Ihsahn – After

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Vielleicht mag es mein Glück sein, dass ich mich nie sonderlich für Emperor interessiert habe – auch wenn mich sicherlich nun einige Leute gerne steinigen würden. Doch so kann ich ganz unvoreingenommen an das neue Solo-Album von ex-Emperor-Kopf IHSAHN rangeben, ohne etwaige Vergleiche anzustellen oder durch falsche Erwartungshaltungen enttäuscht zu werden. Denn wenn ich so manche Reaktionen auf die Solo-Alben des norwegischen Künstlers lese, scheinen diesen Fehler einige Kritiker begangen zu haben. Und ich sage bewusst Fehler, denn „After“ ist ein großartiges Album, das aber vom Black Metal ziemlich weit entfernt ist und mit falscher, engstirniger Herangehensweise sicherlich enttäuscht.

An dieser Stelle muss ich aber auch gestehen, dass ich nicht beim ersten Hören mit Cynics „Focus“ warm geworden bin. Meine Erwartungen an progressiven Death Metal waren wohl damals eine Nummer zu engstirnig auf selbstverliebtes Gefrickel in ungeahnten Geschwindigkeiten. Doch mit der Zeit habe ich auch die Qualitäten des Albums erkannt. Und nun schließt sich der Kreis bei „After„. Der Vergleich zu Cynic ist sicherlich mehr als gerechtfertigt, denn an vielen Stellen werden Parallelen und Einflüsse deutlich, die Songs sind oftmals verträumt, leicht verschachtelt, progressiv und klanglich verdammt dicht. An einigen Stellen mag der Hörer vielleicht, wie ich anfangs mit der „Focus“ einige Durchläufe brauchen, bis die Lieder zünden. An anderen Stellen erschafft IHSAHN aber verdammt griffige Themen und Elemente, die sofort zünden und einen hohen Wiedererkennungswert und diesem anspruchsvollen Meisterwerk erschaffen. So ist das anfänglich sehr ruhige „After“ sehr catchy, „Under Current“ klingt beinahe fragil und kann dennoch mit coolen Bassläufen und einer kontrastreichen Steigerung das Interesse des Hörers ergreifen und halten.
Generell sind die Kontraste auf „After“ ziemlich krass! Von ruhigen, fast schon jazzigen Nummern, die leicht und verträumt wirken bis hin zu absoluten Blastbeat-Attacken in „A Grave Inversed“ bietet das Album eine weite Palette an Klangfarben und dynamischen Extravaganzen. Neben den richtig virtuosen Saiten-Instrumenten und wohl dosierten Keyboard/Orgel-Einlagen besticht das dritte Post-Emperor-Album aber vor allen Dingen mit dem geilen Saxophon von Jorgen Munkeby! So klingt das verrückt rasende, wilde „A Grave Inversed“ schon sehr nach Naked City und „On The Shores“ gewinnt durch die verrückten Leads und Soli aus dem Blasinstrument nur an Atmosphäre und Tiefe!

Für den Leser dieses Magazins kann „After“ harte Kost sein. Auch wenn das Album die notwendige Härte besitzt, um für den Extrem-Metaller interessant zu sein, gibt es mindestens eben so viele zerbrechliche Teile, die dem bösen Buben sauer aufstoßen könnten. Doch wer sich aus einer engstirnigen Denkweise befreit, offen für verrückte und avantgardistische Ideen ist, bekommt ein intelligentes Album mit Tiefgang, dass dennoch nicht vergisst, dass die Songs irgendwo auch zugänglich bleiben müssen. Ein großer Wurf abseits von Konventionen und Grenzen, ein Pflichtprogramm für jeden Freund progressiver Klänge!

Keine Wertung bei diesem Blick über den Tellerrand!

Infos:
Candlelight Records – 26.01.2010
CD – 8 Lieder / 53:01 Min.