Ulcerate – Vermis


Ulcerate - Vermis

Oooh, es kann nur ein gutes Jahr werden, wenn Gorguts endlich ihr Comeback veröffentlichen, und ULCERATE mehr oder minder zeitgleich den heiß-erwartete Nachfolger zu „The Destroyers Of All“ raushauen. Zugegeben, „Vermis“ kam ein wenig überraschend, denn die Neuseeländer reden nicht lange um den heißen Brei, sondern machen einfach ihr Ding.

Zunächst mag es nach großer Konkurrenz aussehen: Neues Futter von der kanadischen Avantgardisten und eben die neue ULCERATE-Scheibe. Doch obwohl die Parallelen immer noch zu sehen sind, haben sich beide Bands deutlich weiterentwickelt. Ja, spätestens mit „The Destroyers Of All“ haben sich ULCERATE sogar gänzlich emanzipiert. Von Gorguts und vielleicht auch vom Death Metal. Man mag an eine eigene Genre-Schublade denken, an Neurosis und Isis auf dem Death Metal Trip. Doch auch abseits von solch philosophischen Ansätzen, war das Album einfach ein Meilenstein in der Musikgeschichte. Ja, ich mache keinen Hehl darum, „The Destroyers Of All“ ist eines meiner absoluten Lieblingsalben und für mich auch die beste Scheibe der Band!

Mit diesen hohen Ansprüchen, war mein erstes herangehen an „Vermis“ sehr emotional, voller widersprüchlicher Gefühle. Auf der einen Seite innig erwartet, andererseits skeptisch, ob das Niveau des Vorgängers gehalten werden, vielleicht sogar die nächste Evolutionsstufe erklommen werden kann, wie es ULCERATE bisher mit jedem Album schafften. Es folgte eine Achterbahnfahrt der Emotionen, mal entdeckte ich konsequente Fortsetzungen des eingeschlagenen Weges, mal fand ich Rückbesinnungen auf „Everything Is Fire„, ein andermal vermutete ich gar, dass es „Vermis“ an Entwicklung mangele und es nichts weiter als ein „Destroyers“ Teil II wäre. Viele Stunden begleitete mich das Album, auf Spaziergänge, beim Laufen, bei der Zugfahrt und einfach nur beim meditativen Prozess‘ des Musikhörens.

Am Ende ist mir klar: Meditation und das finden des inneren Selbst, das ist Gorguts gelungen. „Colored Sands“ zeigt Lemay mit sich selber im Reinen. Das sind ULCERATE nicht! Sie sind immer noch voller loderndem Feuer, voller ungebändigter Energie, voller pessimistischer Finsternis. Ungezügelt und impulsiv. Aber sie sind auch fokussierter als zuvor, als Musiker und kreative Köpfe gewachsen.

Doch die Amplituden von „Vermis“ ist geringer. Es fehlen die Lichtblicke, wie sie „Cold Becoming“ auf „The Destroyers Of All“ noch bot. Gleichzeitig driftet man aber nicht mehr so tief in die nihilistische Spirale der Finsternis, die absolute Verzweiflung von „Beneath„. „Vermis“ ist nicht so manisch-depressiv, sondern konsequent und damit vielleicht wieder eine Nummer brutaler.

Besonders die Bezüge auf „Everything Is Fire„, die Stakkatos aus „The Imperious Weak“ oder der dissonante Part aus „Clutching Revulsion„, erzeugen eine unglaubliche Energie. Dabei ist es aber kein Schritt zurück, denn die Ideen werden stimmig mit dem weiteren Werdegang, mit der Vision aus „The Destroyers Of All“ verbunden. Das Ergebnis ist eben die logische Entwicklung des eigenen Stils.
Dazu gehören auch mehr atmosphärische Elemente, wie das Instrumentale „Fall To Opprobrium„, das sehr an Neurosis meets Downfall Of Gaia erinnert. Und auch die dissonanten Klangteppiche wurden weiter ausgebaut. „Weight Of Emptiness“ hat eine so dichte Sound-Welt, da können Deathspell Omega, Gorguts und aktuelle Blut Aus Nord zusammen Pilze fressen und kommen nicht auf diese Ideen! Und am Ende wird alles wieder eins. Ja, das ist wohl das beeindruckendste, wie ULCERATE einen Song mit vielen, intensiven Ideen vollstopfen, die aber einen natürlichen Fluss bilden und am Ende wieder logisch die Bezüge zum Anfang zeigen. Alles ist eins und alleine dadurch ist das Album ein großes Kunstwerk.

Gestützt wird dieser Flow durch das geschickte Arrangement der Lieder. So steigern sich die einzelnen Tracks über die 56 Minuten immer weiter, finden ihren Klimax in „Weight Of Emptiness“ oder „Confronting Entropy“ und finden dann wieder dahin zurück, wo das Album zu Anfang startete. Alpha et Omega!

Vielleicht mag ich „The Destroyers Of All“ nur deswegen, weil der Entwicklungssprung größer war, der WOW-Effekt einen drastischeren Einschlag hinterließ – und eben das emotionale Spektrum von „Beneath“ zu „Cold Becoming“ weiter gefasst war. Doch eigentlich ist „Vermis“ die logische und konsequente Fortsetzung. ULCERATE spielen eben intelligenten und intensiven Death Metal. Man muss sich Zeit nehmen, die Lieder wachsen lassen und all die kleinen Details entdecken, die die Musik eben brillant machen. Ja, ULCERATE sind fucking brillant! Alleine die einmaligen Riffs und verfickt ausgeklügelten Drum-Pattern stecken 99,9% aller Pseudo-Tech Death Metal Bands locker in die Tasche! Fuck you Origin, Beneath The Massacre, The Faceless, Rings Of Saturn, etc! ULCERATE wissen, wie man anspruchsvolle und gleichzeitig packende Lieder schreibt! Verneigt euch vor den Großmeistern, dimmt die Beleuchtung, nehmt bewusstseinserweiternde Mittel eurer Wahl, gerne einfach Bier, und genießt den Stream auf Bandcamp. Aber vertraut mir, auf LP klingt die Scheibe noch viel geiler!

Infos:
Relapse Records – 2013
CD/Do-LP/Download – 9 Lieder – 56:03 Min.

http://ulcerate.bandcamp.com/
http://www.ulcerate-official.com/
http://www.relapse.com/
https://www.facebook.com/RelapseRecords
http://relapserecords.bandcamp.com/