DYING FETUS – Die Re-Releases

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Von Veranstalter- und Promoterseite werden irgendwelchen Bands ja immer gerne „nackenbrechende“, „vernichtende“ oder ähnliche Live-Qualitäten nachgesagt. Eine der Bands, auf die das auch tatsächlich zutrifft, ist auf jeden Fall DYING FETUS, die ja in den letzten Jahren fleißig auf Tour waren und dabei immer wieder beeindruckende Auftritte hingelegt haben, zum Beispiel 2007 beim Party.San, als sie selbst den strömenden Regen für eine Zeit lang vergessen ließen. Bemerkenswert dabei finde ich ja immer wieder, wie die Bandmitglieder ganz cool wie angewurzelt auf der Bühne stehen, während sie ein gnadenloses musikalisches Inferno entfesseln.

Zugegebenermaßen bin ich leider sehr spät auf diese Band gestoßen, so daß ich die allerersten Veröffentlichungen bisher nicht kannte (bis auf das, was sie davon so live spielen). Da trifft es sich gut, dass Relapse vor kurzem diese ersten Releases mit zusätzlichen Bonustracks versehen wiederveröffentlicht hat. Diese vier MP3-Promos gründlich durchzuhören braucht erst mal seine Zeit, aber jetzt ist es geschafft – hier mein Senf dazu:

Infatuation with Malevolence (1995)

Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich eigentlich nicht um ein „richtiges“ Album, sondern um eine Zusammenstellung der beiden DYING FETUS-Demos „Bathe in Entrails“ und „Infatuation with Malevolence“ von 1993 bzw. 1994. Ganz zu Anfang fällt schon ein großer Schwachpunkt dieser Veröffentlichung auf: Der Sound ist wirklich bescheiden – der Bass ist im Mix zu laut und dröhnt gewaltig aus den Boxen und deckt dabei eine Menge zu. Das schreckt erst mal ab, von Hörgenuß kann nicht unbedingt die Rede sein. Glücklicherweise betrifft das hauptsächlich die erste Hälfte dieser CD, die die Songs des zweiten Demos „Infatuation with Malevolence“ enthält, während der zweite Teil mit den Songs des ersten Demos „Bathe in Entrails“ besser abgemischt ist.
Bereits bei diesen ersten Veröffentlichungen ist der typische DYING FETUS-Stil zu hören: hauptsächlich wird mit wuchtigen, leicht groovenden Mid-Tempo-Passagen alles niedergewalzt, das Tempo wird aber durchaus immer mal wieder angezogen. Diese Tempovariationen und Songstrukturen erinnern des öfteren an die Kollegen von Suffocation. Der Gesangsstil reicht von gelegentlichen Grindcore-artigem Kreischen über Krümelmonster-Growls bis hin zu abgrundtiefem Gegurgel. Gut zu hören ist diese Variabilität beim Titeltrack des ersten Demos, „Bathe in Entrails“ – noch mit dem nach der Aufnahme dieses Demos aus der Band ausgeschiedenen Lead-Sänger Nick Speleos.
Der Gesamteindruck dieses Re-Releases ist eher etwas durchwachsen: Warum ich an der ersten Hälfte wenig Spaß habe, habe ich schon erwähnt, auch im zweiten Teil gibt es schwächere Songs wie „Vomiting The Fetal Embryo“ (gar nicht zu reden vom völlig überflüssigen „Visualize Permanent Damnation„, der nur aus einem einminütigen Gitarrensolo besteht). Aber wenn dann mal alles passt, hauen die Jungs mit „Grotesque Impalement“ einen brutalen Killersong raus, der live heutzutage immer noch für blutige Nasen im Moshpit sorgt.
Dennoch: Diese Compilation ist eher für die Die-Hard-Fans von DYING FETUS interessant – die besten Songs tauchen nämlich auf den regulären Alben noch mal auf. Wer die schon hat, braucht dieses Rerelease nicht unbedingt.
Ein Kaufanreiz könnten vielleicht die Bonustracks sein: Da wären erst ein mal die Liveaufnahmen dreier Songs („Intentional Manslaughter„, „Kill Your Mother, Rape Your Dog„, „Skull Fucked„) von einem Auftritt in Herbolzheim 1998. Dort stört etwas die recht laut im Vordergrund zu hörende Snare, ansonsten durchaus gelungen. Darauf folgt noch ein „Rehearsal Demo“ von „Nocturnal Crucifixion“ – in dieser Version klingt der Song ein ganzes Stück roher und gewinnt dadurch eine angenehme Old-School-Räudigkeit. Das abschließende „Studio Demo“ von „Purged of My Worldly Being“ ist dagegen weniger interessant, die Unterschiede zur Originalaufnahme scheinen mir nicht besonders groß zu sein.
16 Lieder / 61:52 Min. / 18.01.2011 (Re-Release)

Purification Through Violence (1996)

Dieses Album bereitete mir von allen Rereleases am meisten Probleme beim Schreiben – der Grund: mal gefällt es mir besser, mal weniger gut, je nach Tagesform und Vergleichsmaßstab. Ein ordentlicher Verriss schreibt sich ja wie von selbst, und Lobeshymnen sind auch schnell getippt. Für dieses reguläre Debüt-Album ist allerdings keines von beidem komplett angemessen, das erfordert etwas mehr Aufwand beim Hören und Beurteilen.
Beim ersten Anspielen stellt sich erst Mal Erleichterung ein: Ein halbwegs vernünftiger Sound! Im Vergleich zu „Infatuation with Malevolence“ ein riesiger Fortschritt, im direkten Vergleich mit späteren Alben zeigt sich die Aufnahme aber trotz der Überarbeitung immer noch relativ ungeschliffen. Besonders die Gitarren klingen immer noch ein bisschen nach rohem Underground-Krach und klingen bei den schnellen Parts weniger nach technischem Death Metal als nach Grindcore-Gesäge. Daneben gibt es natürlich noch die DYING FETUS-typische Groove-Walzen, die schon auf der Demo-Compilation zu hören waren. Gerade diese Abschnitte sind ordentlich heavy und gut gelungen, heutzutage würde man das wohl als Slam Death bezeichnen.
Erfreulicherweise gibt es beim Gesang kaum solche Anleihen beim Tierreich, wie sie bei Brutal/Slam Death Metal Mode sind – die Frösche und Schweine dürfen zuhause bleiben, stattdessen sind die bewährten derben Growls von John Gallagher zu hören. Negativ fällt mir dagegen das Drumming auf: Vor allem bei den schnelleren Parts fehlt mir der letzte Kick, der die Musik vorantreibt, wie das bei den späteren Veröffentlichungen der Fall ist. Stattdessen macht der Drummer eher den Eindruck, relativ unbeteiligt nebenher zu hoppeln.
Insgesamt ist das ein schön brutales Album mit deutlichen Grind-Einflüssen, nicht schlecht und für Fans dieses Stils sicherlich kein Fehlkauf, aber es kommt eben nicht an die späteren Werke heran. Mit den Bonustracks geizt Relapse hier, es gibt nur ein „Rehearsal Demo“ von „Beaten Into Submission“ und eine Live-Aufnahme von „Raped On The Altar„. Hier gilt so ziemlich das gleiche wie für die Bonus-Tracks der „Infatuation with Malevolence„-Compilation: Die Demo-Aufnahme aus dem Proberaum ist noch ein Stück roher als das „Original“, aber das passt eigentlich ganz gut. Und der Live-Track stammt vom selben Auftritt wie die Bonus-Tracks der „Infatuation with Malevolence„, für diesen gilt entsprechend: Zwar kein perfekter Sound, aber trotzdem eine interessante Aufnahme.
10 Lieder / 35:16 Min. / 18.01.2011 (Re-Release)

Killing on Adrenaline (1998)

Dieses Zweitwerk stellt in allen Punkten eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorgänger dar.
Der Sound ist glasklar und gleichzeitig druckvoll, so dass die reichlich vorhandenen technischen Elemente gut zur Geltung kommen und gleichzeitig ordentlich Dampf dahinter ist. Jawoll, technische Elemente gibt es mehr als zuvor, das häufig so beliebte Motto „stumpf ist trumpf“ ist endgültig out. Trotzdem ist die Band nicht plötzlich zu einer Tech-Death-Band mutiert, der Fokus bleibt immer auf das brutale Geprügel gerichtet. Und auch in dieser Hinsicht haben DYING FETUS einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht, besonders durch den kurz zuvor zur Band gestoßenen neuen Drummer Kevin Talley. Das Schlagzeugspiel zeigt sich geradezu auffallend verbessert und peitscht den Rest der Band gnadenlos voran. Der Gesang wirkt durch die häufige zweistimmige Kombination von Growls und Grind-artigen Shouts noch fieser und aggressiver. Das sind keine radikalen Änderungen gegenüber den Vorgängern, aber eben die entscheidenden, um die Musik auf ein neues Level zu heben: Von „ganz OK“ auf „geiles Gemetzel“. Man kann auch sagen: Dieses Album markiert den Beginn von DYING FETUS‚ Blütezeit. Oder kurz: Ich kann das jedem empfehlen, der auf brutalen Death Metal steht. Ach ja, die Bonus-Tracks: wie gehabt findet sich eine Demo-Aufnahme aus dem Proberaum (diesmal von „Fornication Terrorists„) und eine Live-Aufnahme („Judgement Day„) vom bereits bekannten Auftritt in Herbolzheim. Wie zuvor: recht brauchbar, aber nicht essentiell.
10 Lieder / 42:29 Min. / 01.03.2011 (Re-Release)

Grotesque Impalement (2000)

Bei dieser EP handelt es sich um einen Gemischtwarenladen, oder man könnte auch weniger freundlich sagen: Resteverwertung. Veröffentlich wurde sie nach „Killing on Adrenaline“ und vor „Destroy the Opposition„. Da es sich bei diesen Alben um die besten DYING FETUS-Veröffentlichungen mit dem besten Lineup handelt, kann man auch von dieser EP einiges erwarten.
Diese Erwartungen werden zumindest von den „echten“ DYING FETUS-Songs, von denen es nur zwei Stück auf die ursprüngliche Veröffentlichung geschafft haben, auch erfüllt. Bei diesen zwei Songs handelt es sich um überarbeitete Versionen von „Grotesque Impalement“ und „Tearing Inside The Womb“ vom „Bathe In Entrails„-Demo. Diese beiden gehörten schon zu den besten Tracks der „Infatuation with Malevolence„-Compilation, die neuen Aufnahmen mit der damals aktuellen Bandbesetzung machen daraus zwei echte gnadenlos brutale Killer-Songs.
Dann gibt es noch zwei Cover-Versionen: „Streaks of Blood„, im Original von der USDM-Band Baphomet beginnt mit schön morbiden Old-School-Riffs, bevor er dann zum typischen DYING FETUS-Geballer übergeht. „Bringing Back the Glory„, ursprünglich von der Hardcore-Band Next Step Up, gibt der Band Gelegenheit, mal die Hardcore-Einflüsse, die in der Musik von DYING FETUS ja immer so ein bisschen mit drinstecken, mal in den Vordergrund zu stellen. Diese beiden Cover sind ganz interessant, weil sie die Band mal von einer anderen Seite zeigen.
Von einer anderen Seite zeigt sich die Band auch in den zwei letzten Tracks der regulären Veröffentlichung – leider von keiner sehr guten, denn diese beiden Titel fallen doch eher in die Rubrik „sinnloser Schwachsinn“. „Final Scream (Prelude to Evil: Davey’s Nightmare)“ ist nur ein Kurz-Hörspiel, unterlegt mit sparsamen Soundeffekten. „Hail Mighty North / Forest Trolls Of Satan (Anno Clitoris 666 Opus II)“ parodiert zwar im Titel eindeutig die typischen Black-Metal-Klischees, ist musikalisch aber eher dem Glam Rock zuzuordnen (bis auf die Vocals). DYING FETUS goes Mötley Crüe – furchtbar.
Auf dem Rerelease gibt es dann noch drei Bonus-Tracks. Mit „Reduced To Slavery“ ist ein bisher unveröffentlichter Song – typisch DYING FETUS und gut gelungen. Die Live-Version von „Purged of my Worldly Being“ stammt hier mal nicht von dem mittlerweile bekannten 98er-Auftritt, sondern von einer anderen Show aus dem Jahr 1999 (leider lässt sich der elektronischen Promo-Version von Relapse nicht entnehmen, wo dieser stattfand). Der Sound ist nochmal eine deutliche Verbesserung gegenüber den Live-Bonustracks auf den anderen Re-Releases, damit ist das eine super Liveaufnahme. Das abschliessende „Dumpster Love“ ist dann wieder ein nicht so ganz ernstzunehmender Track, das ist nämlich wieder die DYING FETUS-Version eines Glam Sleaze-Songs. War es unbedingt nötig, diesen Scherz zu wiederholen?
Es sind zwar sehr starke Songs auf dieser CD enthalten, da aber doch auch einiges an Füllmaterial dabei ist, würde ich hier nur eine bedingte Empfehlung aussprechen – wen die „Spaß-Songs“ nicht stören, der kann hier sicherlich zugreifen.
9 Lieder / 31:52 Min. / 01.03.2011 (Re-Release)

Fazit
Wie immer bei Re-Releases stellt sich die Frage, ob der Kauf für Besitzer der ursprünglichen Veröffentlichungen ratsam ist. Das Bonusmaterial ist zwar gut, alleine dafür lohnt sich der Kauf meiner Meinung nach aber nicht unbedingt.

Wer dagegen noch kein DYING FETUS-Album sein Eigen nennt, der sollte unbedingt bei „Killing on Adrenaline“ zuschlagen, diese Scheibe ist zu Recht ein Klassiker. „Infatuation with Malevolence“ andererseits dürfte eher nur für die beinharten DYING FETUS-Fans interessant sein, die wirklich alles haben müssen. Die anderen beiden Rereleases liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.