Bloodshed Festival 13 – Samstag

Nachdem das Bloodshed Festival letztes Jahr wirklich eine grandiose Erfahrung war, blieb der Besuch im Jahre 2012 außer Frage. Das feine Indoor-Festival im Dynamo Club zu Eindhoven war spätestens bei der Bekanntgabe der dicken Namen eine Pflichtveranstaltung. Doch wie bereits im letzten Jahr, haben wir es auch dieses Mal erst zum Samstag geschafft, wodurch uns freitags Bands wie Feastem, Entrapment, Kill The Client, Gruesome Stuff Relish oder Looking For An Answer vorbehalten blieben. Dennoch war der Samstag immer noch attraktiv genug, um mich über mein Fernbleiben beim Morbid Catacombs Fest in Berlin, das am gleichen Wochenende stattfand, zu trösten.

Etwas zwiegespalten kann man über den enormen Erfolg des Bloodsheds sein. Auf der einen Seite freue ich mich, dass so extremer Krach so einen großen Zuspruch in der Szene findet und Leute aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Spanien und was weiß ich woher in den niederländischen Club zieht. Auf der anderen Seite war es dieses Jahr schon verdammt voll. Im Keller des Dynamos war im Verlauf des Tages nur schweres Reinkommen. Und die Temperaturen auf Grund der partyfreudigen Gäste war schon richtig abartig. In Kombination mit teilweise gehobenem Alkoholpegel hat der ein oder andere Gast die Grenzen seines Kreislaufs etwas zu gut kennengelernt – wobei mir glücklicherweise keine größeren Zwischenfälle bekannt sind…. Dennoch lassen die extremen Menschenmassen, Temperaturen und die Straffe Taktung der Bands ein wenig am nächsten Besuch zweifeln. Mal sehen, welche großen Namen im nächsten Jahr mein Gemüt zuträglicher stimmen…

Ursprünglich wollten wir zu WAKE vor der Bühne stehen. Die kanadische Band hat mich mit ihrem Debüt und der Split-Single mit den mächtigen Dephosphorus richtig umgehauen, da wollte ich mich eigentlich von den Live-Qualitäten überzeugen. Doch leider wollte es das Schicksal anders und ließ uns auf der Parkplatzsuche im samstagnachmittäglichen Eindhoven länger als erwartet im Verkehr stecken. Als Ergebnis kamen wir just fünf Minuten nach dem Auftritt von WAKE in den Dynamo Club.

Da als nächste Pflichtveranstaltung erst LIVSTID auf der Timetable standen, gaben wir uns ein wenig dem Meet-And-Greet hin, denn mal wieder waren gute Bekannte aus der Grindszene vor Ort. Nils von Agathocles, Fred von Punished Earth, die am Tag zuvor spielten, die Komplette Crew von League Of Mental Man mit Drummer Daan, der auch bei Intestinal Disease die Stöcke schwingt, Tom von Power-It-Up, der Crustfrosch von der Hybno East Brigade am Stand von Regurgitated Semen Records, Bones Brigade Records und natürlich wieder Simon von 7degrees Records, der zusammen mit WAKE die paar Tage Euro-Tour begleitet. Alles Maniacs, die den Underground aufrecht erhalten und in jeder Hinsicht Respekt und Support verdienen!

Für LIVSTID mussten wir dann zum ersten Mal in den Konzertraum im Souterrain. Mittlerweile ist die norwegische Band schon bekannter und entsprechend voll war es auch schon in der Keller-Sauna. Die Temperaturen und Luftfeuchtigkeit war echt nicht schön. Da konnte auch das eröffnende „Permafrost“ klimatisch nicht viel helfen. Insgesamt gab es eine ordentliche Show, die für die Musiker noch schweißtreibender war, als für das Publikum, das spätestens beim Hit „Krakelisk“ kräftig mitfeierte. Dennoch blieb der Gig hinter den Erwartungen nach dem gleichnamigen Debüt zurück.

Mein letzter Live-Kontakt zu SANITY’S DAWN liegt schon wieder Jahre zurück. Damals hat die Band auf der vergleichsweise kleinen Bühne der Klangstation Bonn-Bad Godesberg gespielt. Da wirkt die Stage im Saal vergleichsweise befremdlich überdimensioniert. Und in der Tat kam nicht wirklich Energie bei dem Auftritt rum. Teilweise klang mir der Fastcore auch eine Nummer zu chaotisch. Da konnte auch der Gassenhauer „More Gore More Fun“ nicht mehr viel raushauen, auch wenn der Bassist wieder perverse Vokalakrobatik hingelegt hat.

Mit ein wenig Pause – The Day Man Lost schenkten wir uns an dieser Stelle – folgten DOWNFALL OF GAIA im großen Konzertraum. Bereits im Vorfeld war die Skepsis groß. Kann eine Band, die eher im Post-Black Metal und Doom anzusiedeln ist, auf einem Grindcore-Festival überzeugen? Wo andere Bands in ihrer halben Stunde zwischen fünfzehn und dreißig Songs unterbringen können, mussten sich die kosmopolitischen ex-Crustys sehr beschränken. So gab es nach dem Intro der aktuellen Scheibe „Suffocating In The Swarm Of Cranes“ gerade mal drei Lieder. Soweit wurde die zähe Mischung auch vom Publikum akzeptiert und beobachtet. Lediglich bei letzten Song verließen einige Leute den Saal, wahrscheinlich, um sich schon mal im Keller für die nächste Band zu positionieren. Insgesamt waren DOWNFALL OF GAIA gut, auch wenn ich mich auf das folgende Konzert der Band im beschaulichen AZ Aachen freue. Ich denke, in einem dreckigen, kleinen Laden kommt diese Art von Musik immer noch am Besten.

Ursprünglich wollten wir dann im Keller nur mal kurz in FUBAR reinschauen. Ich hatte mich schon länger nicht mehr mit der Band beschäftigt und wollte mir einen schlichten Eindruck über die Live-Qualitäten machen. Doch rotzten die niederländischen Grinder ein dermaßen fettes Brett vom Brötchen, dass wir einfach bleiben mussten und der inhumanen Hitze trotzten! Der mächtige Auftritt des Four-Piece war definitiv ein Highlight des Bloodsheds! Nun muss ich mich doch noch mal genauer mit dem neuen Album „Lead Us To War“ beschäftigen.

Wieder zurück in das Erdgeschoss gehetzt, waren MASSGRAVE in den Startlöchern. Zuvor hatte ich fälschlicherweise angenommen, dass die schwedischen Massgrav spielen. Was doch so ein Buchstabe an Verwechslung auslösen kann… So konnte ich aber nun unvoreingenommen an den Auftritt gehen und wurde richtig an die Wand geballert! Die kanadische Band mit zwei Sängern erinnerte nicht nur optisch, sondern auch musikalisch sehr an frühe Extreme Noise Terror und hat auf der Bühne mächtig Energie freigesetzt! Die beiden Sänger liefen und sprangen nur über die komplette verfügbare Fläche und rotzten unglaublich räudigen und brutalen Crustgrind heraus. Dreckig, wirklich dreckig! Auch eine der bessere Bands des Abends.

Nach einer kurzen Stärkung in der nahegelegenen Friture, ging es direkt mit VISIONS OF WAR weiter. Deren Auftritt war grundsolide, nur leider waren die stumpfen Crust-Songs allesamt sehr ähnlich und austauschbar. Sicherlich kurzzeitig unterhaltsam, doch auf die komplette halbe Stunde war mir die Geschichte doch zu eintönig.

Von vielen Seiten wurden HEARTLESS im Underground gelobt. Unter anderem mit Mitgliedern der extrem guten Masakari, spielt sich die Band aktuell auch hierzulande die Finger wund. Also steckte ich auch mal neugierig eine Nase in den miefigen Keller um selber einen Eindruck der Band zu bekommen. Doch leider war der Dicke-Hose-Hardcore mit vereinzelten Grind-Einsprengseln nicht wirklich meine Hausnummer. Schnell nutzte ich die Gelegenheit, um aus dem unterirdischen Backofen wieder zu fliehen.

Durch viel Gelaber verpasste ich an dieser Stelle GRIDE. Für einen kurzen Moment ging es dann wieder in den Keller, um mal bei SSS reinzuschnuppern. Genau wie HEARTLESS konnte mich die Darbietung aber nicht lange genug fesseln. Auf CD machen SSS sauviel Spaß. Und vielleicht wäre eine Clubshow in einem Laden mit wenigstens minimaler Luftzirkulation auch interessant gewesen. So lagen die Prioritäten aber einfach anders….

Für die Headliner-Slots auf der großen Bühne, hat das Bloodshed Festival dieses Jahr zwei richtige Sahneschnitten präsentiert. Wohl auch ein Grund, warum es so unangenehm voll an diesem Abend war. Und scheinbar wollten alle Besucher unbedingt DROPDEAD sehen. Entsprechend eng war es im Konzertraum und die klimatischen Verhältnisse glichen sich langsam aber sicher dem Keller an. Irgendwann wurde, wohl den vielen Leute geschuldet, auch der Balkon des Raumes freigegeben. Trotz der vielen wartenden Fans, ließ sich die Band aber Zeit. In Anbetracht der knapp kalkulierten Spielzeit eine fahrlässige Handlung. Nach fünf Minuten Verspätung lief schon der Lichttechniker los, um die Band zu suchen. Nach weiteren fünf Minuten kamen dann die Musiker auf die Bühne und stimmten ihre Instrumente, machten Soundcheck. Noch später kam dann endlich Sänger Rob auf die Bühne und zeigte sich erstaunlich unsympathisch. Keine Ahnung warum, aber seine Ausstrahlung war irgendwie nicht nice. Dafür hat er wieder perverse Vocals unter die unglaublich brutale Musik gefeuert. DROPDEAD sind einfach ein unglaublich derbes Brett, was innerhalb von Nanosekunden alle anderen Bands des Abends in die Ecke gespielt haben. Besonders imposant war an dieser Stelle sicher die Leistung von Drummer Brian, dem man auf den ersten Blick sicher nicht so schnelles und extremes Schlagzeugspielen zugetraut hätte.
Ein mehr oder weniger schönes Highlight – und damit auch endgültiger Sympathieentzug – war, als Rob sein Mikrophon am Kabel über seinen Kopf schwang – und dabei Bassist George voll in die Fresse schlug. Im ersten Moment sah es aus, als ob ein Zahn ins Publikum flog. Später stellte sich raus, dass es wohl ein Brillenglas war. Dennoch eine unschöne Geschichte. George zeigte sich aber als abgebrühter Profi und spielte einfach weiter. Respekt. Trotz dieses Zwischenfalls und der leichten Punktabzüge beim Sänger, waren DROPDEAD aber definitiv die brachialste Band des Abends. Hammer!

Nach ein paar Stunden Krach und Bier war dann auch die letzte Band im Keller eher nebensächlich für uns. Da wollten wir lieber noch was Kraft für den letzten Acts des Abends sammeln: WOLFBRIGADE. Bereits im Vorfeld machte die Band mit einer Menge fanfreundlich bepreistem Merchandise auf sich aufmerksam. Die Tour-Edition des aktuellen Albums „Damned„, auf farbigem Vinyl mit handbesprühtem Sleeve, gab es für günstige 12 Euro zu erwerben. Und in ähnlichen niedrigen Dimensionen bewegten sich auch andere Platten, Shirts und Patches. Das nenne ich mal fair. Ich will gar nicht wissen, was die US-Auflage über Southern Lord kostet…
Auf jeden Fall wollten wieder ähnlich viele Leute WOLFBRIGADE sehen, wie auch schon bei DROPDEAD anwesend waren. Nach dem diese aber die Messlatte verdammt hoch gelegt haben, hatten die skandinavischen Lycantropunks kein leichtes Spiel. So war der Auftritt auch eher gut im oberen Bereich, aber nicht so mächtig wie DROPDEAD. Dafür waren die Musiker etwas zu statisch und im Sound fehlte es etwas an den Details zu den grandiosen Leads und Soli, die WOLFBRIGADE eigentlich ausmachen. Dafür zeigte sich Sänger Micke sehr agil und kraftvoll. Menschenskinder, der hat mit einer Energie seine Texte herausgebrüllt, dass es nicht mehr feierlich ist. So blieb doch ein positiver Eindruck und hat auf jeden Fall den Headlinerstatus gefestigt.

Unter dem Strich hat sich der Besuch des Bloodshed Fests dieses Jahr mal wieder gelohnt. Im wildgemischten Publikum zwischen Metalheads, Punks, Crustys, Hardcore-Fans und vermeintlich „normaler“ Menschen, gab es immer nette Gespräche, das Angebot an Distro und Merch war hervorragend und bei den Bands stimmte das Qualitätsniveau. Doch die krasse Abfolge der Auftritte und die mangelnden Chill-Out-Plätze war schon harte Arbeit für den Fan. Gleichsam waren zu viele Besucher und übertriebene Hitze in den Konzerträumen ein echtes Manko. Da ist es fast noch das kleinere Übel, dass man uns in den Niederlanden belgisches Jupiler ausgeschenkt hat. Von der Plörre bekommt man schon nach homöopathischen Dosen unangenehme Kopfschmerzen. Naja, sei’s drum! Ob ich im nächsten Jahr wieder in den Grindcore-Marathon einsteige, zeigt sich wohl erst mit dem Bekanntwerden der ersten Bands….