Baring Teeth – Atrophy

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Es war unangenehm. Aber gleichzeitig auch faszinierend. Wie ein Autounfall, von dem man einfach die Augen nicht abwenden kann. Gorguts haben 1998 mit „Obscura“ einen Meilenstein erschaffen. Ein Stück avantgardistische Tonkunst, die seiner Zeit weit voraus war. Kaum eine Band konnte und kann an die abgedrehten Ideen von Mastermind Luc Lemay ranreichen. Seine Nachfolge-Band Negativia hatten ordentliches Potential, aber leider ist da nie wirklich was draus geworden.

Natürlich gibt es heute Bands, die sich von Gorguts und „Obscura“ haben prägen lassen. Painted Rust zum Beispiel. Und auch Ulcerate haben sicher oft „Obscura“ und „From Wisdom To Hate“ gehört, wenngleich auch viel anderen Krempel wie Deathspell Omega oder Neurosis.

Nun ist es unangenehm. Aber nicht so erfreulich unangenehm wie „Obscura„. Denn Gorguts kommen nicht aus dem Quark. Das neue Album lässt auf sich warten und die Europa-Tour wurde abgesagt. Was soll mir nun meine Zwangsneurosen und Paranoia mit Nahrung versorgen? An dieser Stelle betreten BARING TEETH die Bühne. Und ohne große Vorstellung ziehen sie mir mit ihrem Debüt-Album „Atrophy“ sämtliche Zähne und Nägel – natürlich ohne Betäubung!

Atrophy“ ist wie seinerzeit „Obscura„. Unangenehm, verdreht, beklemmend, abgedreht, kalt, verstörend – und dabei immer noch faszinierend und mit dem Geschmack von etwas neuem, unbekannten, gar verbotenen. Klar schmeckt man Gorguts deutlich heraus. Und auch eine Note Ulcerate oder Deathspell Omega lassen sich mit den Umami-Rezeptoren erkennen. Doch da steckt deutlich mehr hinter BARING TEETH!
Seien es fluffige Anleihen aus dem Jazz, wie in „Vestigal Birth„, das bei allen Fähigkeiten der Band auch bewusst mit Minimalismus arbeitet. Oder das fiese Spiel mit der sich fest fressenden Melodie im Monster „Scarred Fingertips„, die einen unglaublichen Anker im Hirn verschraubt. Und auch die latenten Mathcore-Elemente vom Beginn des Albums erzeugen eigene Aspekte, die BARING TEETH verstörend schön von ihren Vorbildern unterscheidet.

Fast eine dreiviertel Stunde ist „Atrophy“ aufwühlender Nährboden für all meine Psychosen. Passend zum aktuellen Wetter lässt die beklemmende Atmosphäre verfrühte Winterdepressionen bei mir einschießen. Und das perverse daran: Es gefällt mir! Ich mag die abgedrehten Sounds, die meiner Meinung niemals mit einer Gitarre möglich sind, die zähen Untiefen und die klirrend kalten Frostwehen. Ich liebe die kompromisslose Bohéme, die BARING TEETH mit ihrem ersten Album den Konventionen des Death Metal entgegen spucken.

Einziger Wermutstropfen an diesem Einstand in die Szene und Willowtip Records, denen ich explizit für dieses Schmuckstück danken will, ist der Umstand, dass BARING TEETH sehr instrumental-lastig sind. Der Gesang verliert sich oft hinter den wirren Riffs und Sounds. Wenn er nicht gänzlich aus den Songs subtrahiert wird, wie in „Vestigal Birth“ oder dem epischen „Tower Of Silence„. Dadurch bekommt „Atrophy“ ein paar unnötige Längen, die es vom Status des „Meisterwerks“ abhalten.

Dennoch kann ich jedem Fan von Ulcerate, Deathspell Omega, Maruta und natürlich Gorguts nur nahelegen, unseren Kumpel von Invisible Oranges zu besuchen. Dort gibt es Atrophy“ aktuell komplett als Stream.

Ansonsten kann ich exemplarisch den Song „Scarred Fingertips“ auf Youtube empfehlen.

Richtig beeindruckend ist auch, wie die Band den Song „Destilled In Fire“ probt.

[rating:5]

Infos:
Willowtip Records / Hammerheart Records / 20.06.2011
8 Lieder / 43:22 Min.

http://www.myspace.com/baringteeth
http://www.baringteethmetal.com/
http://www.willowtip.com/

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