Decrepit Birth – Polarity

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Ich bin mir ziemlich sicher: Diese Kritik kommt ein wenig verspätet. Denn jeder, der DECREPIT BIRTH kennt, wird „Polarity“ genau so ungeduldig erwartet haben wie ich! Und wer DECREPIT BIRTH nicht kennt, sollte sofort aufhören hier zu lesen, und sich auf der Stelle die „Diminishing Between World“ kaufen, das Teil ist definitiv eines DER Metal-Alben dieses Jahrtausends!
Doch seien wir ehrlich: Hätten wir nach „… And Time Begins“ eine solche Entwicklung erwartet? Zugegeben, das Debütalbum hat im Underground für Furore gesorgt. Es war technisch, brutal und verdammt schnell. Sonderlich griffige Songs hatten DECREPIT BIRTH aber damals nicht wirklich im Gepäck und so verschwand das erste Album meist genauso schnell aus meinem Gedächtnis, wie die CD aus meiner Anlage. Dann gab es mit „Diminishing Between Worlds“ die große Überraschung! Brutaler Death Metal im Stile von Deeds Of Flesh trifft auf die Melodik und das Songverständnis von späten Death. Ich war Baff und sicherlich nicht der einzige, der nach dem ersten Hören ein offenes Mundwerk hatte!

Nun, auf „Polarity“ geht ein wenig dieser Überraschungsmoment verloren. Wenn man böswillig sein will, kann man sagen, dass DECREPIT BIRTH das machen, was man von ihnen erwartet: sie knüpfen eigentlich nahtlos an den Vorgänger an. Doch mit jedem Durchlauf offenbaren sich neue, geschickte Details in den Songs. Lieder, die auf den ersten Eindruck wie eine wilde Ansammlung von Riffs und Teilen anmuten (z.B. „Ignite The Tesla Coil„), entwickeln sich zu ganz intelligenten, sorgsam konstruierten Kunstwerken. An vielen Stellen bringt Mastermind Matt Sotelo verdammt eigenständige Ideen in die Songs und verleiht beispielsweise „The Resonance“ eine ganz besondere Note im dichten Dschungel an täglich produzierten Death Metal Songs. Ebenso traut sich diese technische und brutale Truppe auf „Polarity“ weite Sphären und spacige Atmosphären zu erzeugen! Dabei schreckt man auch nicht vor Keyboards und dichten Gitarrenteppichen, wie man sie vielleicht aus dem Shoegaze kennt, zurück! „Solar Impulse„, das Instrumental „Sea Of Memories“ oder das kurze „A Brief Odyssey In Time“ sind so erfrischend andersartige, wie einfach geniale Songs! Letzterer erinnert mich ein wenig an Obscuras „Cosmogenesis„. Doch das kann auch nur an der ähnlich gerichteten Thematik liegen.
Denn eigentlich sind Sotelos große Einflüsse immer noch Death und im besonderen das Gitarrenspiel von Chuck Schuldiner (RIP)! An fast jeder Stelle findet man eine liebevolle Hommage, die aber nie zu einer Kopie verkommt, sonder immer auch genug eigene Ideen verarbeitet. „Mirror Dimensons“ ist hier wohl das Paradebeispiel für abgefahrene Soli!
Und um die Ehrerbietung vollends zu verdeutlichen gibt es noch „See Through Dreams“ als Coverversion. Eine sehr geile Umsetzung, so müssen Interpretationen klingen!

Wie eingehend erwähnt: DECREPIT BIRTH machen eigentlich genau das, was man nach „Diminishing Between Worlds“ von ihnen erwartet. Das mag vielleicht zunächst etwas ernüchternd sein. Doch sie machen ihre Aufgabe wiedermal verdammt gut. Und sogar so gut, dass einige innovative Ideen vielleicht nicht direkt so offensichtlich erscheinen. Wenn man sich ein klein wenig anstrengt und genau zuhört, dann steht „Polarity“ seinem Vorgänger eigentlich nur in einem Detail nach: Dem Überraschungsmoment. Dafür, und dass die Songs nicht direkt so zünden, wie auf „Diminishing Between Worlds„, ziehe ich dreist einen halben Punkt ab!

[rating:5.5]

Infos:
Nuclear Blast / Massacre – 27.07.2010
CD – 12 Lieder / 43:01 Min.