Soleil Tryste – Issue 3

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Soleil Triste - Ausgabe 3

Ich bin verliebt; es war Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich gar kein Wunder, denn Soleil Tryste ist einfach nur sexy. Alleine das ungewöhnliche Format fällt direkt ins Auge. DinA5 im Querformat. Es ist anders, man will es anfassen. Wenn man dieser Versuchung nachgibt, wird man durch die sinnliche Haptik des stabilen Papiers und festen Kartoneinbandes belohnt. Das Cover weckt mit seiner untypischen Optik gleichermaßen die Neugierde des Betrachters. Ist das Art déco nach den Jahren des Zerfalls? Wer sind die beiden Varieté-Tänzerinnen mit ihrem Kopfschmuck aus Federn? Die jugenstilhafte Meerfrau auf der Rückseite des Magazins rundet das Leitthema ab: „Zine for unique eerie music“. Nur eben mit einzigartigem Stil.

Das Editorial verführt mich weiter. In aufwändiger Typografie illustriert und in blumiger Lyrik, werde ich willkommen geheißen, linguistisch umspielt. Ästhetisch schmeichelt das Soleil Tryste auch weiterhin auf seinen 70 graustufigen Seiten. Jede Geschichte hat sein kohärentes Layout, verspielt mit Zitaten verziert und stimmungsvollen Bildern unterlegt. Dennoch ist alles aufgeräumt und sehr angenehm zu lesen. Selbst, wenn die Textspalten leicht geneigt werden, einen surrealen Zug annehmen. Die beiden Macher Herr B. und Herr F. haben ihren Interviews in wunderschöne Kleider, nein, Negligés gehüllt. Es ist detailverliebt und voller Leidenschaft – aber dennoch professionell und mit purer Absicht. Es ist die Femme Fatal unter den Fanzines.

Ich bin so betört, ich ignoriere die Unterschiede, die uns eigentlich trennen sollten. Natürlich haben wir auch Gemeinsamkeiten, das Cruciamentum Interview zum Beispiel. Aber rein musikalisch sind die anderen Bands mir eher unbekannt, oder gar uninteressant für meinen beschränkten Geschmack. Von Doom zum Black Metal reichen die Gespräche mit Vulturine, Anguish, Gevurah, The Nihilistic Front oder dem gleichermaßen hingebungsvollen Label Ominous Silent Records. Diese Beiträge sind so enthusiastisch geschrieben, eröffnen einen tiefen Dialog zwischen den beiden Parteien und gehen oftmals über das eigentliche Thema, die Musik hinaus, dass ich vollends überzeugt werde, bin. Ich sollte mich mit den Bands beschäftigen, auch wenn ich eher weniger auf Doom stehe. Oder Black Metal. Aber wenn es mir eine solch liebliche Stimme flüstert, kann ich nicht widerstehen.

Ein wenig überrascht mich Soleil Tryste mit einem Konzertbericht. Diese Art der Kritiken sind in gedruckten Fanzines selten geworden. Und meine neue geliebte schafft es dennoch, diese Rarität noch einzigartiger zur präsentieren. Der Abend von Dead Congregation und Infinitum Obscure im Blackend Club zu Berlin ist kein einfacher „Report“. Es ist fast schon Poesie, die sich der Stimmung des Abends vollends hingibt.

Ähnlich ungewöhnlich ist die Präsentation der Fotografin Nicole Dau, die Friedhofsstatuen, und Konzertbilder zeigt, sich stichpunktartig vorstellt. Mitunter kennt man ihre Fotos auch aus dem From Beyond Fanzine. Für mich sind das vier kurzweilige Seiten, die aber eher zum einzigartigen Charakter des Soleil Trystes beitragen, als dass sie mich wirklich interessieren. Wesentlich schmackhafter ist das Tagebuch der Doomwards Let Us Row Tour mit Esoteric, Ahab und Ophis. Geschrieben von Phil/Ophis, unterlegt mit Backstage- und Live-Fotos aus dieser Zeit, kann man spannend das Leben einer kleinen Band auf der Reise zwischen Deutschland, Schweiz, Österreich, Tschechien, Slowenien und den Niederlanden mitverfolgen. Aller Höhen und Tiefen inklusive, seien es rechtsoffene Merchandise-Stände auf Konzerten, unfähige Veranstalter, Blowjobs im Tourbus oder schlicht lustlose Konzertbesucher.

Für Fünf Euro, zuzüglich Porto, kann man sich selber in diesem wunderschönen Heft verlieren. Es ist ein Gesamtbild, das über die Bandauswahl hinaus brilliert. Da ist es absolut nebensächlich, ob man im Vorfeld Interesse an der musikalischen Zusammenstellung hat. Spätestens im beim Lesen wird die Neugierde geweckt. Und bis dahin ist Soleil Tryste ein ganzheitliches Vergnügen. Ich bin schon aufgeregt wie ein pickeliger Teenager vor dem ersten Kuss: Was bringt mir die kleine Schönheit mit der nächsten Ausgabe? Lässt sie mich lange warten? Ich muss sie wiedersehen….

PS: Danke an Rayk vom Hammerheart, dass er mir diese kleine Perle zusandte!
Soleil Tryste - Issue 3 - Sample

Infos:
Veröffentlicht: Dezember 2012
Sprache: Englisch
Aufmachung: DinA5 Querformat, 4c-Cover auf Karton, 70 Seiten schwarz/weiß
Inhalt: Konzertbericht, Tourtagebuch von Ophis/Esoteric/Ahab, Vorstellung Fotografin Nicole Dau, sechs Interviews mit Cruciamentum, Vulturine, Anguish, Gevurah, The Nihilistic Front, Ominous Silence Records
Preis: €5,-, zzgl. Porto und Verpackung
Kontakt: herr.f@soleiltryste.org
http://www.soleiltryste.org
https://www.facebook.com/pages/Soleil-Tryste/198869463480930