Exhumed – Necrocracy


Exhumed - Necrocracy

Vielleicht ist es nur eine Sache der Erwartungshaltung. Von der neuen Carcass hatte ich mir eigentlich nichts erhofft – und wurde positiv überrascht! Nach dem grandiosen Comeback-Album „All Guts No Glory“ waren meine Erwartungen in EXHUMED immens hoch. Es ist ein furioses, fast schon chaotisches Album, voller Hits. Entsprechend freudig ging ich an „Necrocracy“ heran…

Der erste Durchlauf war ernüchternd. Ja, es sind noch EXHUMED, aber so richtig fetzen tut die Scheibe nicht. Aber wenn die anfängliche Enttäuschung verklungen ist, bleibt, objektiv betrachtet, ein solides, wenn nicht sogar gutes Album. Im Vergleich zur EXHUMED Diskografie oder gar der neuen Carcass, sieht „Necrocracy“ aber ziemlich kraftlos aus.

Posthum erfuhr ich gerade, dass von der Besetzung eigentlich nur Matt Harvey übrig ist. Leon Del Muerte (u.a. Phobia, Murder Construct, Nausea, Impaled) und Danny Walker (Intronaut, Phobia, Murder Construct) haben EXHUMED verlassen. Vielleicht ist mit ihnen auch das Chaos gegangen, das „All Guts No Glory“ innewohnte, das an „Slaughtercult“ oder wilden Grindcore erinnerte. Vielleicht fehlen hier die Einflüsse aus Phobia?
Weniger verwundert mich, dass Bud Burke wieder mit im Boot ist, der bereits auf „Anatomy Is Destiny“ bei EXHUMED war – damals jedoch als Bassist. War diese Scheibe nicht auch ein wenig „anders“ als „Slaughtercult„, der direkte Vorgänger? Am Schlagzeug findet sich Mike Hamilton, bekannt von Vile und Deeds Of Flesh, derweil Harvey aus seiner anderen Baustelle Gravehill den Bodybag Bob für den Bass abgeworben hat. GZSZ für den Death Metal Fan, aber in meinem konspirativem Hirn wachsen daraus auch potentielle Ursachen, warum „Necrocracy“ so anders klingt als „All Guts No Glory„.

Ja, ich glaube daran liegt es. Es fehlt einfach das ungebändigte Feuer, dieses wilde Chaos, das den Vorgänger so nahe an „Slaughtercult“ platziert hat – und für mich damit so unglaublich attraktiv gemacht hat. „Necrocracy“ ist wesentlich grooviger, rockiger, zahmer. Ja, an manchen Stellen würde ich sogar sagen: Lahm und soft!

Dysmorphic“ klingt nach „Swansongs„, die inflationäre Verwendung des Refrains nervt. „Sickened“ ballert zwar ordentlich, hat aber null Tiefgang. „Ravening“ wirkt irgendwie ziellos und nervt mit seinem melodischen Auftakt zum Refrain. Das können EXHUMED auch anders! „The Carrion Call“ ist im Anschluss direkt das perfekte Beispiel. Cheesy wie Sau, aber irgendwie doch sau-cool.

Ähnliches Attribut würde ich dem zuvor als Video (Fuck you Youtube-Gema-Konflikt!) veröffentlichtem „Coins Upon The Eyes“ zusprechen. Eine simple, geradlinige Nummer, typisch EXHUMED und knallt gut. Einer der wenigen Hits auf „Necrocracy„.

Das ist vielleicht das zweite Problem des Albums: Es gibt zu wenig herausragende Hits! Auf „All Guts No Glory“ war jeder zweite Refrain eine Insel im Chaos, griffig, prägnant und zum Mitsingen. Das kommt hier etwas zu kurz. Dafür scheinen die Soli allesamt mehr in den Vordergrund gehoben worden zu sein. Gut gemacht, handwerklich perfekt, genau wie die Leads. Aber Carcass stehlen EXHUMED dennoch mit Leichtigkeit die Show (;

Ach ja, ich sage es nicht gerne. Aber „Necrocracy“ packt mich nicht. Es hat kein Feuer, kaum Hits, keinen kurzweiligen Unterhaltungsfaktor. Es ist wohl das erste EXHUMED-Album, was ich mir nicht kaufen werde – denn ich bezweifele, dass ich mir die digitale Promo in naher Zukunft noch mal anhören werde. Da begnüge ich mich lieber mit dem alten Krempel, „Gore Metal„, „Slaughtercult“ und natürlich der feinen „All Guts No Glory„. Vielleicht lausche ich noch mal in „Anatomy Is Destiny“ rein, die lief schon sehr lange nicht mehr in meiner Anlage.

Wer nun denkt, dass ich übertreibe und unbegründet rumjammere, der kann sich selber einen Eindruck von der Scheibe machen. Relapse Records waren so frei und haben „Necrocracy“ komplett als Stream auf Bandcamp gestellt. Inklusive fünf Bonus-Songs, die mir zum besprechen beispielsweise gar nicht vorlagen. Und auf welchen Editionen diese sind, ist mir nun auch wurscht.Auch wenn sie eigentlich spannend klingen. „Chewed Up, Spit Out“ ist wieder richtiger Goregrind, sogar mit Harmonizer-Vocals!

Infos:
Relapse Records – 2013
CD/LP – 9 Lieder / 39:42 Min.

http://exhumed.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/ExhumedOfficial
http://www.relapse.com/
https://www.facebook.com/RelapseRecords