Hammerheart Fanzine #6

 

Die deutschsprachige Fanzine-Szene ist klein geworden. Derweil viele bereits die Flinte ins Korn geworfen (z.B. Leprozine) oder sich einer internationalen Klientel mit der Sprachumstellung auf Englisch eröffnet haben (z.B. Necromaniac oder Mystical Music), gibt es aber immer noch Helden des Undergrounds, die an gedruckten Magazinen in deutscher Sprache festhalten. Eines dieser letzten Relikte ist das Hammerheart Fanzine, das im Mai in der sechsten Ausgabe erschien.
Natürlich war mir der Name schon länger geläufig, aber irgendwie verpasste ich bisher immer den Erwerb einer Ausgabe. Doch vor kurzem kontaktierte mich Schreiber Rayk, der einigen vielleicht durch seine Arbeiten für das Campaign For Musical Destruction bekannt sein dürfte, die dieses Jahr auch nicht mehr aus den Puschen gekommen sind. Er war so freundlich und sandte mir meinen ersten Kontakt zum Hammerheart Fanzine zu, den ich an dieser Stelle gerne etwas näher betrachten möchte. Vielen Dank nochmal dafür!

Was dem Leser hier für lächerliche vier Euro geboten wird, ist einfach traumhaft! 100 Seiten voll mit tiefgehenden Interviews und ausführlichen Reviews. Alles verpackt in professionelles Layout und ordentlich gedruckt. Das Innenleben des Magazins ist stilecht in schwarz/weiß gehalten, derweil das Cover ein farbiges Artwork von Frank Melech ziert. Dieses mitternachtliche Szenario um ein Wikingerschiff und den Rabenvogel unterscheidet das Hammerheart von anderen Fanzines und lässt den Leser schon erahnen, was sich im inneren des Zines befindet. Doch dazu später mehr.
Das Preis/Leistungs-Verhältnis für dieses durchweg hochqualitative Magazin braucht sich keineswegs vor den üblichen Kioskblättern zu verstecken. Eher ist das Gegenteil der Fall!

Den Großteil des Magazins machen natürlich die Interviews aus, wie es sich für ein Fanzine gehört. Entsprechend finden hier bekanntere (Napalm Death, Naglfar, Skeletonwitch) wie auch kleinere Bands (Stellar Master Elite) die selbe Beachtung und Fläche. Leider ist die die Grundausrichtung des Hammerheart dabei nicht so ganz mein Geschmack. Direkt die ersten Band-Gespräche sind mit Vertretern des Pagan Metals (Einherjer und Helheim) und auch in anderen Interviews werden Bezüge zum Heidentum hergestellt. Erfreulicherweise wird der Fokus dadurch aber auch schon mal was über die Genre-Grenzen geöffnet und erlaubt auch einer Folk-Band (The Moon And The Nightspirit) den Einzug in das Heft. Es ist zwar nicht so, als ob ich dieser musikalischen Schublade sonderlich zugetan wäre, aber ich mag es, wenn der Metaller schon mal über seinen eigenen Tellerrand hinaus blickt.
Doch wäre es nun ein fataler Fehler, das Hammerheart rein in der Pagan Ecke zu sehen! Gleichsam finden Black Metal (Woddenthrone, Naglfar, Audravil), Doom, Death-Grind (Murder Construct), Grindcore (Napalm Death, Death Toll 80K) und sogar klassischer Heavy Metal (Elixir) Platz auf seinen Seiten. Dabei zeichnet sich benannter Rayk alleinig für die Interviews aus dem grindigen Sektor und dem Death Metal verantwortlich. Insgesamt kommt man so auf 19 Interviews, die allesamt richtigen Tiefgang haben. Nunja, das Gespräch mit Blizzard stellt hier die Ausnahme dar, es ist das einzige, was auf einer Seite platz findet.
Ein wenig befremdlich finde ich zuweil den Gesprächsverlauf. Sowohl der Auftakt in die Interviews, wie auch der Schluss wirkt oft sehr abrupt. Dafür sind die Entwicklungen angenehm dynamisch und lassen auf persönliche Gespräche zwischen Fragesteller und Befragten schließen. Bestes Beispiel dafür wäre wohl das umfassende Feature mit Valborg.
Mein kleines, persönliches Highlight unter all den hervorragenden Interviews ist aber – trotz der fehlenden musikalischen Nähe – das Zwiegespräch zwischen Thor (Hammerheart) und Audravil. Zum einen besitzt Thor einen extravaganten Schreibstil mit intelligenten Interpretationen und Fragen zur Band und der Musik, zum anderen ist Audravil ein eloquenter Misanthrop. Wirklich unterhaltsam, wenngleich manche Ansichten doch eher fragwürdig sind.
Darüber hinaus hat das Gespräch mit den Machern des Soleil Tryste Fanzines mein Interesse geweckt. Sowohl musikalisch, wie auch ästhetisch erscheint dieses Produkt sehr anspruchsvoll und ansprechend!

Neben den intensiven Interviews, die selten drei Seiten unterschreiten, gibt es noch dreißig dedizierte Seiten nur für Besprechungen. Dabei wird unterteilt in CD-Reviews, die den Großteil des Platzes einnehmen, LP und Tape Reviews über zwei Seiten und eine vereinzelte DVD-Besprechung zu Watains „Opus Diaboli„.
Weitere Kritiken, acht Stück an der Zahl, sind passend bei den entsprechenden Interviews platziert, was ich als intelligente Lösung erachte. Die restlichen 145 CD, 10 LP und 2 Tape Reviews umfassen eine weite Spanne. Von Alice Cooper und Uriah Heep über Paradise Lost und Unleased zu derben Krach von Power It Up Records reicht die musikalische Palette, wobei besonders die Verrisse von Rayk und die Kritiken von Thor im Allgemeinen das interessanteste Lesefutter darstellen. Ersterer besitzt ähnliche musikalische Interessen wie ich, letzterer hat einen ähnlichen Schreibstil wie Volker Weber, was durchaus unterhaltsame Ergebnisse zu Tage fördert.
Auch wenn ich unter den musikalischen Rezensionen das ein oder andere interessante gefunden habe, sind wohl die knapp vier Seiten exklusiv für Fanzines der interessanteste Teil der Besprechungen. Neben altbekannten Gesichtern bekommt man hier gute Anregungen geliefert.

Über die regulären Reviews hinweg, finden sich noch kleinere Specials im aktuellen Hammerheart. Zum einen die spannende Besprechung der „The Slayer Mag Diaries„, wieder sehr gut geschrieben vom Thor. Und zum anderen zwei eher atypische Artikel für ein Underground-Fanzine: ein Konzertbericht von The Wounded Kings im AJZ Bielefeld und eine Listening-Session mit Myrkgrav.

So bietet das Hammerheart Fanzine trotz etwas abweichender musikalischer Ausrichtung ordentliches Lesefutter. Ich habe lange an den gut hundert Seiten gesessen, manche Artikeln verschlungen und mich bei anderen trotzt distanzierter Faszination verloren. Es ist ein breit aufgestelltes und liebevoll gemachtes Fanzine, was auf jeden Fall vollen Support verdient hat. Beim nächsten Kneipenbesuch trinkt der ein oder andere bitte einfach mal zwei Bier weniger. Dann ist der Kopf am nächsten Morgen nicht so groß. Und man kann dieses großartige Magazin für das ersparte Geld bestellen. Selbst, wenn man mit einem Großteil der enthaltenen Bands nichts anfangen kann, macht das Heft immer noch einen Heidenspaß (pun intented!).

Infos:
Veröffentlichung: Mai 2012
Preis: 4 Euro zzgl. P&P, Kontakt: Christian Metzner, Landwehr 1, 64823 Groß-Umstadt
Meta: 100 Seiten, fabriges Cover, schwarz/weißer Inhalt, professionell gedruckt auf glossy Papier
19 Interviews, 8 + 145 CD-Reviews, 10 LP / 2 Tape-Reviews, 1 DVD Review, 14 Zine-Reviews
Specials: Ausführliche Besprechung von „The Slayer Mag Diaries„, Konzertbericht für The Wounded Kings und Listening-Session bei Myrkgrav

http://www.adnoctum.de
http://www.myspace.com/hammerheartzine