Gorguts – Colored Sands


Gorguts - Colored Sands

Zwölf Jahre sind seit „From Wisdom To Hate“ vergangen; Fünfzehn seit einem der wichtigsten Death Metal-Alben ever, „Obscura„. In dieser Zeit ist eine Menge passiert, GORGUTS haben viele Bands beeinflusst, die von ihren Meistern gelernt haben, sich weiterentwickelten. Funktioniert eine Rückkehr von Luc Lemay in Zeiten von Deathspell Omega und Ulcerate?

Ja, vollkommen! Seinerzeit hat „Obscura“ so viel zu sagen gehabt, die Zweifel waren gering; warum sollte gerade ein so unkonventioneller Avantgardist wie Lemay bitte ein neues Album schreiben, wenn er keine Ideen mehr hätte? Besonders in Anbetracht des durchaus hochkarätigen Line-Up aus kreativen Leuten. Heuer sind GORGUTS Colin Marston (u.a. Behold… The Arctopus, Dysrhythmia, Krallice) am Bass, John Longstreth (u.a. Origin, The Red Chord, Skinless, Exhumed, Anglecorpse) am Schlagzeug und an der Gitarre unterstützt Kevin Hufnagel (u.a. Dysrhythmia) Lemay. Wenn alleine dadurch nicht die Erwartungshaltungen immens hoch angesiedelt waren…

Am Ende ist „Colored Sands“ ein wiedersehen mit alten Helden, aber dennoch erfrischend, innovativ und voller sprudelnder Ideen.

Der Analogie meines (geschätzten) Kollegen Captain Chaos vom Vampster Webzine kann ich nur gänzlich zustimmen. Dieses Comeback gleicht einer tibetanischen Meditation. Ja, zunächst suggeriert das Cover-Artwork sicher diesen Schluss. Doch sind GORGUTS in den Jahren der Abstinenz einfach gereift. Es herrscht nicht mehr dieses zügellose Chaos, das „Obscura“ prägte. Auch die Aussichtslosigkeit von „From Wisdom To Hate“ ist nicht mehr vorhanden. „Colored Sands“ befriedet Lemay mit seinen inneren Dämonen und erlaubt ihn dadurch noch viel tiefere Reisen in Finsternis, Verzweiflung, den Abgrund.

Nachdem „Le toit Du Monde“ zunächst brutal und furios losbrettert, einen unglaublich dichten Teppich aus verschiedenen Instrumenten zu einer schlüssigen Melodie vereint, findet der Song doch schnell zu einem schweren, inneren Groove. Im etwas moderateren Tempo mit sehr ausgefeilten Klangwelten, laden GORGUTS zur mentalen Reise ein, durch den „Ocean Of Wisdom„. Die Atmosphäre ist einfach unglaublich tief und endlos finster. Hier zeigt sich wohl am stärksten, dass die neue Struktur und Besonnenheit GORGUTS noch gefährlicher, böser, abartiger machen. Dieses kalte Kalkül voller ungebändigter Energie!
Dagegen ist „Forgotten Arrows“ fast schon geradlinig. Doch sind solche Momente nur kurze Verschnaufpausen – die im Kontext eines GORGUTS-Albums eh immer relativ gesehen werden müssen. Gleiches gilt für das Streicher-Interlude „The Battle Of Chamdo„, das nur die Ruhe vor dem dem Sturm ist. Zum Ende von „Colored Sands“ wird „Ember’s Voice“ noch mal richtig verschroben, ein Tanz hinter dem Spiegel; das wohl abgedrehteste Stück des Albums. Da steht „Absconders“ nur wenig nach, mit seiner Mischung aus Stop’n Go, Low-Fi Jazz, Dissonanz. Manchmal will ein Künstler einfach etwas schönes kaputt machen. Das daraus auch wieder Kunst entstehen kann, zeigt „Absconders„.
Reduced To Silence“ schließt dann wieder den Kreis, reiht sich zu den Highlights des Albums ein und strotzt nur vor abgedrehter Energie, atypischen Riffs und verstörender Atmosphäre. GORGUTS sind zurück!

Colored Sands“ trifft einen schwierigen Balance-Punkt. Es ist unkonventionell, vorwärtsdenkend und quer. Gleichzeitig hat es aber genug Groove und Atmosphäre, damit man sich schnell zu Hause fühlt. Es ist ein ehrliches Album aus der verstörenden Gedankenwelt eines etwas andersdenkenden Death Metal Maniacs. Es ist ein etwas anderes Death Metal Album. Aber es knüpft damit wunderschön an „Obscura“ und „From Wisdom To Hate“ an, hat dabei seinen eigenen, erwachsenen Charakter. Es ist eine, wenn nicht sogar die wichtigste Scheibe des Jahres. Doch es ist sogar viel mehr. Es ist nicht nur ungewöhnliche Musik, es ist ein Schlüssel! Ein Schlüssel zu einer erstaunlich kurzweiligen Reise durch eine obskure Welt, einen surrealen Traum. Wunderschön!

Infos:
Seasons Of Mist – 2013
CD/Do-LP – 9 Lieder / 62:56 Min.

http://www.gorguts.com/
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http://gorguts.bandcamp.com/