Voices From The Darkside – Issue 1-10


Voices From The Darkside - Collection

Eigentlich widerspricht es meinem eigenen Qualitätsgedanken. Ich will eigentlich nur Reviews veröffentlichen, wenn ich mich intensiv und komplett mit einem Medium auseinandergesetzt, ein Album/Demo mehrmals intensiv gehört oder ein Fanzine von vorne bis hinten komplett gelesen habe. Aber wenn ich in absehbarer Zeit meine Meinung zur dicken Anthologie des VOICES FROM THE DARKSIDE Fanzines veröffentlichen will, dann komme ich nicht um eine Kompromisslösung rum. Denn: Die Zusammenfassung des wohl wichtigsten deutschen Fanzines hat nicht weniger als 872 Seiten. Das ist eine verdammte Menge Lesefutter, die in ihrer Gesamtheit kaum an einem Stück verdaubar ist. Hinzu kommt der Umstand, dass das Hardcover-Buch in diesem Umfang 3 Kilo auf die Waage bringt. Entsprechend ist es nicht unbedingt die „leichte“ Lektüre für die Fahrt in Bus und Bahn. Und selbst beim intensiven Toilettengang besteht die Gefahr, dass das Gewicht des Wälzers für abgestorbene Beine sorgt. Nein, dieser Sammelband ist eher was für den schweren Lehnsessel und ordentlich viel Zeit.

Eingeleitet wird die Compilation mit einem Vorwort von Frank Stöver, dem Mastermind hinter dem VOICES FROM THE DARKSIDE. In seiner ausführlichen Retrospektive erklärt er einige interessante Details, die viele meiner Interviewfragen obsolet machen – hätte ich doch auf das Buch gewartet…
Anschließend geben diverse Szenegrößen ein Statement zum alten Fanzine ab. Paul Speckmann (Deathstrike, Master), Kam Lee (tausend Geschichten, damals Mantas/Death, Massacre, heute Bonegnawer, The Grotesque, etc.), Mike Browning (ex- Morbid Angel, Nocturnus, Acheron), Rick Cortez (Sadistic Intent), Ross Dolan (Immolation), Lee Harrison (Monstrosity), Joakim Sterner (Necrophobic) und Wannes Gubbels (Pentacle) erinnern sich nostalgisch an die „Glorious Times“.

Warum nun einige Seiten Werbung folgen (wiederholt zwischen dem zweiten und dritten Teil des Buches und zum Schluss), verstehe ich nun nicht. Vielleicht sehe ich das auch nur im Buch-Kontext befremdlich. Immerhin erwarte ich von einem Hardcover-Werk eine gewisse Beständigkeit, die eine Werbung für einen „aktuellen“ Artikel nicht unbedingt hat. Doch transponiert in einen Fanzine-Kontext, ist es durchaus legitim. Immerhin finden sich in den alten Heften des VFTDS auch einige antike Anzeigen, die mit DMark-Preisen beispielsweise „Massive Killing Capacity“ (Dismember, 1995) oder „Black Winter Day“ (Amorphis, 1995) bewerben.

Um die Geschichtsschreibung zu komplettieren, werden die VOICES FROM THE DARKSIDE durch den Samen des Gedanken eingeleitet, der gleichnamigen Kolumne aus dem Horror Infernal Magazin. „Neues aus der Death & Grindcore Szene – Zusammengefasst und besprochen von Frank Stöver“. In dreizehn Ausgaben zeigt sich mehr oder weniger das gesteigerte Interesse an dieser Rubrik; zunächst nur auf eineinhalb, später auf zwei bis drei Seiten verkündet Stöver Neuigkeiten, prognostiziert Newcomer, erkührt Alben des Monats und jongliert dabei immer mit Namen, die heute Kultcharakter haben und keinerlei Vorstellung mehr bedürfen.

Nachdem für den eventuell (oder sogar wahrscheinlich) unbedarften Leser die Retrospektive und Vorgeschichte bekannt sind, widmet sich die Anthologie im dritten Kapitel, dem Hauptteil des Wälzers, den eigentlichen Ausgaben 1 bis 10 von VOICES FROM THE DARKSIDE. Direkt das Cover des ersten Hefts verheißt illustren Lesespaß: Immolation, Therion, Disgrace, Acheron, My Dying Bride, Grave, Napalm Death, Vital Remains, Acrostichon, Morbid Angel, Fleshcrawl und noch tausend andere. Über die weiteren Episoden kommen noch tausend andere Namen hinzu und am Ende könnte ein Inhaltsverzeichnis wirklich das Who-Is-Who des extremen Metals sein. Dass zwischenzeitlich auch schon mal ein paar Ausfälle wie ein Interview mit Graveland oder experimentelle Features über Dead Can Dance oder Fields Of The Nephilim auf den Seiten erscheinen, spricht alleine schon Bände, gerade über den historischen Kontext der Artikel. Besonders zum Graveland-Interview bezieht Stöver auch noch mal Position im Vorwort.

Die ersten drei Ausgaben des VFTDS wurden seinerzeit im DinA5-Format veröffentlicht. In der Reproduktion auf DinA4 bringt das auf jeden Fall den Vorteil, dass die Texte groß genug und gut zu lesen sind. Ab Heft vier ist das Seitenverhältnis wieder authentisch, was beispielsweise im Bethlehem– oder Unleashed-Interview etwas unangenehm wird. Dank der klaren Aufteilung von grafischen Elementen und Textblöcken, ist das Lesen aber dennoch sehr gut machbar.
Größtes Problem dieser Compilation ist das Alter des Originalmaterials. Zwischen 1993 und 1997 war das Arbeiten mit DTP-Programmen oder generell digitaler Datenverarbeitung nicht sonderlich verbreitet. Und selbst wenn, gäbe es – dankt proprietärer Formate – heute nur wenige Möglichkeiten, die Dateien von damals heute noch zu bearbeiten oder auch nur lesen. Entsprechend mussten die alten Hefte manuell gescannt werden. Diese Digitalisierung per optischer Bildübertragung war die Basis für das Buch. Der Vorgang, Druck in den neunzigern, Scann zwanzig Jahre später und dann erneuter Druck von Texten als Bild, hat an manchen Stellen seine Spuren hinterlassen. Ad hoc finde ich die Leserbriefe aus Ausgabe acht am schlimmsten, das schwammige Schriftbild macht keinen Spaß zu lesen. Gleiches gilt beispielsweise auch für das Edge Of Sanity-Interview aus Issue #9, was aber vor allen Dingen am Raster-Hintergrund liegt. Doch insgesamt wurde aus den gegebenen Umständen das beste Gemacht und bis auf wenige Momente, wo der Kontrast halt einfach nicht gut genug ist, ist das Ergebnis gut lesbar.
Einige Fotos leiden etwas durch damalige Druckverfahren, der Interpolation beim Scannen mit dem typischen Moiré-Effekt. Doch kenne ich leider die Originale nicht, um mir ein Urteil über den eventuellen Unterschied zu erlauben. Es ist halt einfach oldschool, ohne damit einen aktuellen Trend zu verfolgen. Es ist wirklich geboren aus der Zeit.

Man kann Iron Bonehead Productions für diese Compilation nur danken. Es ist ein unglaublich wichtiges und gleichzeitig interessantes Zeitzeugnis. Besonders aus heutigem Kontext, machen viele der alten Interviews Spaß zu lesen, zu beobachten, wie sich Szene, Fanzine-Kultur und Bands seit damals entwickelt haben.

Doch natürlich bietet eine solch ausführliche Anthologie nicht nur Vorteile. Zunächst ist der Preis von 40 Euro sicherlich abschreckend – wenngleich er für das Resultat durchaus adäquat ist. Durch Gewicht und Umfang ist „Voices From The Darkside – Issue 1-10“ auch keine schnelle, einfache Lektüre für Zwischendurch. Ich persönlich weiß auch nicht, ob und wann ich Zeit und Muse habe, um einfach mal in diesem Schmöker zu lesen. An dieser Stelle ist es auch einfach schade, dass es kein globales Inhaltsverzeichnis gibt. „Heute Abend will ich mal in der Geschichte von Immolation stöbern… Ah, Seite 10, 145, 666 und 789, dann ab dafür!“ – Ist zwar jammern auf hohem Niveau, denn beim blättern durch die einzelnen Ausgaben stößt man vielleicht noch auf den ein oder anderen Beitrag, den man so übersehen hätte. Doch im ersten Moment ist der Wälzer einfach ein unüberschaubarer Haufen an Informationen.

Ich persönlich habe das Buch direkt neben meinem schweren Ohrensessel. Wenn ich Zeit und Lust habe, ist es immer griffbereit. Und trotz der Ungewissheit, ob ich überhaupt darin lesen kann (zeitlich gesehen), bereue ich den Kauf und den recht hohen Preis von 40 Euro zu keiner Sekunde. Denn VOICES FROM THE DARKSIDE ist einfach ein Stück Geschichte, das durch Iron Bonehead sehr wertig aufbereitet wurde.
Wer das Buch bisher noch nicht besitzt, sollte sich ranhalten. Denn 1000 Stück sind nicht unbedingt viel. Durch die prinzipiell internationale Ausrichtung des original Fanzines, ist der entsprechende Absatzmarkt für die Compilation auch groß….

Infos:
Iron Bonehead Productions – Februar 2013
Buch – 872 Seiten, Hardcover, 3kg
Einleitung von Frank Stöver, Horror Infernal Kolumnen und die Ausgaben Voices From The Darkside 1-10
Limitiert auf 1000 Stück

http://www.ironbonehead.de/
https://www.facebook.com/IronBoneheadProductions
http://voicesfromthedarkside.de/