ULCERATE – Eine logische Konklusion

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ULCERATE haben bereits mit ihrem letzten Album „Everything Is Fire“ einen tonnenschweren Einschlag in meiner heimischen Stereo-Anlage hinterlassen. Mit ihrem aktuellen Album „The Destroyers Of All“ hinterlassen sie einen Meilenstein in der Geschichte des Death Metals! Manche sprechen bereits von einem neuen Genre, dem „Post-Death Metal“. Jamie, Drummer und Kreativ-Mensch bei den Neu Seeländern hingegen nicht. Für ihn ist ULCERATE schlicht Death Metal. Wenn auch kein generischer. Was Jamie sonst noch zu sagen hat, lest ihr im Folgenden. Mach vorher aber den Stream zu „The Destroyers Of All“ an, damit ihr den richtigen Soundtrack habt!


1. Hey Jamie! Wie geht es Dir? Willkommen zurück in meinem schmutzigen Webzine! Erinnerst Du Dich? Dein letzter Besuch war vor etwas mehr als zwei Jahren zu „Everything Is Fire“. Gib uns mal einen kurzen Überblick über die Neuigkeiten bei ULCERATE in diesem Zeitraum!

Hey Mann! Natürlich erinnere ich mich an das Interview von ’09. Seitdem wir das letzte Mal gesprochen haben, haben wir Europa zum Ende des Jahres (2009) zusammen mit Nile/Krisiun/Grave betourt, um etwas Werbung für das Album zu machen. Wir haben auch ein paar Headliner-Dates in Australien gehabt, wie eine Hand voll Auftritte in Neu Seeland. Das gesamte Jahr 2010 haben wir dann der Erschaffung von „The Destroyers Of All“ gewidmet, das dann im Januar diesen Jahres herauskam. Gerade packen wir unsere Sachen um gegen Ende diesen Jahres wieder nach Europa zu kommen und im Frühjahr 2012 wollen wir unseren ersten Abstecher in die Staaten machen.

2. „The Destroyers Of All“ ist sowohl ein großer Schritt für ULCERATE als Band, wie auch für das ganze Genre im Allgemeinen. Die Kollegen von Invisible Oranges erkennen sogar Parallelen zwischen Euch und den italienischen Murder Therapy, die mit ihrem Song „Resilence“ in eine ähnliche Richtung tendieren – wenngleich nicht so unheilvoll wie ULCERATE.
Was sagst Du zu der Prognose, dass eure Bands das neue Genre „Post-Death Metal“ erfunden haben? Oder hältst Du noch an „unorthodoxer Death Metal“ fest? Haha!

Ich habe wirklich nichts darüber zu sagen, ob wir ein neues Genre erfunden haben, weil ich das einfach nicht so empfinde – oder zumindest hatten wir niemals diese Intention. Ich sehe da vereinzelte Elemente des „Post“-Sounds in unserer Gitarren-Arbeit, aber ob man deswegen direkt eine neue Schublade erfinden muss, weiß ich nicht. Das interessiert mich eigentlich auch nicht sonderlich. Für mich ist es Death Metal, nur vielleicht nicht so streng generisch. Darüber hinaus hat eine Menge Death Metal seit seiner Erfindung musikalische Experimente in seinem Kern getragen. Es erscheint mir redundant immer und immer wieder neue Sub-Genre zu erfinden.

3. Was hältst Du von dem neuen Song „Resilence“ von Murder Therapy? Sind dort auch gewisse Parallelen zu ULCERATE erkennbar? Ich persönlich habe als erstes an Alchemist und Tombs gedacht… Ich bin wirklich mal auf das kommende Album gespannt! Hast du schon in die „Molochian“-EP reingehört?

Um ehrlich zu sein habe ich weder den Song noch die EP gehört, ich bin nur vage mit der Band vertraut.

4. Invisible Oranges zieht als neuen Einfluss für den „Post-Death Metal“ Neurosis heran. Bisher habt ihr euch immer Vergleichen zu Immolation, mighty Gorguts und vielleicht auch Deathspell Omega stellen müssen. Doch in unserem letzten Interview deutest Du bereits Neurosis, Isis oder Cult Of Luna als Inspirationsquelle an. Hatten Neurosis nun einen realen Einfluss auf „The Destroyers Of All“, oder zieht hier ein übermotivierter Musikschreiber mal wieder voreilige Schlüsse und alles war eigentlich subtiler, als man nun annimmt?

Es gibt nicht wirklich einen direkten Einfluss – Wir sind mehr oder weniger in einem Stadium wo wir wissen, wie wir unser innerstes tonlich ausdrücken können und wenn wir etwas streuen wollen, dann so weit von irgendwelchen Abstammungen weg, wie es uns möglich ist. Natürlich hören wir offensichtlich all die Bands, die du aufgelistet hast. Aber wir hatten nicht das Verlangen sie in irgend einer Form nachzuspielen. Ich denke, wir sind an einem Punkt wo wir unsere eigenen Bestreben haben und ich denke mehr, dass wir eher in einem ähnlichen Kopf-Raum sind wie Immolation und Gorguts zum Beispiel.

5. Die mächtigen Gorguts sind mittlerweile auch wieder von den Toten zurück und werkeln an einem neuen Album. Hattest du die ersten Höreindrücke aus dem Proberaum schon mal angetestet? Alleine das neue Line-Up lässt großes erwarten!

Das Demo und Vorproduktionsmaterial klingt verdammt großartig, es wird sicher interessant zu sehen, ob sie das Level über ein ganzes Full-Length halten können.

6. Den Deathspell Omega-Vibe in ULCERATE hattest Du in unserem letzten Gespräch selber angesprochen. Nun haben die Franzosen kurz vor euch ihr neues Album „Paracletus“ rausgebracht. Und im direkten Vergleich klingen beide Scheiben fatal ähnlich, auch wenn die Eigenständigkeit beider Alben unbezweifelt ist. Was hältst Du von „Paracletus“ und was sagst Du zu den bestehenden Parallelen?

Um ehrlich zu sein höre ich weniger Ähnlichkeit zwischen den beiden Bands und ihren letzten Album als beispielsweise noch zwischen „Fas..“ und „Everything Is Fire“. Ich denke beide Bands haben sehr eindeutiges Vokabular und ich glaube nicht, dass wir den selben Pfad gehen. Wir hatten bereits alles von „The Destroyers“ geschrieben und aufgenommen, als „Paracletus“ rauskam und es klingt nicht wirklich wie irgendwas, was mit unserer Arbeit zu tun hat, wir bewegen uns nur im ähnlichen Spektrum des Genres/der Genre.

7. Auch wenn ULCERATE und Deathspell Omega musikalische Brüder sind, unterscheiden sich beide Bands doch im krassen Kontrast in ihren Coverartworks. Bei DSO dominieren sehr archaische, fast schon kindliche Zeichnungen, derweil ULCERATE bisher durch hochwertige CGI-Artworks aufgefallen sind. Und wie bereits im letzten Interview erwähnt, zeigst Du dich nicht nur für (Co-)Songwriting und Lyrics, sondern auch für die grafischen Aspekte von ULCERATE verantwortlich. Mit „The Destroyers Of All“ ist Dir erneut ein Meisterstück gelungen! Meiner Meinung nach das beste und düsterste ULCERATE-Cover bisher, das durch eine unbeschreibliche Ästhetik und Tiefe besticht. Trotz des gelebten Minimalismus‘! Woher ziehst Du die Inspiration für die drei Aspekte von ULCERATE, die Deiner Obhut unterliegen? Besonders Deine Einflüsse auf Dein letztes Coverartwork würden mich interessieren!

Zunächst würde ich die Artworks (von Deathspell Omega) nicht wirklich als kindlich bezeichnen. Ich finde ehrlich, dass sie sehr stylisch sind und eine Ästhetik entwickelt haben. Der Künstler Timo Ketola ist verdammt eigenständig und ich bin ein großer Fan seiner Ausführungen.

Was unseren Kram angeht: Nein, ich habe keine Hand an die Texte gelegt, nur Inspiration für das Artwork daraus gezogen. Was die umfassende Ästhetik angeht, habe ich immer ein ziemlich klares Bild, wie die akustische Seite des Albums visuell übersetzt werden kann. Man muss nur alles zusammenpacken und sichergehen, dass es nicht wie Scheiße aussieht, haha! Wir haben viel Zeit damit verbracht, über die konzeptionelle Basis der Texte und den Gesamt-Vibe zu sprechen, die wir mit der Musik portraitieren wollten. Dann lag es an mir mich hinzusetzten und alle Konzepte in Bild so auszuarbeiten, dass es zu allem so perfekt wie möglich passt.

8. Du arbeitest beruflich als Grafiker bei einem Webdesigner. Hast Du dort auch schon Webseiten für andere Bands entworfen? Oder vielleicht „nebenbei“ Artworks gemacht? Oder ist das exklusiv ULCERATE vorbehalten?

Yeah, ich arbeite als leitender Designer in einem Web-Studio hier, das ist mein 9-5 Job. Ich habe mal Aufträge von anderen Bands angenommen, aber da ich nie wirklich in diesen Projekten war, war es wirklich hart für mich eine Motivation zu finden. Kunst für Musik zu erstellen, hinter der ich nicht stehe und um die ich mich nicht schere. Also habe ich ein paar Dinge für die Band eines Freundes gemacht, die ähnliche musikalische Visionen wie wir haben. Ansonsten freue ich mich, dass ich mich zu 100% auf Ulcerate konzentrieren kann!

9. Neben ULCERATEs offizieller Homepage hast Du auch extra eine Seite für „The Destroyers Of All“ (http://www.ulcerate-official.com/The-Destroyers-Of-All/) angelegt. Ich finde sowohl die Idee sehr nett, wie die optische Umsetzung einfach nur der Hammer ist! Wie kamt ihr auf die Idee, die Hintergrund-Informationen für den Fan so aufzubereiten? In den gängigen Metal-Medien war es vor dem Release vergleichsweise ruhig… ?

Ich habe mich entschlossen die Seite zu machen, damit interessierte Leute unseren Fortschritt an den Arbeiten zum neuen Album sehen können. Mehr ist nicht wirklich dahinter. Dass es in den Metal-Medien ruhig war, kann mir recht sein!

10. Kommen wir noch mal auf eure jüngste musikalisches Manifestation zu sprechen. Ein paar Kritiken, die ich zu „The Destroyers Of All“ gelesen habe, sprachen von einer gewissen Gleichförmigkeit eurer Songs. Doch wenn man genauer hinhört, gibt es meiner Meinung nach sehr viel zu entdecken! „Dead Oceans“ ist sowohl prägnant, wie auch vielschichtig, „Beneath“ hat eine unglaublich intensive Entwicklung, „Cold Becoming“ ist richtig brutal und erlaubt am Ende sogar einen kleinen Hoffnungsschimmer und im Titeltrack werden sehr schöne Akzente durch wohlüberlegte Breaks gesetzt. Was sind Deine persönlichen Höhepunkte auf eurem dritten Album? Gibt es vielleicht besondere Anekdoten zu bestimmten Stellen? Wie kam beispielsweise der Lichtblick in das Ende von „Cold Becoming“?

Yeah, das sehe ich genau so. Wenn du auch nur irgendwie Ulcerate kennst, weißt du auch, dass du zum Verstehen der Musik etwas Zeit investieren musst, bevor es Klick macht. Und die Kritiken über die ich gestolpert bin, die auch nur vage etwas schlechtes schrieben, haben a) unsere Intention fehlinterpretiert oder b) mögen sich nicht mit uns beschäftigen.

Aber wenn man es von der Konstruktion und dem spielerischen Punkt aus betrachtet, strotzt das Material vor Abwechslung und eine Menge Leute haben das auch gesehen. Es wundert mich das manche Leute das nicht heraushören und eine Menge Details verpassen. Meine persönlichen Highlights sind „Cold Becoming“, „Dead Oceans“ und „Omens“.
Das Ende von „Cold Becoming“ ist nur eine logische Konklusion dessen, was wir zuvor aufgebaut haben. Wie ich in unserem letzten Interview erwähnte, versuchen wir so linear wie möglich zu schreiben und die Songs von oben bis unten zu konstruieren. Es hat sich für den Song einfach natürlich angefühlt.

11. Zum Schluss noch eine Frage, die mich vor gar nicht all zu langer Zeit beschäftigt hat: Wie ist es, in Neuseeland zu leben? Ich meine, Du kennst sicher noch ein Leben vor dem Internet, wie ist man da mit Musik und neuen Bands in Kontakt gekommen? Wie ist die Metal-Szene in Neuseeland? Gibt es viele Clubs/Shows, die man besuchen kann? Oder sind das nur vereinzelte Ballungsgebiete?

Neu Seeland ist ein kleines Land und hat eine noch kleinere Metal-Szene. Es gibt nur wenige Shows und die sind meist von den gleichen Bands, die man schon 1000 Mal zuvor gesehen hat. Entsprechend hat man immer weniger Besucher, was wieder in weniger Shows resultiert. Ein wenig ist es wie eine Einbahnstraße. Mit unserem Style können wir gerade mal die drei größeren Städte hier bespielen. Der Rest außerhalb ist weder vorbereitet noch irgendwie bekannt mit den ungewöhnlicheren Styles des Metals. Es ist die Mühe einfach nicht wert.

12. Kannst du mir und meinen Lesern nun noch einen kurzen Überblick über die nähere Zukunft von ULCERATE geben? Wann seid ihr demnächst noch mal in Europa? Das letzte mal wart ihr mit Nile zusammen auf Tour… Gibt es hier vielleicht noch die ein oder andere Anekdote, die man zum Besten geben kann?

Sicher, zu diesem Zeitpunkt ist es zu 99% fest, dass wir wieder nach Europa kommen. Im November diesen Jahres für einen ganzen Monat. Details geben wir schon bald bekannt. Die Tour mit Nile war verdammt großartig und wir sind sehr daran interessiert diese Erfahrung zu wiederholen. Es gab viele unglaubliche Geschichten – Ola von Grave und sein weiblicher Stalker in London, ein Fan aus Italien, der uns eine Kiste mit Wein von seinem Vater schenkte und dabei fast seinen Knöchel brach, als er von der Treppe fiel, unser Sänger/Basser Paul, der einen Beutel mit seiner eigenen Kotze während der Fahrt aus dem Tourbus geworfen hat, Ronny B von Grave und sein „Mr. Hat“, die schwedische Vor-Besetzung mit „Two And A Half Man“. Plus eine Tonne von exzellenten Shows und auch großartigem Essen!

13. Jamie, es war mir wieder mal eine Ehre, ULCERATE in meinem kleinen Magazin zu haben! Vielen Dank für deine Zeit und deine Antworten. Ich hoffe, dass ihr mit „The Destroyers Of All“ in die Geschichte des Metals eingehen werdet. Solange lasse ich dir nun den Freiraum, um die Worte an meine Leser zu richten, die später mal in deutschen Musikgeschichtsbüchern stehen werden, haha!

Danke für den Support, wir wissen das wirklich zu schätzen. Wir hoffen euch bald wieder in Deutschland zu sehen. Wir hatten eine hervorragende Zeit beim letzten Mal!
//Jamie


Interview: Chris (Necroslaughter) / Jamie (Drums @ Ulcerate) · 02.08.2011
©Bilder: Ulcerate

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Ulcerate - The Destroyers Of All