Obscura – Omnivium

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Zwei Jahre nach ihrem beachtlichen Zweitwerk melden sich OBSCURA mit „Omnivium“ wieder zurück. „Cosmogenesis“ konnte die Band um Steffen Kummerer schon deutlich in der Königsklasse des technischen Death Metals platzieren. Und dank intensiver Touren konnte die Band ihren Namen bekannt machen. Umso erstaunlicher ist es dann, dass nebenher ein unglaublich abwechslungsreiches und vielschichtiges neues Album komponiert und eingespielt wurde. Tja, hier haben Necrophagist wohl verschlafen und sich zu sehr auf „Epitaph“ und seinen Lorbeeren ausgeruht! Die beiden ex-Necros Hannes Grossmann (Drums) und Christian Muenzner (Gitarre) können sich bei OBSCURA auch etwas mehr austoben. Zusammen mit Jeroen Paul Thesseling (Pestilence) am sechssaitigen Fretlessbass machen sie auf „Omnivium“ einen großen Schritt. Sowohl für die Band selber, denn bekanntlich markiert das dritte Album einen wichtigen Meilenstein in der Bandgeschichte. Und zum anderen setzt es auch neues Maßstäbe für technisch-progressiven Death Metal.

OBSCURA sind richtig mutig. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen und eine „Cosmogenesis„-Kopie abzuliefern, streben sie nach neuen Ufern, frischen Einflüssen und ebenso deutlichen Ehrerbietungen vor alten Helden. Natürlich schwebt über den gesamten 55 Minuten immer der Geist von Chuck Schuldiner und seiner bahnbrechenden Gitarrenarbeit für Death. Ein Einfluss, den OBSCURA wohl weder leugnen, noch jemals wieder ablegen kann oder wird. Doch wenn einer die Kreativität und Virtuosität hat, um die legitime Nachfolge der legendären Death anzutreten, dann sind das Decrepit Birth oder eben OBSCURA. Beide Bands interpretieren ihr Erbe nur auf etwas unterschiedliche Art und Weise. Matt Sotelo spielt mit Decrepit Birth wesentlich brutaler und vergleichsweise direkter als OBSCURA. Dafür bringt Steffen Kummerer wesentlich mehr andere Einflüsse mit. Beispielsweise klingt das Intro von „Septuagint“ für mich ein wenig nach Metallica zu „Master Of Puppets„. Und der Einfluss von Morbid Angel und deren „God Of Emptiness“ auf „Ocean Gateways“ ist wohl auch nicht zu leugnen. Gleichsam findet man auf „Omnivium“ immer noch Referenzen zu Cynic, alleine durch den wiederholten Einsatz des Vocoders und manche sehr sphärische Momente, beispielsweise in „Aevum„. Aber auch andere, sehr spacige Momente gibt es auf „Omnivium“ zu Hauf. Hier ist der Progressive (Rock/Metal) starke Inspiration gewesen und verleiht dem technischen Death Metal eine sehr verspielte und experimentierfreudige Seite.
An dieser Stelle muss ich auch betonen, dass das Coverartwork, wie auch das gesamte grafische Konzept eine wunderbare Ergänzung zur Musik darstellt! Bei so einer Augenweide beschneidet das kleine Format einer CD und der Mangel an Umverpackung bei MP3s ist schlicht eine Schande! Da freue ich mich schon richtig, wenn die Doppel-LP im schönen Gatefold endlich bei mir eintrifft!

Doch zurück zur Musik, denn da haben sich noch weitere Dejavu-Momente versteckt, klingen die kalten, doch sehr untypischen Gitarren aus „Velocity“ ein wenig nach Ideen aus dem Post-Black Metal und erinnert das angeschwärzte Riff in „Celestal Spheres“ ein wenig an Dissection – hatte da Thulcandra doch einen zu großen Einfluss auf das Songwriting? (;

Die vielzahl an Einflüssen ist ein Aspekt, der „Omnivium“ eine Weiterentwicklung von „Cosmogenesis“ werden lässt. Doch kommen dazu noch eigene, teilweise sehr experimentelle Ideen hinzu, die den direkten Einstieg in das Album nicht unbedingt einfach machen. Besagtes „Velocity“ ist dissonant, kalt und hat sehr unorthodoxe Gitarren. Auch wenn der Song sich mit jedem Hören mehr entwickelt, bezweifel ich die live-tauglichkeit der Nummer. Und auch „Prismal Dawn“ dürfte beim ersten Mal für Überraschung sorgen! Denn der Track beginnt sehr fragil, mit klarem Gesang und experimentellen Momenten. Erst im Verlauf steigert er sich zu einer typischen OBSCURA-Geschichte mit griffigen Parts und mehr Härte. Größte Herausforderung an den Fan dürfte aber „Aevum“ sein, das richtig progressiv und vertrackt ist. Derbe Blastbeats und Necrophagist-Parts treffen auf spacigen Prog und Cynic. Harter Tobak und definitiv kein Easy Listening. Aber ein Zeugnis für die Kreativität und Fähigkeit der Musiker hinter OBSCURA.

Da OBSCURA aber nicht nur mit Hirn, sondern auch Feeling an ihr Songwriting gehen, erschließt sich der Großteil von „Omnivium“ nach wenigen Rotationen. Spätestens nach dem zweiten Durchlauf knallt „Septuagint“ schon ordentlich, die Midtempo-Walze „Oceans Gateways“ frisst sich tief ins Hirn und das griffige „Celestal Spheres“ zeigt großes Hitpotential. Und einen der Songs des Jahres, der ohne Umweg direkt alles niedermäht, haben OBSCURA auch im Gepäck: Die offizielle Nachfolge des „Anticosmic Overloads“ („Cosmogenesis„) nimmt „Vortex Omnivium“ ein! Ein Hammer-Song, der jetzt schon seinen festen Platz auf meinem MP3-Player für unterwegs hat!

Ebenso wie beim Vorgänger, gibt es auch nun wieder die Möglichkeit, das Album vor dem Kauf zu hören. Dieses Mal auf der Myspace-Seite der Band. Wem „Cosmogenesis“ gefallen hat, braucht diesen Schritt aber nicht machen, sondern kann bedenkenlos zugreifen. „Omnivium“ wird in gar nicht ferner Zukunft schon als moderner Genre-Klassiker des progressive Death Metals gefeiert. Versprochen!

[rating:5.5]

Infos:
Relapse Records – 27.03.2011
CD/2LP – 9 Lieder / 54:15 Min.