VA – Undead – A Tribute To Disrupt

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VA - Undead - A Tribute To Disrupt

Man glaubt es ja kaum. Aber so ein Sampler macht hinter den Kulissen eine ganze Menge Arbeit. Besonders wenn man nicht einfach beliebige Bands zusammenkrallt und auf CD bannt, sondern thematisch zusammengefasst einer bestimmten Band Tribut zollen will. Dennoch hat sich Dirk Wettlaufer, seines Zeichens eigentlich Gitarrist von MY COLD EMBRACE und ehemals Schreiber bei diversen Underground-Zines, der unliebsamen Aufgabe angenommen für seinen Helden DISRUPT eine Ehrerbietung zusammenzustellen. Die 1987 gegründete Band hat mit ihrem Album „Unrest“ und einem Haufen Split-EPs eine Vorreiterrollle neben Extreme Noise Terror eingenommen, kombinierte früh politischen Crustcore mit Grindcore. Nicht erst seit ihrem Ableben 1994 genießt die Band Kultstatus, bei Krusten, Grindern, Punks und Metalheads. Kein Wunder, dass „Undead – A Tribute To DISRUPT“ eine Doppel-CD/LP mit insgesamt 59 Bands wurde. Und laut Liner-Notes sollten es noch wesentlich mehr Bands werden, die aber aus irgendeinem Grund nicht die Deadline schafften.

Die Idee zu dem Tribut-Sampler entstand aus der Freundschaft zwischen Dirk und Power It Up Labelchef Tom und einem Running-Gag. Doch plötzlich wurde das Thema ernst, als Tom Dirk die Bürde als Kurator der Compilation übertrug. Die genauen Details, Hoch- und Tiefphasen des Projektes sind als Liner-Notes im opulenten Booklet zu finden und bieten einen guten Einblick in den immensen Arbeitsaufwand hinter einem solchen Vorhaben. Ich kann verstehen, wenn der Dirk nun die Schnauze voll von Tribute-Alben hat, haha! Doch man muss in einem Atemzug sagen: Er hat seine Aufgabe mehr als ordentlich, gar überambitioniert gemacht!

Denn neben der Hintergrundgeschichte zu der Veröffentlichung, finden sich zu jeder Bands Anmerkungen. Teilweise halfen die Beteiligten, gaben kurze Statements zu DISRUPT selber, warum sie sich ausgerechnet den einen Song zum covern aussucht haben, oder schlicht, warum die Lyrics heuer mehr von Bedeutung sind als jemals zuvor. Andere Bands waren nicht so freundlich und hier musste Dirk selber ein paar erklärende Zeilen zu der Band oder ihrem Beitrag lassen. Dabei zeigt sich der Schirmherr als Szenekenner, der sowohl alte Hasen wie auch Newcomer mit passenden Worten vorstellt.

Undead“ umfasst eine breite Spanne aus unbekannten bis ziemlich angesagten Truppen. Die größten Namen sind sicherlich MISERY INDEX, MURDER THERAPY, BESTHÖVEN, MY COLD EMBRACE, ACCION MUTANTE, ENTRAILS MASSACRE, TACHELESS, NECROMORPH, EMBALMING THEATRE oder GRONIBARD und NAILED DOWN. Dazu kommen Untergrundhelden und Aufsteiger wie UNCHALLENGED HATE, COLLISION, PASSIV DOÖDSHJALP, DAYS OF DESOLATION (eine Band von Cover-Artist Jasper) oder LIVSTID. Doch selbst unbekannte wie STREET FEAR, die es bisher wohl nur auf ein paar Tapes gebracht haben, zollen ihren Helden Anerkennung. Und wie gesagt, es sollten auch noch mehr werden. Laut dem Booklet schien alleine die Interessenten-Zahl aus Indonesion überwältigend.

Nach einer kurzen, tabellarischen Übersicht über alle Beiträge, mit Informationen über die beteiligten Kapellen, von welcher originären Veröffentlichung die Songs stammen und wie man die Interpreten erreichen kann, runden noch zwei ganz besondere Schmankerl das dicken Booklet ab! Zum einen gibt es ein altes Interview mit DISRUPT, aus der Zeit kurz bevor die Split-EP mit Extreme Noise Terror erschien – leider finde ich keine Quellenangabe dazu. Zum anderen hat sich Tony Leone bei den Machern des Samplers gemeldet. Diese Chance konnten Dirk und Tom sich nicht entgehen lassen! Das Ergebnis ist ein aktuelles Interview mit dem Gründungs-Bassisten. Und durch dummen Zufall: Eine EP mit bisher unveröffentlichten Songs aus der Demo-Session von DISRUPT. Diese findet sich als Bonus-7″ bei der Doppel-LP des Tribute-Samplers und ist wohl ein absolutes Highlight für DISRUPT-Fans!

Die CD-Version muss hingegen auf dieses Schmankerl verzichten. Um hier aber auch einen exklusiven Bonus zu bringen, finden sich hier 9 Cover-Versionen, die es aus Platzgründen nicht auf die Vinyl geschafft haben. Namentlich sind dies DISCREPANTE, HOMICIDE, PUREZA GENOCIDA, STREET FEAR, UNCHALLENGED HATE, GELO, ENTH, FOIBLE INSTINCT und DRICKAS TERROR. Doch wenn ich ehrlich bin, sind dies mitunter die verzichtbarsten Beiträge. Lediglich ENTH stellen einen schmerzlichen Verlust für die LP dar, denn sie liefern mit ihrer Doom-Version von „Down My Throat“ wohl eine der eigenständigsten Interpretationen ab. Selbiges kann man vom Techno-Remix zwischen KRU$H und Dr. Dynamite sagen, der sicherlich polarisieren wird. Natürlich haben auch andere Bands deutlich ihren Stempel auf die Songs gedrückt, GRONIBARD klingt… wie GRONIBARD, ENTRAILS MASSACRE haben natürlich das dissonante Highspeed-Pedal bis über den Anschlag durchgetreten und so weiter. KRONISK MISANTROPI und N€URON haben einen anderen Weg gewählt und die Lyrics in ihre Muttersprache übersetzt, was den Liedern eine interessante Wendung gibt.

Wie sich hingegen das musikalische Bernsteinzimmer, die bisher unveröffentlichten DISRUPT-Songs, darstellt, kann ich leider nicht sagen. Als Besprechungsgrundlage steht mir „nur“ die CD zur Verfügung, worüber ich Tom und Dirk sehr dankbar bin!

An Ausdauer werden aber beide Varianten den Hörer ordentlich fordern. Es sind ca. 59 Bands (mit 61 Songs) in 105 Minuten auf zwei CDs. Wenn man nun die neun Bonus-Lieder gegen eine 7″ mit Originalmaterial tauscht, wird sich wohl nicht viel an der Spieldauer ändern; das ist schon ziemlich harter Tobak!

Zwar hat sich ACCION MUTANTE Drummer Migge für das Mastering der Compilation alle Mühe gegeben, dennoch merkt man an einigen Stellen deutliche Defizite im Sound. Besonders, wenn die logische Zusammenfassung der Bands von CD1 und dem Norden Amerikas langsam in die zentralen und südlichen Länder des Kontinents wandert. Klar, Punk ist nicht immer nur druckvoller Mainstream-Sound, sondern muss an manchen stellen einfach klirren, scheppern und drönendes Lo-Fi bieten! Fuck your ideal world! Dem Hörfluss steht das Klanggefälle doch ein wenig im Weg. Ach, das ist jammern auf hohem Niveau!

105 Minuten, das ist langer und intensiver Hörgenuss. Da wundert es sich nicht, dass bei dieser Vielzahl an Bands einige Songs doppelt und dreifach gecovert wurden. Das führt häufig zu einem geweissen Deja-Vu-Effekt. Nicht immer, denn einige Interpretationen heben sich doch deutlich von den Kollegen ab. Insgesamt zieren „A Life’s A Life„, „Down My Throat“ , „Give It Back„, „Unrest“ oder „Body Count“ dennoch mehr oder minder dreimal die Compilation. Auf zwei Wiederholungen bringen es „Anti-Sobriety Song“ , „Be Your Own Boss„, „Deprived„, „Dog Eat Dog„, „Domestic Prison„, „God Fearing Citizen„, „Pay For„. Alles inklusive Übersetzungen und Techno-Version. STRONG INTENTION und STENCH OF DEATH ließen es sich nehmen und bringen jeweils ein Double-Feature mit zwei Songs in einem Rutsch.

Wow, dieser Umfang ist immens, in seinen Ausmaßen primär wohl an Musik-Nerds und absolute Fans von DISRUPT gerichtet. Gerade im Gesamtbild mit dem fetten Booklet, das für nachhaltige Beschäftigung mit dem Tribute-Album sorgt. Der Normalhörer wird kaum Freude an einer solchen Zusammenstellung haben; wser die Band vielleicht kennenlernen will, ist mit einem Best-Of sowieso besser beraten. Doch wer DISRUPT verehrt und darüber hinaus noch Spaß an Covern und Interpretationen hat, findet in „Undead“ eine ziemlich ergiebige Futtergrube.

Infos:
Power It Up Records – 2013
Do-CD – Insgesamt: 59 Lieder / 1:45:02
CD 1 – 26 Lieder / 49:30 Min.
CD 2 – 33 Lieder / 55:32 Min.
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