Diablo Swing Orchestra – Sing Along Songs For The Damned And Delirious

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Diablo Swing Orchestra - Sing Along Songs For The Damned And Delirious
In Schweden ist Tag der offenen Türen in allen Irrenhäusern. Die wirklich mental abgedrehtesten Gestaltern haben sich zusammengefunden um den dazugehörigen Soundtrack zu schreiben, alles unter der Dirigentschaft vom Toifel persönlich! Das Ergebnis ist das zweite Album von DIABLO SWING ORCHESTRA! Wo bereits der Vorgänger „The Butcher‘ Ballroom“ (der übrigens für Lau bei Jamendo zum Download steht) die ersten Andeutungen in das enorme Potential der Band gemacht hat, führt nun „Sing Along Songs For The Damned & Delirious“ konsequent den Weg fort, den ich mir gewünscht habe: Weniger Neo-Klassik und fast schon gezwungen wirkendes Avantgarde, weniger Sopran und mehr Mut zu wirklich abgedrehten Sachen!

So ist das zweite Album dieser extremen Kapelle griffiger und eingängiger, aber gleichzeitig auch abgedrehter und abwechslungsreicher als das schon ordentlich extraordinäre Debüt! Als Auftakt gibt es dem „Balrog Boogie„-gleich ein mächtiges Swing-Stück mit „A Tapdancer’s Dilemma„, das durch den männlichen Gesang unglaublich an verruchtem Charme gewinnt. Man könnte meinen, der Belzebob persönlich läd auf’s Parkett ein! Ergänzt durch die sehr variablen weiblichen Vocals und verdammt viele überraschende Momente bekommt der Hörer ein grobes Bild davon, was ihn in den nächsten 50 Minuten noch alles erwarten könnte – denn wirklich sicher kann man sich bei DIABLO SWING ORCHESTRA nie sein! Direkt der nächste Song ist zwar ähnlich krank und abgedreht, tauscht aber den Swing gegen einen dreckigen Tango aus, der durch geschickt schizophrene Variationen von vermeintlich bekannter Strophe und Refrain in tiefe Abgründe blicken lässt. Vertrauter ist nachfolgendes „Lucy Fears The Morning Star„, dass in ähnliche Richtung wie „The Butcher’s Ballroom“ geht, doch im letzten Drittel mit einem abgedrehten Samba-Part unweigerlich ein Eigenleben in jeden Unterleib zaubert! Härter und fast schon in Richtung diabolisches Kabarett geht „Bedlam Sticks„, bevor man sich im träumischen „New World Widows“ verlieren darf, was scheinbar der „gewöhnlichste“ und „schlechteste“ Song auf „Sing Along Songs“ ist. Doch das ist in Anbetracht des Gesamtwerkes mehr als relativ zu sehen! Nach kurzem Interlude geht es weiter in das tiefe „Vodka Inferno„, wo neben Tango auf russisch auch die obligatorische Polka nicht fehlen darf! Höhepunkt des ohnehin sehr überraschenden und intelligenten Songs ist der letzte Refrain, der auch auf russisch gesungen wird. Nach so viel exzessiver Avantgarde wirkt der Gipsy-Song „Memoirs Of A Roadkill“ schon fast straight und mit gerade mal 3,5 Minuten schon fast viel zu kurz. Doch hier liebe ich den Gesang und die exzentrischen Melodiebögen, die in nihilistischer Verzweiflung im Refrain gipfelt, die gänzlich anders als das gewohnten Post-Hardcore- und DSBM-Geschreis ist. Herrlich verzweifelte Melancholie eines Straßenopfers!
Gegen Ende von „Sing Along Songs“ könnte man meinen, dass DIABLO SWING ORCHESTRA nochmal gewissen Bands zeigen wollte, wie mann denn klingen könnte, wenn man Können und Eier hätte. So scheinen Elemente von Nightwish in „Ricarda Dell’Anima“ und auch Apokalyptica klingen in diesem Song und dem abschließenden „Stratosphere Serenade“ durch, was vornehmlich an dem geilen Einsatz des Cellos liegt. Doch anders als bei genannten Bands zeigt sich hier das Swing Orchester immer noch verrückt, eigenständig, innovativ und vor allen Dingen hart. Nicht so ein Radio-Pussy-Weichspülkram, den man nach dem Namedropping gerade vielleicht vermuten mag. Dafür wirken die Surf-Elemente aus „Ricarda Dell’Anima“ einfach zu geil nach dicker Hose, das Klarinetten-Solo zu abgedreht. Und der Rausschmeißer der Platte überzeugt auf ganzer Linie durch den Tool-ähnlichen Gesang und die recht progressive Herangehensweise, die sich gemäß dem Liedtitel in spacigen, aber dennoch metallischen Weiten verliert.

So haben DIABLO SWING ORCHESTRA etwas geschafft, was ich mir zwar gewünscht, aber nicht für möglich gehalten hätte: Aus dem eigenen Korsett mit Neo-Klassik ausbrechen und den starken Vorgänger mit links in den Schatten stellen. Die Gefühle, die „Sing Along Songs“ ausdrückt sind so umfassend, von wütend-verzweifelt bis verrucht, lebensbejahend, partylustig, die Musik einfach nur abgedreht, durchdacht und immer wieder mitreißend-überraschend. Dieses Album ist definitive Pflicht für jeden Menschen, der in der Lage ist, über seinen eigenen Schatten zu springen und sich wirklichem Wahnsinn zu öffnen! Willst du mit dem Toifel tanzen? Dann leg diese CD ein! Ich gehe nun los, kaufe mir einen Nadelstreifen-Anzug und einen Fedora. Und dann tanze ich mit meiner Katze die ganze Nacht zu „A Tapdancer’s Dilema“ und „A Rancid Romance„, bis die Nachbarin unter mir den Exzorzisten ruft…

Keine Wertung, da diese Kritik mehr als Blick über den Tellerrand zu sehen ist. Doch wenn es Punkte gäbe, dann gäbe es hier definitiv volle Punktzahl, denn das Album hat keine schwachen Momente, nur unglaublich starke Songs!

Infos:
Ascendance Records – 21.09.2009
CD – 10 Lieder / 48:17 Min.