Obscure Infinity – Der Name ist weniger als Hommage an GRAVE zu verstehen

Ich mache da keinen großen Hehl drum, für mich sind OBSCURE INFINITY aus dem Westerwald aktuell die beste deutsche Death Metal Band. Die Kapelle hat mit ihrem zweiten Album eine perfekte Mischung aus packendem Songwriting, obskurer Atmosphäre und prägnanten Melodien erschaffen, das in dieser Konstellation jedwede Konkurrenz weit hinter sich lässt. Bereits zu ihrer Split mit den italienischen PROFANAL habe ich Gitarrist Stefan ein Interview nach der neuen Album versprochen. Endlich ist „Putrefying Illusions“ über Obscure Domain verfügbar und ich konnte eine Hand voll Fragen an die Band richten….


1. Hey Stefan! Wie geht es Dir? Vielen Dank, dass Du mir und meinem bescheidenen Magazin ein Interview gibst. Versprochen worden ist dieses Gespräch ja schon zu eurer Split mit den Italienern von PROFANAL und nun ist es endlich soweit. In der Zwischenzeit hat sich bei euch einiges getan, doch dazu später mehr. Wie zufrieden seit ihr denn bisher mit dem Feedback zu euer neuen Platte „Putrefying Illusions“?

S.: Hey Chris! Erstmal vielen Dank für deine lobenden Worte! Wenn ich mir anschaue, wie viele geile Death Metal Bands es in Deutschland gibt, ist das doch ein echt sehr dickes Kompliment an uns, haha… mir geht es prächtig, gerade heute sind mir wieder ein paar feine Riffs für neue Songs eingefallen… das hebt doch gleich den Gemütszustand. Cool, dass es nun mit dem anvisierten Interview klappt! Und ganz nebenbei haben wir dafür zu danken, dass du dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst! Wir sind sehr zufrieden mit dem Feedback zu unserem Zweitling. Bisher waren die Resonanzen durchweg positiv. Bereits bei den Arbeiten an den Songs zu „Putrefying Illusions“ waren wir alle sehr überzeugt vom neuen Material. Ich denke, wir haben auch einfach mittlerweile mehr Erfahrung, wie ein Song unserer Meinung nach zu klingen hat. Auch die Tatsache, dass die Songs nun im Schnitt etwas kürzer und dadurch straffer aufgebaut sind, war ein natürlicher Prozess und keine wirkliche Vorgabe beim Komponieren.

2. Die Bandgeschichte von OBSCURE INFINITY im Schnelldurchlauf: Gegründet 2007 gab es ein Jahr später das obligatorische Demo. Mittlerweile ist euer Back-Katalog um zwei Alben und die erwähnte Split mit PROFANAL angewachsen. Und wie ich eurem Interview auf Evilized.de entnehmen konnte, gab es jüngst noch einen mittelgroßen Besetzungswechsel bei euch, Gitarrist Florian und Drummer Oli haben die Band verlassen. Letzterer nach den Aufnahmen zum aktuellen Album, um sich mehr auf seine eigene Band WEIRD FATE zu konzentrieren. Florian hingegen verließ euch mitten im Recording. Kannst Du hier vielleicht etwas die Hintergründe beleuchten? Habe ich in meiner Zusammenfassung einen wichtigen Punkt vergessen?

S.: Ja genau, es kam zu einem Besetzungswechsel. Dass Oli die Band nach den Aufnahmen von „Putrefying Illusions“ verlassen wird, war schon seit einigen Monaten klar. WEIRD FATE ist halt seine Hauptband und begleitet ihn schon viele Jahre. Irgendwann sagte er dann nach einer Probe, dass er aussteigen wird, aber erst nach den Aufnahmen. Das war für uns natürlich erstmal eine komische Situation. Seit der Gründung haben wir in dieser Formation gespielt und Death Metal Schlagzeuger wachsen ja bekanntlich leider auch nicht auf Bäumen. Glücklicherweise hat O. von MEMBARIS nun hinter dem Schlagzeug Platz genommen. Er ist ein wirklich fabelhafter Schlagzeuger mit einem großartigen technischen Können und enormen musikalischem Talent. Allerdings ist er momentan in vier Bands gleichzeitig aktiv, was einen Zeitmangel mit sich bringt, gerade was Liveaktivitäten angeht. Flo hat sich während den Aufnahmen dazu entschieden, die Band zu verlassen. Der Grund ist eigentlich schnell erklärt: Ich mache die Musik bei uns und damit kam er nicht klar. Ich kann das auch verstehen, aber so läuft das nun mal bei uns. Warum er allerdings gerade zu den Aufnahmen ausgestiegen ist und das Album nicht noch mit eingespielt hat, verstehe ich nicht so wirklich. Immerhin haben wir viel Zeit darauf verwendet, die neuen Songs zusammen spielen zu können. Für Flo kam Sascha in die Band, der sich wirklich sehr schnell unsere Songs drauf geschafft hat. In der jetzigen Konstellation fühlen wir uns sehr wohl, auch wenn uns natürlich klar ist, dass wir uns an der Livefront nicht so rar machen sollten. An diesem Problem sind wir auch schon am werkeln.

3. Sprechen wir das offensichtliche aus: Euer Bandname ist dem gleichnamigen und göttlichen GRAVE-Song entliehen. Wie kam es zu dieser Wahl? Euer Sound unterscheidet sich ja schon von den schwedischen Urgesteinen…

S.: Wir wollten einen Namen, der geheimnisvoll und ausdrucksstark klingt. Es waren damals einige Namen im Gespräch, von denen mir einige bis heute sehr peinlich sind, haha… eines Tages war ich (mal wieder) das „Into The Grave“ Album am hören und dachte mir, „Obscure Infinity“ wäre ja schon ein saucooler Bandname. Ich kam mit dem Vorschlag zur nächsten Probe und den anderen gefiel der Einfall. Uns war schon klar, dass es schon mal eine Band namens OBSCURE INFINITY gab, aber ehrlich gesagt waren wir von dem Bandnamen so begeistert, dass wir uns darum gar keine Gedanken mehr machten. Der Name ist also weniger als Hommage an GRAVE zu verstehen. Natürlich liebe ich die Musik der Schweden, gerade die ersten drei Alben gehören zum Standartrepertoire eines jeden Old School Death Metal Hörers, aber wir wählten den Namen einfach, weil er uns gefiel und nicht, um GRAVE zu huldigen.

4. Euer Demo „Into The Depth Of Infinity“ kam gerade mal ein Jahr nach Bandgründung heraus. Es hat ein – im direkten Vergleich – wesentlich typischeres Death Metal Artwork. Soweit ich das aber in Ermangelung einer Kopie sagen kann, fand kein Song des Demos seinen Weg auf eurer erstes Album. Erzähl mir Unwissenden alles über euer erstes Lebenszeichen! Ich gehe mal davon aus, dass als Medium die simple und günstige CDr gewählt wurde, richtig? Unterscheidet sich „Dawn Of Winter“ musikalisch sehr von „Into The Depth Of Infinity“? Mal davon abgesehen, dass man sich als Musiker und gerade als junge Band eh entwickelt. Wenn ich nun (nicht ganz unbegründetes) Interesse an dem Teil habe, wie kann ich es bekommen? Habt ihr noch Kopien rumfliegen, oder stellt ihr die fünf Lieder vielleicht zum Download/Stream auf Bandcamp bereit?

S.: „Into The Depths Of Infinity“ wurde im Frühjahr 2008 aufgenommen. Als wir mit der Band anfingen, Musik zu machen, hatten wir eigentlich gar keine großartigen Ziele. Wir wollten einfach nur Musik zusammen machen, sonst nichts. Als wir dann ein paar Lieder zusammen hatten, kamen wir auf die Idee, sie mal aufzunehmen und zu schauen, wie das so klänge. Über unseren (damaligen) Schlagzeuger Oli kam der Kontakt zu Nils, dem Sänger und Gitarristen von WEIRD FATE zustande. Er kennt sich halt mit Recording sehr gut aus und so fragten wir ihn, ob er Lust hätte, die Lieder aufzunehmen. Gesagt, getan. Das Demo wurde komplett in unserem Proberaum aufgenommen und war anfangs eigentlich nur als Prerecording gedacht. Aus heutiger Sicht denke ich, dass man dem Demo anmerkt, dass wir als Band noch nicht ganz zusammengewachsen waren. Vom Sound und von den Songs her hatten wir uns noch nicht so richtig gefunden. Aber das ist nur meine Meinung, es gibt auch genügend Leute, die das Demo absolut spitze finden. Es kam damals auf CD-R raus. Das war der einfachste Weg, auch wenn ich aus heutiger Sicht lieber eine Tapeveröffentlichung vorziehen würde. Da wir damals genug Booklets haben drucken lassen, kann das Demo jederzeit bei uns geordert werden. Eine Zeit lang konnte man das Demo auch gratis downloaden. Und die Gründe, warum kein Song vom Demo noch mal aufgenommen wurde, lagen einerseits darin begründet, dass wir stets genug neue starke Songs zur Verfügung hatten und andererseits auch keinen Sinn darin sahen, einen bereits aufgenommenen Songs nochmals aufzunehmen. Dennoch spielen wir „Maniac Destroyer“ vom Demo bei wirklich jedem Konzert als krönenden Abschluss und nicht selten habe ich das Gefühl, das dieser Song mit am besten beim Publikum ankommt. Mittlerweile würde ich auch für diesen Song gerne eine Ausnahme machen und ihn noch mal neu aufnehmen. Erstens spielen wir ihn heute etwas anders als noch zu Demozeiten und zweitens habe ich damals kein Solo darüber eingespielt. Daher wirkt er für mich bis heute nicht komplett und schreit nach Vervollständigung, haha…

5. Ich habe es in der letzten Frage bereits angedeutet: Eure Alben haben vergleichsweise genre-untypische Artworks. Das zerfallende Kloster auf „Dawn Of Winter“ oder das düstere Wald/Kreuz/Kirchen-Bild von „Putrefying Illusions“ zeigen immer einen religiösen Charakter, der im frühen Death Metal deutlich stärker visualisiert wurde. Doch heute wirken diese stimmungsvollen Illustrationen erfrischend anderes. Ich gehe mal davon aus, dass ihr euch ein paar Gedanken bei der Auswahl der Motive gemacht habt und nicht willkürlich das nächstbeste Death Metal-Motiv genommen habt… Wie wichtig ist der optische Aspekt des Death Metals für Dich und OBSCURE INFINITY?

S.: Für uns sind das Coverartwork und die generelle grafische und layouttechnische Umsetzung sehr wichtig. Sie komplettieren die musikalische Darbietung. Ich persönlich hasse es, wenn Booklets oder Cover total lieblos und langweilig gestaltet sind. Zudem hasse ich moderne Photoshop Cover. Das hat für mich nichts mit Death Metal zu tun. Wir entschieden uns dazu, dass wir bei „Dawn Of Winter“ ein Ölgemälde als Cover nutzen wollen. Außerdem sollte es Raum zur Interpretation geben und nicht irgendwie plump oder oberflächlich rüberkommen. Bei „Putrefying Illusions“ war schnell klar, dass wir wieder auf ein Ölgemälde setzen wollen. Ich denke, dass sowohl das Cover von „Dawn Of Winter“ als auch das von „Putrefying Illusions“ eine gelungene visuelle Umsetzung des Albumtitels ist, über die man sich Gedanken machen und durchaus zu vielen verschiedenen Schlüssen kommen kann. Generell mag ich es, wenn Cover dem Hörer sozusagen eine eigene Welt eröffnen, in die er beim Hören eintauchen kann. So etwas haben wir immer vor Augen, wenn es darum geht, ein geeignetes Cover auszuwählen.

6. Das Demo ziert ein schön obskures Motiv mit vielen Schädeln, die aus einer Masse entwachsen und die Split mit PROFANAL zeigt einen Friedhof. Klassische Szenarien des Genres. Wer hatte hier die Ideen und weicht vom Corporate Identity (bewusst?) ab?

S.: Naja, wenn ich ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass mir zu Demozeiten noch gar nicht so bewusst war, dass man die Werke von Künstlern nutzen darf, wenn die Urheberrechtsfrist abgelaufen ist. Hätte ich das damals schon gewusst, so hätte das Demo wohl auch ein anderes Motiv verpasst bekommen, haha… Es ist übrigens kurioserweise die abfotografierte Maserung eines Schrankbrettes… für uns war das Motiv damals eher eine Notlösung, weil wir keine Ahnung hatten, wie man an ein cooles Cover kommt. Aber ich kann dennoch auch heute noch gut mit der damals getroffenen Entscheidung leben. Ich denke, es gab schon wesentlich schlechtere Demo Cover, haha. Das Cover zur Split mit PROFANAL hat einen anderen Hintergrund: Wenn man mit einer anderen Band zusammen etwas herausbringt, so muss man sich auch untereinander abstimmen, wie das Cover und das sonstige Layout ausfallen soll. Der Vorschlag zu dem Cover kam von mir. Mir gefiel das Motiv sehr gut und es ist ja nicht so, dass wir auf solche Schwarz Weiß Zeichnungen nicht auch stehen würden. Außerdem war mir gleich klar, dass den Jungs von PROFANAL dieses Bild sicher auch zusagen würde. Klar weicht es von unseren Albummotiven ab, aber wir wollen uns da auch nicht selbst limitieren.

7. Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit PROFANAL für die Split zustande? War das eine Idee von beiden Bands? Oder hat Matt von Dark Descent hier die Initialzündung gegeben? Wie kam eigentlich der Kontakt zu dem Label zustande? Bestand da eigentlich im Anschluss kein Interesse von Matt, euer neues Album auch in den USA zu veröffentlichen?

S.: Wir haben uns über MySpace kennengelernt. Ich glaube, wir haben sie damals angeschrieben, dass uns ihre Musik total gut gefällt. So entstand ein reger Kontakt. Dies führte dazu, dass wir sie in Italien besuchten und auch gleich dort mit ihnen zusammen ein Konzert spielten. Dann kamen sie uns besuchen und spielten mit uns ein Konzert in Koblenz. Bei den dazugehörenden Trinkgelagen kam dann auch die Idee auf, eine gemeinsame Splitsingle herauszubringen. Irgendwann erhielten wir dann eine Mail von Matt, ob wir nicht Lust hätten, eine Single über Dark Descent herauszubringen. Ich fragte ihn dann, ob auch eine Split Single okay für ihn wäre. Er war damit einverstanden und schlug HORRENDOUS vor. Unter normalen Umständen wäre das ja auch kein Thema gewesen, aber da wir das mit PROFANAL schon abgemacht hatten, mussten wir Matt verklickern, das es unbedingt PROFANAL sein müssen. Naja, am Ende haben wir es auch so gemacht und ich denke, es ist schon eine coole Split geworden. Als wir unser zweites Album fertig aufgenommen hatten, habe ich ihn gefragt, ob er Interesse an einem Vinyl Release hätte. Eigentlich hat er reges Interesse bekundet, sich dann aber nicht mehr gemeldet. Naja, er hat halt auch viel um die Ohren mit seinen Bands und wir laufen niemandem hinterher.

8. Euer Beitrag zur Split, „Sign Of The Nightsky“ ist für mich der absolute Death Metal Hit 2011 gewesen und hat die Erwartungen in „Putrefying Illusions“ mächtig hoch gesetzt. „Dawn Of Winter“ war bereits ein guter Einstand, aber alleine handwerklich habt ihr euch auf eurem zweiten Album unglaublich weiter entwickelt. Der Anteil der zweistimmigen Riffs ist wesentlich höher, die Harmonie zwischen obskuren und dissonanten Riffs und mitreißenden Melodien ist perfekt ausgefeilt und die gesamten Songstrukturen wirken ausschweifend genug, um eure virtuosen Ideen auszuleben, euch von der breiten Masse an ODSM-Bands abzuheben. Gleichzeitig sind sie aber immer noch so kompakt, dass keine langatmigen Passagen auftreten. Gerade bei den langsameren, etwas doomigeren Songs ein richtiges Kunstwerk. Wie siehst Du die Entwicklung von OBSCURE INFINITY? Vielleicht sogar über all eure Releases hinweg?

S.: Vielen Dank, es freut mich, dass dir „Sign Of The Nightsky“ so gut gefällt! Anfangs war ich etwas skeptisch, ob man solch einen Song für eine Split „verbraten“ sollte, mittlerweile denke ich aber, dass es die richtige Entscheidung war. Ich denke, der Hauptunterschied zu „Dawn Of Winter“ liegt in der Tatsache, dass wir diesmal noch fokussierter an die Songs rangegangen sind und ein noch klareres Bild vor Augen hatten, wie ein Song klingen soll. Auch wirken die einzelnen Songs auf mich etwas mehr aus einem Guss, als die auf „Dawn Of Winter“. Beim Komponieren der neuen Stücke habe ich auch viel mehr auf zweistimmige sich ergänzende Gitarren gebaut, als noch auf dem Debüt. Das hast du sehr gut erkannt. Was uns sicher auszeichnet, ist, dass man uns schwer in eine bestimmte Schublade stecken kann. Wir nehmen Einflüsse von schwedischen Bands wie Unleashed und Grave, amerikanischen Bands wie Death und Autopsy, niederländischen Bands wie Asphyx und frühe Pestilence und natürlich deutschen Bands wie etwa Morgoth und machen daraus unsere ganz eigene Art von Death Metal. Hinzu kommen die leichten Thrash und Black Metal Einflüsse und die Solopassagen, die nicht so viel mit herkömmlichen Death Metal zu tun haben. Ich denke, man kann unsere musikalische Entwicklung sehr gut vom Demo über das Debütalbum hin zu neuen Album nachvollziehen. Als Künstler hat man dabei ja meist eine gewisse Vision vor Augen. In der Musik ist das ein Idealbild, wie diese Band klingen soll. Für mich ist das ein bestimmter Sound, bestimmte Riffs und Songs und dieses Ziel habe ich als Songwriter noch nicht erreicht und darüber bin ich froh. Wäre es so, so hätte der letzte Song „Farewell“ einen wörtlich zu nehmenden Charakter. Und außerdem: Ein großer (Jazz) Musiker hat mal gesagt, dass man sich über jedes neue Album, das man erschaffen hat, freut, aber gleichzeitig auch hofft, dass es nicht das Beste ist. Dem kann ich nur zustimmen.

9. Gleichsam im Interview mit Evilized.de hast Du Dein Songwriting etwas erklärt: Für die Death Metal Songs verwendest Du Disharmonien und teilweise nicht aufgelöste Spannungsbögen, Deine Soli sind aus dem Hardrock und im speziellen von den SCORPIONS beeinflusst. Dazwischen passieren aber noch so viele Nuancen, alleine die Aufbauten von Riff und drüberliegendem Lead, oder auch teilweise einfach die polyphone Konstruktion mancher Passagen. Sind es diese Kontraste, obskure Riffs und prägnante Melodien, bretternde Songs und liebliche Intermezzi, die OBSCURE INFINITY meiner Meinung nach zur besten deutschen Death Metal Band machen? Wie wichtig ist gerade die melodischen Momente in euren Songs, die prinzipiell eher diesen destruktiven, modrigen und makabren Charme versprühen sollen?

S.: Haha ja, ich bin riesiger SCORPIONS Fan… diese Band begleitet mich schon mehr als zwanzig Jahre meines Lebens und ist definitiv eine meiner absoluten Lieblingsbands. Daneben höre ich aber auch viele andere Hardrock und Heavy Metal Bands, von denen ich mir sicherlich einiges für unsere Solopassagen abgeschaut habe. Was unsere Songs an sich angeht, so ist mir die Atmosphäre das Wichtigste überhaupt. Ein Riff oder eine Melodie muss eine gewisse Stimmung verbreiten. Manche Bands schreiben Riffs, die zwar live gut funktionieren und das Publikum mitgehen lassen, sonst aber eher etwas aussagelos klingen. Das ist halt nicht so mein Ding. Ich versuche viel mehr, mit Riffs Geschichten zu erzählen und Klanglandschaften entstehen zu lassen, dabei aber den Bezug zum räudigen Death Metal nicht zu verlieren. Melodien müssen dabei meiner Ansicht nach düster und gefährlich klingen. Von mir aus auch mal melancholisch, nur schnulzig oder klebrig süß dürfen sie nicht sein. Das ist halt ein schmaler Grat. DISSECTION waren Meister der bösen und schaurig schönen Melodien. Generell versuche ich halt Songs zu erschaffen, keine Riffansammlungen. Ich finde es wichtig, dass jeder Song sein eigenes Gesicht hat und markant genug ist, um wiedererkannt zu werden. Es gibt zwar Alben, dir mir gefallen, auf denen man kaum einen Song vom anderen unterscheiden kann, aber für unsere Musik ist mir das schon sehr wichtig.

10. In meinem Review zu „Putrefying Illusions“ habe ich es schon erwähnt: Für mein Verständnis des Albums, für den Fassettenreichtum und die Abwechslung, wären die vier Zwischenspiele (In- und Outro mitgerechnet) im Gesamtbild nicht notwendig. Dennoch habt ihr euch Entschieden, das Album damit zu umrahmen und zu unterteilen. Vielleicht gibst Du mir Einsicht in eure Ideen hinter diesem Aufbau und diesen sehr melodischen und fast schon lieblichen Unterbrechungen. Vielleicht kann dann sogar so ein grobschlächtiger Stumpfbold wie ich es dann verstehen, haha!

S.: Hehe ja, ich habe schon beim Lesen deines Reviews bemerkt, dass du nicht unbedingt ein Freund unser Akustikstücke bist. Dennoch fasse ich es natürlich als Kompliment auf, wenn diese Intermezzi deiner Meinung nach aufgrund des Fassettenreichtums der regulären Songs gar nicht nötig gewesen wären. Für uns sind diese Akustikstücke ein wichtiger und essentieller Bestandteil unserer Musik. Wie ich schon erwähnte, ist so etwas wie Atmosphäre ein integraler Bestandteil unseres Schaffens. Akustikgitarren erzeugen ihre ganz eigene Stimmung und lassen mit ihrem warmen, organischen Ton die Fantasie abschweifen. Zum einen ist es also so, dass diese Zwischenstücke einfach zu unserem Klangkosmos dazugehören. Ich könnte mir ein Album von uns ohne diese Akustikeinschübe gar nicht mehr vorstellen. Zum anderen ist es aber natürlich auch so, dass diese Intermezzi – ganz pragmatisch gesehen – auch so etwas wie eine Verschnaufpause darstellen, nach denen man sich wieder voll und ganz auf die folgenden Stücke konzentrieren kann. Und auf Albumlänge gesehen sind sie so etwas wie Strukturgeber. Mir persönlich gefällt der Kontrast zwischen harschen Bandsongs und verträumten Akustikpassagen, aber das ist halt wirklich Geschmackssache! Eine kleine Anekdote am Rande: Ein Maniac aus Italien wollte unbedingt „Dawn Of Winter“ auf Tape herausbringen. Anscheinend teilte er deine eben genannte Grobschlächtigkeit (nicht so ernst gemeint!) nur zu gut und unterbreitete uns den Vorschlag einer „Special“ Tape Edition, der wie folgt aussah: Alle Songs von „Dawn Of Winter“, bloß ohne das ganze Akustikgeplänkel, das ja eh unnötig sei, haha… naja, das Tape kam am Ende raus, aber natürlich mit allen Songs.

11. Dass Fans und Medien von eurem aktuellen Album hin und weg sind, ist hinreichend bekannt und mehr als verständlich. Doch wie schaut es bei euch aus? Wie sehr ihr das Album mit etwas Abstand? Jeder Musiker hat immer eine Kleinigkeit, die er anders machen würde, was wäre das an „Putrefying Illusions“?

S.: Da sprichst du etwas sehr interessantes an. Als Musiker hat man nie den nötigen Abstand zu seinem eigenen Schaffen, jedenfalls geht es uns da so. Wir konnten anfangs überhaupt nicht abschätzen, wie das Album so bei den Leuten ankommen wird und wie es im Vergleich zu seinem Vorgänger abschneiden wird. Wir selbst waren ja wie gesagt schon recht früh sehr überzeugt von den Songs an sich. Ich kann nur sagen, dass ich mit „Putrefying Illusions“ sehr zufrieden bin. Natürlich findet man als Musiker immer irgendwelche Passagen, die man hätte noch sauberer und besser einspielen können. Gerade auf „Dawn Of Winter“ gibt es davon genug, haha…aber ich denke, Old School Death Metal ist eine Musik, die nicht nach Perfektion in der Ausführung schreit, sondern bei der das gewisse Etwas, das Feeling und die Atmosphäre viel wichtiger sind.

12. Bereits für „Dawn Of Winter“ seit ihr beim kleinen, aber sehr feinen Untergrund-Label OBSCURE DOMAIN untergekommen. Nicht nur namentlich sehr passend, sondern auch in Anbetracht von Hackers gutem Geschmack für seine Releases und seine Reviews/Interviews im Unholy Terror und Voicesfromthedarkside.de. Scheinbar war die Zusammenarbeit für euer Debüt für beide Seiten so befriedigend, sodass ihr euch auch mit „Putrefying Illusions“ wieder in die OBSCURE DOMAIN begeben habt. Wie zufrieden seid ihr aktuell mit der Arbeit des kleinen Qualitäts-Labels?

S.: Hacker ist halt nicht nur jemand, der schon saulang in der Szene aktiv ist und auch heute noch total und mit vollem Enthusiasmus in diesem Underground Death Metal Ding drinsteckt, sondern er ist auch schlicht und einfach ein verdammt netter und sympathischer Zeitgenosse. Die Zusammenarbeit mit Obscure Domain verlief stets reibungslos und so haben wir uns geeinigt, auch das zweite Album bei ihnen herauszubringen.

13. OBSCURE DOMAIN waren für die CD-Version verantwortlich. Die Schallplatte soll über CHAOS RECORDS rauskommen, gell? Wisst ihr schon genaueres? Wann kommt die LP-Version? Wird man die auch in Deutschland bekommen? Ich gehe davon aus, dass FDA Rekotz ein paar Einheiten reinbekommt. Werdet ihr die Platte auch verkaufen? Gibt es Unterschiede zur CD?

S.: Nein, leider wissen wir nichts genaueres, was die Vinylveröffentlichung angeht. Eigentlich sah die Planung von Chaos Records vor, dass ihre Vinylveröffentlichung zeitgleich mit der CD Veröffentlichung erfolgen sollte. Leider muss ich sagen, dass Chaos Records sich nicht als sehr zuverlässig erwiesen haben und uns nun schon mit mehreren fadenscheinigen Ausreden vertrösteten. Mein letzter Stand ist, dass sie das Master im Oktober oder November ans Presswerk geben wollen. Ehrlich gesagt sind wir ziemlich gefrustet, was das angeht und wir ärgern uns darüber, dort einen Vertrag über die Vinylveröffentlichung unterschrieben zu haben. Aber aus solchen Fehlern lernt man. Falls das Vinyl also noch gepresst werden sollte, dann werden FDA sicher einige Exemplare bekommen. Wir bekommen – ich müsste es noch mal nachlesen – 80 Stück, wenn ich mich nicht irre. Insofern wird man die LP Version also auch über uns beziehen können. Sobald es diesbezüglich relevante Neuigkeiten gibt, werden wie diese natürlich auch kundtun. Musikalisch sind die CD und LP Version deckungsgleich. Was das Layout betrifft, kann ich leider gar nichts sagen. Auf meine Frage, ob wir uns um das LP Layout kümmern sollen, habe ich trotz mehrfachem Nachfragen nie eine Antwort bekommen und es gibt bisher auch keine Anzeichen dafür, dass sich Chaos Records schon um irgendwas gekümmert hätten.

14. Dieses Jahr hattet ihr die Möglichkeit auf der neuen, kleinen Zeltbühne des Party.San Open Airs zu spielen. Wie war der Gig für euch? Die Publikums-Resonanz war ja großartig, und auch die geringe Überschneidung mit den mächtigen IMMOLATION war euch scheinbar nicht sonderlich von Nachteil…Ich fand euren Auftritt wirklich großartig, ein Highlight des Festivals! An dieser Stelle muss ich noch mal euren Sänger Jules lobend erwähnen, der wirklich ein sehr energiegeladener und charismatischer Frontmann ist. Respekt! Auch für die Nummer mit dem abgeranzten Schädel. Verdammt, dagegen sind MAYHEM Kindergeburtstag, so muss Death (!!) Metal zelebriert werden! Auch wenn diese Frage bereits bei den Kollegen Evilized.de gestellt wurde, wie war der Auftritt aus eurer Sicht?

S.: Der Auftritt war fantastisch und ein voller Erfolg für uns! Wir hatten einen spitzenmäßigen Sound und die Zuschauerreaktionen waren echt überwältigend. Ich hätte mir auch vorher nicht träumen lassen, dass das Zelt so voll wird bei unserem Auftritt. Danke noch mal an die Party.San Macher, uns diese Chance zu geben! Ja, Jules hat das Charisma, das man als Sänger braucht. Natürlich kommt seine Art nicht bei jedem so positiv rüber, aber das ist ganz normal. Er zieht halt sein Ding durch und entweder, es gefällt oder auch nicht. Haha, den Schädel hat ihm Tim, der Ex-Bassist von FUNERAL WHORE aus Holland mitgebracht. Er wohnt direkt neben einem Friedhof…

15. Nicht nur der Auftritt auf dem PSOA, sondern auch direkt zwei Stories in den wichtigsten und besten deutschen Fanzines, dem Necromaniac und dem Mystical Music, das ist ein unglaublicher Erfolg für eine junge Band. Eigentlich könntet ihr euch nun auch direkt Auflösen, denn die Erwartungen an das dritte Album dürften überdimensioniert hoch und somit nicht zu erfüllen sein, haha! Nein, Spaß beiseite, was steht denn für eure nächste Zukunft an? Beim Evilized.de spracht ihr vom fleißigen Schreiben neuer Songs und einer kommenden Split mit DEATHRONATION, mit denen ihr auch schon auf Tour wart. Solltet ihr euch nicht ein bisschen kreative Pause gönnen, so kurz nach dem Release von „Putrefying Illisions“? Oder wollt ihr nun in ähnlichen Turnus wie ENTRAILS verfallen, die sich scheinbar ein Album/Jahr vorgenommen haben?

S.: Ja, wir konnten uns bisher nicht beklagen. Zugleich im Necromaniac und im Mystical Music vertreten zu sein und noch dazu auch auf deren Begleit-Samplern mit drauf zu kommen, war für uns eine echte Ehre. Thomas und Ralf sind zwei echt coole Typen, bei denen wir uns an dieser Stelle auch noch mal ausdrücklich für deren Unterstützung bedanken wollen! Ja, als nächstes steht die Split Single mit DEATHRONATION an. Als wir damals „Sign Of The Nightsky“ aufnahmen, haben wir gleich noch einen weiteren Song aufgenommen, der auf den Namen „Absurd Existence“ hört und nun auf diese Split Single kommt. Wegen eines neuen Albums mache ich mir weniger Sorgen. Ich schreibe schon wieder an neuen Songs, aber wir nehmen erst ein neues Album auf, wenn wir genügend richtig gute Songs beisammen haben. Wir setzen uns da nicht unter Druck. Es ist viel mehr so, dass ich halt echt tierisch Bock drauf habe, neue Songs zu machen und sie im Bandkontext zu hören. Wirklich konkrete Pläne gibt es zum dritten Album also noch nicht, aber wenn wir genug Lieder zusammen haben, könnte ich mir eine Aufnahme Mitte bis Ende nächsten Jahres gut vorstellen.

16. Stefan, vielen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten. „Putrefying Illusions“ ist ein grandioses Album und definitiv eine Pflichtveranstaltung für jeden Death Metal Fan! Ich persönlich bin auf eure nächsten Releases gespannt und freue mich erst mal auf die kommende Split. Die Erwartungen in das nächste Album sind schon mal verdammt hoch, aber fühle Dich nun bitte nicht unter Druck gesetzt, jeder kann mal versagen, haha! Ich wünsche euch auf jeden Fall noch viel Erfolg auf eurem weiteren Weg und hoffe, euch alsbald mal bei mir in der Nähe noch mal live zu sehen. Die letzten Worte des Interviews gehören Dir und OBSCURE INFINITY!

S: Chris, wir haben dir zu danken! Es ist uns eine Ehre, nun auch mit einem Interview auf NecroSlaughter vertreten zu sein! Wir wissen, was eine Band wie wir kleinen, aber feinem Online Zines wie deinem zu verdanken haben! Leute wie du halten diese Undergroundbewegung mit ihrer Hingabe zur Musik so lebendig! Vielen Dank an alle, die uns unterstützt haben und Grüße natürlich auch an alle Bands, mit denen wir zusammen gespielt haben oder mit denen wir in Kontakt stehen, im besonderen MEMBARIS, FUNERAL WHORE, REVEL IN FLESH, DESERTED FEAR, SULPHUR AEON, CHARON, PROFANAL, ESCARNIUM, WEIRD FATE und CHAOS INVOCATION!

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Interview: Chris (Necroslaughter) / Stefan (Gitarre @ OBSCURE INFINITY) · 19.09.2012/25.09.2012
© Bilder: OBSCURE INFINITY