ULCERATE – eine dicke, zermalmende Wand aus Sound


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ULCERATE sind wieder zurück. Schwerer und mürbender als zuvor. Im ersten Moment scheinen die abgrundtiefen Täler und leichten Hoffnungsschimmer auf Vermis zu fehlen, das Album scheint ein monochromantischer Monolith. Doch das ist so beabsichtigt, und es gibt mehr zu entdecken, als man im ersten Moment meint. Teile davon hat Drummer und Kreativ-Mensch Jamie Saint Merat bereits im exklusiven Track-by-Track-Feature verraten. Die anderen Details habe ich im folgenden Interview erfragt.

 


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1/ Hey Jamie! Wie geht es Dir! Willkommen zurück in meinem bescheidenen Fanzine. Und noch mal vielen Dank für das Track-By-Track Feature, dass Du mir über „Vermis“ zur Verfügung gestellt hast! Ich hoffe, Du hast ein paar kalte Bier und viel gute Musik bereit, derweil Du mein flottes Interview beantwortest…

Cheers man. Eigentlich trinke ich gerade Whiskey auf einem Flug, derweil ich das hier schreibe!

2/ Habe ich da etwas nicht mitbekommen, oder waren ULCERATE ziemlich ruhig im Internet und den sozialen Medien im Vorfeld zu „Vermis“? Ich war fast schon überrascht, als ihr ein Release-Date und einen Clip aus dem Studio veröffentlicht habt. Habe ich das übliche „Wir proben gerade neues Material, die neue Scheibe heißt XXX und wird am dd-mm-YYYY aufgenommen“-Beiträge auf Facebook übersehen oder habt ihr absichtlich alles unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten?

Wir sind immer sehr ruhig, wenn wir aktiv an Dingen arbeiten. Aber wir haben ein vages Update im Oktober 2012 auf Facebook hinterlassen (genau: „Album #4“). Im März und April 2013 folgten dann noch die Ankündigungen, dass es ins Studio geht und der obligatorische Fortschritts-Report. Aber wir wollen den Scheiß auch nicht an die große Glocke hängen und einen Hype daraus machen, wie es viele andere Bands tun. Das ist einfach nicht unser Stil.
Wir sind mehr als glücklich, der Musik das Reden zu überlassen.

3/ Wo ich gerade den Studio-Teaser ansprach: Es war schon sehr eindrucksvoll, Dich an den Trommeln zu sehen und einen Eindruck zu bekommen, wie eure Riffs funktionieren. Aber ich weiß ja nicht, irgendwie finde ich es nicht so spannend einen Typen zu sehen, der einen Pop-Filter anbrüllt… Und habe ich die Aufnahmen von euren Basslinien vermisst! Wenn ich das recht in Erinnerung habe, ist Paul Kellland nicht nur euer Sänger, sondern auch Bassist. Warum habt ihr diese Szenen nicht in das Video aufgenommen?

Richtig, aber eigentlich hat Mike die Bass-Teile für das Album aufgenommen, da er und ich das Material auch gemeinsam schreiben. Wir kommen dann erst zu dritt zusammen, wenn alles bereits steht. Paul war mit den Texten beschäftigt und wie üblich gibt es einen Haufen Arbeit, wenn wir erst mal bei den Aufnahmen sind. Entsprechend ist es einfacher für uns, wenn wir so verfahren. Der Ausschluss der Bassaufnahmen hatte keinen bestimmten Grund, wir haben es schlicht und einfach nicht gefilmt.

4/ Wie waren die Reaktionen von Fans und Medien zu „Vermis“? Ich denke, die Leute hatten sicherlich hohe Erwartungen durch „The Destroyers Of All“… Und ich denke auch, dass euch der Deal mit Relapse einer breiteren Zielgruppe zugänglich machte.

Soweit haben uns die Antworten einfach weggeballert. Wir halten eigentlich unsere Erwartungen niedrig, entsprechend ist fast durchgängig 100% positive Rückmeldung extrem schmeichelnd. Natürlich gibt es das übliche gemaule von Leuten, die das Album mit dem Vorgänger vergleichen und so weiter, aber die meisten Leute scheinen das zu mögen, was wir mit diesem Album gemacht haben.
Die Arbeit mit Relapse hat das Album in der Reichweite sicherlich ziemlich nach vorne gebracht, was für uns natürlich ein perfektes Szenario ist. Wir wollen den Sound nicht untergehen lassen und da unterstützen sie uns in unserer Vision.

Ulcerate - The Destroyers Of All LP5/ „The Destroyers Of All“ war ein gewaltiger Schritt für ULCERATE. Ihr habt euch vom dissonanten und brutalen Death Metal emanzipiert und auf ein höheres Level begeben. Dort verbindet ihr anspruchsvolles Songwriting, atmosphäre, brutale Attitüde und technische Brillanz zu einem hervorstechenden Album. Wie ich bereits in meinem letzten Review schrieb, würde ich diese Release als einen Meilenstein in der Entstehung eines neuen Genres ansehen, dem Post-Death Metal. Diese Veröffentlichung war nicht nur wichtig für die Musikgeschichte, sondern auch für mich persönlich. Ihr habt so viele verschiedene emotionale Fassetten auf diesem Album gezeigt, von nihilistischer Dunkelheit in „Beneath“ zu leichten Hoffnungsschimmern in “ Cold Becoming“. Die Palette war einfach überwältigend! Mit diesem Bild im Hinterkopf war es für mich schwer, in „Vermis“ hinein zu finden. Euer neues Album ist nicht wirklich anders im Stil, aber es verwendet leicht andere Elemente um das finstere Gemälde zu malen. Es gibt nicht mehr diese abgründig-nihilistischen Tiefen wie in „Beneath“ oder diese Hochpunkte der Hoffnung wie in „Cold Becoming“. „Vermis“ ist in Gänze dunkel-grau, braun, bedrohlich. Ich denke, ihr seid als Musiker gewachsen und fokussiert euch nun auf das dunkle Bild, das ihr zeichnen wollt, ohne dass ihr die Botschaft in Extrema einrahmen müsst… Stimmst Du mit meiner Interpretation überein, oder siehst Du „Vermis“ im Vergleich zu „The Destroyers Of All“ gänzlich anders?

Wir wollten die Musik wieder zurück auf ein Niveau der Hässlichkeit bringen, das wir unserer Meinung nach auf „The Destroyers Of All“ etwas verloren hatten. Wie Du sagtest, gab es sicherlich Momente der „Hoffnung“ auf diesem Album, doch dieses Mal wollten wir das komplett austreiben. Das soll nicht heißen, dass wir diese Elemente in Zukunft nicht erneut einführen werden, dieses Mal wollten wir es einfach so. Für mich ist der Vibe, den wir mit beispielsweise „Weight Of Emptiness“ eingefangen haben, einfach verdammt perfekt. Pure Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, einfach ein total schwarzes Loch. Mehr oder weniger alles, was ich von einem Ulcerate-Song will, besonders durch seine weite Dynamik.

6/ Über die Zeit hat sich das typische Farbschema eurer Artworks auch geändert. „The Comming Of Genocide“, „Of Fractures And Failure“ und „Everything Is Fire“ hatten diesen orange-farbenen Touch. „The Destroyers Of All“ und „Vermis“ wurden eher grau-braun. Kannst Du als Designer mir etwas über diese Entwicklung sagen? Warum gab es dieses Mal das gleiche Cover für CD und LP? Ich war schon sehr gespannt, wie die Vinyl sich von der CD unterscheiden wird, so wie damals bei der „The Destroyers Of All“…

Nichts war vorher geplant. Ich arbeite an dem visuellen Material einfach so lange, bis es sich für mich richtig anfühlt. Ich habe immer die Musik im Kopf und das weite Thema, entsprechend ist es kein Wunder, dass „Vermis“ in seiner Farbgebung sehr monochromatisch ist.
Was die CD/LP mit gleichem Artwork angeht, so war die „Destroyers“ LP eigentlich ein Re-Release. Sie kam ein Jahr nach der CD heraus und ursprünglich sollte es keine Vinyl-Fassung geben. Darum wollte ich der Sache einen besonderen Touch geben, zumal ich von vielen Leuten wusste, dass sie sich die Schallplatte zusätzlich zur CD kaufen würden. Ich wollte ihnen einfach etwas besonderes geben, das sie zusätzlich erwerben konnten. Doch „Vermis“ wurde direkt auf beiden Formaten in Verbindung veröffentlicht, wodurch viele Leute entweder das eine oder andere Produkt kaufen. Ich habe es zumindest von allen Seiten durchdacht.

Ulcerate - Colour-Scheme

7/ Nachdem ich „Vermis“ sehr oft gehört habe, fiel mir auf, dass meine Lieblingssongs auf dem Album diejenigen sind, die in tieferer Grundstimmung gespielt wurden: „Weight Of Emptiness“ und „Confronting Entropy“. Wie Du schon in Deinem Track-By-Track Feature schriebst, ist „Weight Of Emptiness“ auch einer Deiner Favoriten. Können wir in Zukunft also mehr Experimente in A erwarten? Ich mag wirklich dieses abgrundtiefen Atmosphäre dieser Tracks!

Yeah, aber sicher, wir alle mögen dies! Ich denke, wenn wir diese Stimmung gezielt einsetzen und etwas tiefergestimmt spielen, erzeugt das eine verdammt dichte Aura der Finsternis.

8/ Ein Intro und ein Interlude – zwei Elemente, die ULCERATE zuvor noch nicht verwendet haben. Kannst Du mir sagen, warum ihr euch umentschieden habt und wie sich diese beiden Songs entwickelt haben? Habt ihr sie im Studio arrangiert, oder bereits zuvor geschrieben und geprobt?

Umentschieden? Ich denke, wir haben uns niemals gegen diese Idee ausgesprochen… Wir haben einfach die Eröffnung des Albums besprochen und wir hatten bisher nie ein spezifisches „Intro“. Also war es einfach eine coole Idee. Das gleiche gilt für das Interlude. Wir stehen zu 100% hinter dem Album-Format, entsprechend sind die Chancen auch gut, dass die beiden Songs nie einzeln und alleine gehört werden und das ist auch gut so. Wir haben beide Nummern vor dem Studio geschrieben, aber der schlussendliche Mix und Style von „Odium“ kam erst beim eigentlichen Mischen heraus.

9/ Für mich hat „Vermis“ viele Elemente von „Everything Is Fire“, Elemente, die auf dem Vorgänger etwas „verloren gegangen“ sind. Beispielsweise die Stakkatos in „The Imperious Weak“ oder der dissonante Teil aus „Clutching Revulsion“. Ich empfinde diese Momente aber nicht als Rückschritt, sondern als eine Konklusion eures Styles über die verschiedenen Stationen eurer Entwicklung. Siehst Du auch diese Referenzen oder bin es am Ende wieder nur ich, ein enthusiastischer Schreiber, der irgendwas in Musik interpretiert? Haha!

Ja, sicher, wir haben definitiv die rhythmischeren Gitarrenlinien auf „Destroyers“ außen vor gelassen, entsprechend wollten wir sie teilweise wieder zurückbringen. Natürlich in einer etwas anderen Form. Aus spieltechnischer Sicht sind die aggressiven Stakkatos am besten im Wechsel mit „offenen“ Tönen. Für uns gilt es nun die richtige Balance zu finden, damit wir alle damit zufrieden sind.

10/ Wenn ich „Weight Of Emptiness“ höre, dann sehe ich eine Wand aus Sounds, schwer, dicht und intensiv. Ich würde behaupten, Deathspell Omega, Gorguts und jüngere Blut Aus Nord könnten sich zusammensetzen und gemeinsam Pilze fressen und würden nicht auf Ideen wie diese kommen. Wie schreibt ihr Riffs und Songs wie diesen?

Haha, ich höre das auch und das ist genau das was wir wollten. Einfach eine dicke, zermalmende Wand aus Sound. Wir sind mittlerweile so tief in diesen Dingen, dass die Ideen einfach natürlich kommen. Es gibt keine vorher geplanten Parts, wir jammen und improvisieren Ideen.

11/ Wo ich gerade Gorguts erwähne, wie ist Deine Meinung zu „Coloured Sands“? Ich denke, sie sind ein bisschen ruhiger geworden. Sie sind natürlich nicht leise, aber es scheint, als ob sie ihren inneren Frieden/ihre innere Mitte gefunden hätten. „Coloured Sands“ ist irgendwie wie Meditation für mich!

Es ist ein verdammt großartiges Album. Es klingt wie eine sehr natürliche Fortsetzung von dem Moment, wo sie mit „From Wisdom“ aufhörten… Ich habe an dem Album nichts auszusetzen, die Produktion, die Themen, Album-Artwork, alles fasst nahtlos ineinander über. Mehr als das ist es auch einfach eine großartige Sammlung von Songs.

12/ Und weiter mit anderen Bands, ich bin momentan wirklich von der australischen Szene beeindruckt: Altars, Monomakh, Tzun Tzu, Portal, Beyond Terror Beyond Grace – alles ziemlich einzigartige Bands! Was sagst Du über eure Nachbarn und kannst Du vielleicht ein paar Empfehlungen aussprechen? Vielleicht nicht nur aus Australien/Neu Seeland, sondern im Allgemeinen?

Ja, sicher! Das Altars-Album ist verdammt hervorragend. Und Portal sind offensichtlich Portal! Ich kann Impetuous Ritual, Vassafor, Diocletian, Witchrist, Shallo Grave, Heresiarch, Stone Angels, The Amenta, Ignivomous, Ruins oder Denouncement Pyre empfehlen.

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13/ Erinnerst Du Dich an unser letztes Interview? Ich habe Dich nach Deiner Meinung zu Murder Therapy gefragt. Mittlerweile haben sie sich in Nero Di Marte umbenannt, haben weniger Growls und unter diesem Banner ihr erstes Album veröffentlicht. Hast Du sie inzwischen mal gehört?

Yeah, sicherlich! Ich mag ihr neues Album. Sie haben ein paar Shows von unserer letzten Europa-Tour letztes Jahr mitgespielt und haben uns einfach weggeblasen. Großartige Musiker und großartige Jungs. Ich mag es sehr, wie sie sich von ihrem eher geradlinigen Death Metal Sound distanzieren und nun etwas einmaliges mit viel eigenem Charakter machen.

14/ Habt ihr schon ein paar Pläne für die nahe Zukunft? Oder lasst ihr alles einfach fließen und sich entwickeln wie es eben kommt?

Touring steht auf jeden Fall auf dem Plan. Wir bespielen Neu Seeland/Australien in ein paar Wochen. Im Mai gehen wir in die USA und spielen einen Monat lang ein paar Shows bevor wir auf dem MDF sind, das Hellfest kommt im Juni und wir kommen für eine ausgiebige Tour Ende 2014 nach Europa zurück. Und sicherlich gibt es noch ein paar Australasien Termine. Musikalisch werden wir in der nächsten Zeit nicht mal an neues Zeug denken.

15/ Jamie, Danke Dir – mal wieder – für Deine Zeit und Antworten! Es war mir wieder eine Freude ULCERASTE abermals im NecroSlaughter zu haben und ich freue mich schon auf euer nächstes Material. Wahrscheinlich bin ich abhängig. Wie dem auch sei, dies ist das Ende des Interviews. Benutze den übrigen Platz für deine letzten Worte an meine Leser, eure Fans und den digitalen Nexus des Internets…

Danke Dir für Deinen Support und die gut durchdachten Fragen. Das macht immer mehr Spaß Interviews wie dieses zu beantworten. Ich hoffe wir sehen Deutschland im nächsten Jahr!
//J

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