Retarded Noise Squad – Bananas

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Lange ist es her, das letzte Lebenszeichen von RETARDED NOISE SQUAD. Doch im Frühjahr 2005 konnte die eigenwillige Interpretation des Thrash Metals auf „Plastic Surgery And World Domination“ meinen Kollegen Martin so sehr überzeugen, dass er von den „heißesten Newcomern des Jahres“ sprach und empfahl, den weiteren Werdegang der Band im Auge zu behalten. Die Jahre zogen ins Land und nichts geschah. Mittlerweile haben wir 2011 und RETARDED NOISE SQUAD hat mittlerweile ein neues Album am Start. Unter dem Namen „Bananas“ erlaubt sich die Band aus Halle ein interessantes und glücklicherweise genre-untypisches optisches Konzept. So ist die Oberseite der CD eine Bananenscheibe. Und das Cover mit den Affen stammt von Gabriel von Max und wurde mit Genehmigung der Pinakothek München nachgedruckt. Der Name des Werkes ist passender Weise „Affen als Kunstrichter“…

Der Kunstbegriff ist sicher Interpretationssache. Aber so Banane ist die Musik von RETARDED NOISE SQUAD nun auch nicht. „Gewöhnlichen“ Death/Thrash Metal mit verschiedenen Einflüssen, wie man ihn vom Debüt her kannte, birgt „Bananas“ dennoch nicht. Laut eigenen Aussagen ist die Band „experimenteller“ geworden. Und das ist eine Untertreibung, die manchem Politiker noch in ehrfürchtige Bewunderung versetzen würde! „Bananas“ ist abgedreht, unkonventionell und eigentlich kaum mit Worten zu umschreiben. Am ehesten würde noch die breitgefächterte Schublade „Avantgarde“ dem tonalen Umfang der Scheibe gerecht werden.

Für unterschiedliche Experimente gaben sich männliche und weibliche Gastsänger die Ehre. Zusätzliche Gitarren-Soli fanden gleichsam ihren Weg auf das Album, wie Pianos und Streicher-Arrangements oder auffällige Cello-Einlagen. Am interessantesten ist vielleicht, dass RETARDED NOISE SQUAD für die Drums Darren Cesca engagiert haben, der auch schon mit Arsis, Goratory oder Vile gearbeitet hat. Trotz eigenem Drummer in den Reihen der Band. Man darf daraus aber nicht den Wechselschluss ziehen und technischen Brutal Death Metal hinter „Bananas“ vermuten. Verrückte Breaks und Blastbeats gibt es dennoch in rauen Mengen.

Der dargebotene Fassettenreichtum ist weit. Ziemlich weit. „King Adiposity“ eröffnet mit prägnanten Cellos und verirrt sich in einen absurden Songaufbau (positiv gemeint). Die Melodieführung ist so hypnotisch, wie die abgedrehten Gesangslinien und Spannungsbögen gleichzeitig faszinieren. Besonders im Mittelpart und dem weiblichen Gesang zum Ende des Liedes, der herrlich vom männlichen Pendant aufgegriffen wird. „Telepatethic Trance“ überrascht hingegen mit EBM-Elementen, die auf sehr dominanten, progressiven Bass treffen. Ja, gerade der Bass von RETARDED NOISE SQUAD hat eine sehr zentrale Rolle und verleiht in seinen ausgedehnten Läufen der gesamten Musik ein sehr progressives und technisches Moment. Der klaren Frauengesang aus diesem Song klingt hingegen fast schon wieder kitschig.
Wer sich schon fast in Sicherheit wiegt und denkt, er habe „Bananas“ verstanden, der wird spätestens mit „Die Geschichte vom Suppenkasper“ derbe mit Schelte versorgt. Dieser musikalische Tiefpunkt des Albums wildert bei Neuer Deutscher Härte und würde Richthofen, Weißglut und Eisbrecher vor Neid erblassen lassen. Mich nervt diese Nummer hingegen und trotz Blastbeats finde ich den Song einfach nur peinlich. Sorry, aber hier wird allerhöchstens das Ziel der Polarisierung erreicht.
Nov-Hell Cuisine“ zeigt schon eher das Talent der Band, EBM/Dark Electro mit harten Metal-Klängen und Prog-Elementen zu vermischen. Neben dem eröffnenden „King Adiposity“ zeigt sich der Titeltrack „Bananas“ gleichsam als Highlight der guten dreiviertel Stunde. Eingefasst von zwei Samples, die nicht konträrer sein könnten, einmal einem singenden Rentner und einem singenden Kind, überzeugt der Song durch wirklich aberwitzige Melodieführungen und derbes Geballer. Kontraste im gewaltigen Klanggewand, die wirklich funktionieren.

Nach dem ersten Durchlauf von „Bananas“ ist der Hörer überfahren. Was war das? So richtig offenbart sich der Sinn hinter dem Ganzen nicht. Erst nach mehrmaligen Hören kommt man in die teilweise recht überladenen Songs rein, versteht die ein oder andere Songstruktur. Obwohl manche Wendungen und Entwicklungen immer noch ziemlich überraschend wirken. Doch insgesamt wissen RETARDED NOISE SQUAD, wie sie den roten Faden durch einen Song ziehen und sich trotzdem in allen Richtungen austoben können.
Easy Listening ist definitiv anders und „Bananas“ dürfte die meisten eher konventionellen und konservativen Metaller abschrecken. Und auch, wer sich etwas offener für elektronische und progressive Experimente sinnt, dürfte an solchen Ausfällen wie dem „Suppenkasper“ schwer zu knabbern haben. Denn auch weitere Lieder des Albums befinden sich nicht unbedingt unter den Reihen des packendsten und besten Liedguts, aller Technik und Wahnsinn zum Trotz. Im Gesamtbild funktioniert „Bananas“ aber als Reisebegleitung auf den nächsten Acid-Trip.

Wer nun doch nicht ganz sicher ist, kann glücklicherweise auf Bandcamp einen Eindruck von dem opulenten Affenfelsen von RETARDED NOISE SQUAD bekommen. Sowohl in der aktuellen Vertonung von M.C. Eschers Wahrnehmung, wie auch in den ersten Gehversuchen der Band zu „Plastic Surgery And World Domination„. Der Kontrast ist erschreckend – und interessant zu gleich….

Infos:
Eigenproduktion 2011
10 Lieder / 45:55 Min.

http://www.retardednoise.de/
http://www.facebook.com/pages/Retarded-Noise-Squad/129972043754661