Carcass – Surgical Steel


Carcass - Surgical Steel

Ich glaube, dies war das meist ersehnte Album des Jahres, die erste neue Full-Length seit 1996, seit „Swansongs„. Bereits vor offizieller Veröffentlichung von „Surgical Steel“ war das Interesse an den neuen CARCASS immens! Der erste neue Song „Captive Bolt Pistol“ erschien auf der Heft-CD des Legacy-Magazins und fand direkt seinen Weg auf Youtube – wo Nuclear Blast ihn auch wieder ratz-fatz hat sperren lassen. Später wurde dieser Track noch auf den PartySan Open Air-Sampler gepackt und bekam sogar zwei offizielle Youtube-Clips, einer als Lyric-Video. Als dass Album schlussendlich als Leak auf den illegalen Download-Plattformen zu finden war… man kann sich vorstellen wie sich Band und Label ärgerten, derweil die Fans neugierig einen ersten Eindruck einholten.

Bei fast jeder Band-Reunion schwingt für mich aber immer der bittere Beigeschmack des Sellouts mit. Hat die Band wirklich noch was zu sagen, oder will sie nur den schnellen Pfennig machen? Mit „exklusiven“ Festival-Auftritten, die nachher doch inflationäre Dimensionen annehmen, mit exzessivem Merch-Overkill für ein neues Album, mit was-weiß-ich. Und gerade die Zusammenarbeit von CARCASS mit Nuclear Blast begünstigte meine Skepsis. Besagter „Captive Bolt Pistol“ wurde nicht nur über Youtube und die genannten Sampler unter die Leute gehauen, sondern erschien auch als 7″-Single. Natürlich in unterschiedlichen Farben, schwarz, weiß, grau und – exklusiv über den Label-eigenen Shop – giftgrün.

Die B-Seite der Single findet sich auch auf manchen Editionen des Albums. Denn natürlich will man mit „Surgical Steel“ selber dem Sammler ordentlich an den Geldbeutel. Jewelcase-CD und Digipak sind da noch das harmloseste. „Super Deluxe Surgical Kit“ mit Erste-Hilfe-Set in der Blechbüchse die Steigerung. Und für Komplettisten ist die Auswahl an LPs schier unübersichtlich! Schwarz, weiß, rot, blau, hellblau, silber, orange, braun – teilweise in unterschiedlichen Limitierungen, und das nur für Europa. Bereits zur Auslieferung gab es schon eine „Second Press“. Und zu allem Überfluss gibt es für ausgesuchte Distros noch exklusive Farben.
Der Gipfel des oldschool Kommerz‘ ist allerdings die Kassetten-Edition, die man für $9.99 oder als Import für €12,99 erwerben kann.

Es ist eigentlich jedem selber überlassen, was er wo und wie kauft. Und sicher wollen Band und Label irgendwovon leben. Als kleines Underground-Fanzine will ich mich aber auch einfach mal über diese Ausschlachtung aufregen können! Doch das ist am Ende gar nicht mehr so einfach. Wo ich schimpfen und zetern will, dass CARCASS auch nur Ausverkauf am Fan betreiben, kommt „Surgical Steel“ daher. Meiner Voreingenommenheit und Skepsis zum Trotz, ist das Comeback-Album ein richtig gutes, abwechslungsreiches Teil geworden, was einigen anderen Bands locker zeigt, wo der Hammer hängt…

Die Zutaten sind wohl gewählt. Eine Menge „Heartwork„, etwas „Tools Of The Trade„, eine Priese „Necrotisism“ und ein Hauch „Swansongs„. Die Grooves sind verdammt treibend, die Blastbeats ultra-brutal. Dazu kommen griffige Melodien, reitende Riffs und fantastische Soli. Es ist wie ein wiedersehen mit einem alten Freund! „Surgical Steel“ läuft einfach von Anfang an gut ins Ohr. Schnell meint man, die Scheibe schon ewig zu kennen.

Richtig auf die Fresse gibt es mit „The Master Butcher’s Apron„, „Noncompliance To ASTM F 899-12 Standard“ oder in Teilen von „Captive Bolt Pistol“ oder „Thrasher’s Abattoir„. Die Mischung aus guten und teilweise überraschenden Songstrukturen, purer Energie und catchy Harmonien erinnert stark an „Tools Of The Trade„.

A Congealed Clot Of Blood“ oder „Cadaver Pouch Conveyor System“ zeigen schon mehr Bezüge zur „Heartwork„-Phase, auch wenn es alles einen Ticken rotziger und rauer klingt. Im letzten Album-Drittel kommen auch ein paar „Swansong„-artige Nummern zum tragen. Gerade „The Granulating Dark Satanic Mills“ ist eine mitsingbarer Song im Stile von „Reek The Vote„/“Keep On Rotting In The Free World„.

Von der Attitüde und Power her, gefällt mir das epische „Mount Of Execution“ aber am allerbesten. Nach atmosphärischem Geklimper als Intro, sind hier vielleicht etwas starke Thrash-Einflüsse. Dennoch ist der Song richtig dick und drückt ordentlich. Besonders der überraschende Wechsel der Grundstimmung und das hervorragende Solo/die Soli im Verlauf des Songs, zeigen deutlich, dass CARCASS noch lange nicht zum alten Eisen gehören – verzeiht mir diese Plattitüde.

An die „Glorious Times“ kommt „Surgical Steel“ sicher nicht ran. „Heartwork„, „Necroticism“ (mein Lieblingsalbum) oder „Symphonies Of Sickness“ bleiben unerreichte Klassiker. Aber das eher maue „Swansongs“ machen CARCASS hiermit schon wieder vergessen. Und Exhumeds „Necrocacy“ sieht gegen dieses Comeback eh wie eine Luftpumpe aus. Welcome back CARCASS!

Infos:
Nuclear Blast – 2013
CD/LP/Tape – 11 Lieder / 47:12 Min.

https://www.facebook.com/OfficialCarcass
http://www.nuclearblast.de/
https://www.facebook.com/nuclearblasteurope