gastgesang und spontanen Improvisationscharme im vokalen Bereich. Denn „Genome Of Terror“ hat „no vocals“. Das macht direkt der Warnhinweis auf der Rückseite des minimalistischen, wenngleich schicken Digipaks klar – an dieser Stelle knüpfen FAKE IDYLL wunderschön an den Grunge-Style der Jaka-Veröffentlichungen an. Typisch Kather, obschon er hier unter dem Synonym Hacker Frosh Tit agiert.

Musikalisch wird natürlich auch der bekannte Weg fortgesetzt. „Genome Of Terror“ ist Metal und auch wieder nicht. Es sind Sound-Collagen, Samples, viel Rhythmus. Aber auch Melodien, Atmosphäre, kluge Sinnbilder. Durch den Wegfall des Gesangs anders fokussiert und wesentlich anspruchsvoller. Doch dass kein falscher Eindruck entsteht! FAKE IDYLL sind meilenweit davon entfernt, sich in die große Reihe verkopfter und selbstverliebter Seitenwichser einzureihen! Denn einiger schnellen Skalen, Arpreggios und kurzfristigen Tappings zum Trotz, ist „Genome Of Terror“ ein überraschend Rhythmus-lastiges, grooviges Album geworden!

Erschreckend gering ist die Solo-Dichte, wenn ich recht gezählt habe, verdienen vielleicht zwei Momente über die 45 Minuten Laufzeit diese Bezeichnung. Natürlich gibt es gelegentlich Klangteppiche, gezogene Töne und betonte Harmonie-Läufe. Aber im klassischen Sinne mangelt es dem Album fast an exponierter Gitarre. Viel mehr sind die Musiker gleichberechtigt. Jedes Instrument darf mal mehr Fokus beanspruchen,ohne sich dabei zu sehr zu profilieren. Dezent erscheinen da fast die vertrackten Beats am Schlagzeug, die perkussiven Fills und exotischen Pattern. Gleichsam ist der Bass mal mehr, mal weniger verzerrt im Vordergrund. Selbst die Leads und Brücken an der Gitarre sind nicht sonderlich aufdringlich. Da fallen schon eher die Keyboards und orchestralen Synthies auf, wenngleich diese nur selten prominente Position im Gesamtbild einnehmen.

Ach, umreißt man „Genome Of Terror“ mit groben Schlagworten, dann sind dies Djent, Progressive Rock, Metal; die Ausprägungen sehr unterschiedlich, mal mit mehr klirrender Kälte und Blastbeats, dem Black Metal nicht unähnlich, mal mit rockigem Groove, mal eher mechanisch wie Roboter-Sex. Dazwischen gibt es Shoegaze, Post-Rock, Jazz, Samba. Alles fragmentarisch und doch an vielen Stellen kohärent. Prägnant sind die besonderen Eckpunkte „Tweaking Tweets“ mit viel Black Metal, „Carbonado Addicionado“ mit seinem hohen Melodie-Anteil, das melancholische „Losing Weight“ sowie das sehr durchdachte, pedantisch kritische „Prozac Country Blues„.

Gerade letzgenanntes „Prozac Country Blues“ zeichnet ein wunderschönes Bild, beginnt im Happy Happy Joy Joy mit Wechselbass und ändert dann dann rapide die Klangfarbe. In der Mischung aus verspielten Melodien und morbiden Twist, erinnert die Nummer gar an Macabre; der Stimmungsaufheller schlägt schnell in den tonnenschweren Blues um.

Und so entwickelt sich auch irgendwie das gesamte Album, wird im Verlauf immer etwas härter, düsterer, ernster. Obwohl immer dieses manische Grinsen auf den wortwitzigen Songtiteln lastet und gelegentlich verspielte Passagen Hoffnungsschimmer in die „Genome Of Terror“ tragen. Verträumte Momente im smoothy „The Unbearable Lightness Of Being Connected„, japanische Videospiel-Action in „Petridished„. Entgegen aller Fragmentierung ist die Entwicklung des Albums, die Platzierung der Konterpunkte sehr intelligent, gleichzeitig homogen im Ganzen, subtil.

Ist dies ein Musikalbum? Ich weiß es nicht. FAKE IDYLL produzieren musikalischen Arthouse. Kein Art-Rock, kein Post-Rock, kein Metal. Es sind Kollagen aus unterschiedlichen Genren, Stimmungen, Geschichten und akustische Darstellungen von Sinnbildern. Mal dadaistisch, mal humoristisch, mal sehr trocken und zynisch. Ob ich mir ein solch hinterlistiges Album oft anhören werde? Ich weiß es nicht. Für gefällige Instrumentalmusik ist „Genome Of Terror“ fast schon zu penetrant, zu aufmerksamkeitsfördernd. Für den intensiven, analytischen Genuss sind die 45 Minuten schon harter Tobak. Zwar keineswegs langweilig, aber in ihrer Entwicklung, in ihren Kontrasten schon sehr verzwickt. Und für den Fastfood-Musiksnack dazwischen, sind einfach zu wenige Hits, catchy Melodien und Easy-Listening-Passagen auf der Scheibe. Es ist ein Album, das den Hörer kitzelt und mit intelligenten Elementen zum denken anregt. Rhythmen, Breaks, Harmonien, alles nicht ganz so trivial, wie es zunächst scheint.

Doch nach aller Philosophie um Aussagen, Analogien zu den Liedtiteln, Taktarten und Spannungsbögen, da bleiben mir zwei Fragen:
1. Was soll ein Bonustrack auf einer CD, wenn der Song zum Standard-Umfang einer Veröffentlichung gehört? Ist diese Absurdität Teil des Konzepts? Für mich macht eine solche Dreingabe nur Sinn, wenn es unterschiedliche Auflagen gibt, denen nicht allen dieser Bonus zuteil wird. Doch versöhnlich zeigt sich die Nummer, lässt mich rätseln, ob dies elektronische Sounds oder ein missstelltes Banjo ist. Bluegrass Punkrock mit Metal-Einschlag, fetzige Nummer!

2. Und wie sieht die Zukunft von FAKE IDYLL aus? So sehr „Therapistgetsallthegirls“ als One-Shot funktionierte, musste die Nachfolge sich von dessen Konzept emanzipieren, um nicht als Versuch einer Kopie zu ersterben. Wie sind nun die Optionen für Album Nummer drei? Ob nach der Wiederbelebung von Jaka in Zukunft noch Zeit für solche instrumentalen Eskapaden, Experimente und Sound-Collagen bleibt? Naja, wie man die kreativen Wirrköpfe Kather/Nowak/Neumann kennt, steht dies außer Frage…

Infos:
Unundeux – 2014
Digi-CD – 11 Lieder 20 – 45:12 Min.
http://www.fakeidyll.de/
http://www.christofkather.de/
http://www.unundeux.de/