Xerath – I

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Stellt euch vor: mathematisch begabte Musik-Theoretiker haben zu viel Zeit, Langeweile und einen Faible für harte Musik. Das Ergebnis: Sie stricken entweder vertrackte Riffs, fickenschnelle und ultrakomplexe Soli oder geben sich daran, gewohnte Taktstrukturen durch kaputte Konstruktionen wie 7/8 oder 5/4 zu entstellen. Bei Meshuggah hat dies wunderbar funktioniert und die Band hat sich eine gewisse Einzigartigkeit und eine eigene Genre-Schublade gebastelt.
Nun kommen ein paar Britten, gerade mal 23 Jahre jung, daher und stecken nochmal mehr Theorie in Form von orchestralen Elementen in die auf den ersten Anschein arhythmische Musik. „Meshuggah trifft auf Dimmu Borgir“ – umschreibt sich XERATH selber und baut sich die Stilistik „orchestral Groove Metal“.

Doch leider klappt das weder mit dem Groove noch dem Nacheifern nach Meshuggah so recht. Auf dem Debüt-Album der jungen Band, das direkt auf Candlelight Records erscheint, wirken die Songs allesamt sehr konstruiert und – so ironisch sich das bei den krummen Taktarten anhören mag – zu monoton. Ja, auch wenn eine Menge mathematischer Hirnschmalz – oder einfach der Einsatz von Programmen wie GuitarPro – hinter dem Songwriting steckt, meine ich spätestens nach dem orchestralen Instrumental „Interlude“ die meisten nachfolgenden Ideen schon mal auf der ersten Hälfte der Scheibe gehört zu haben.
Und durch das krampfhafte Suchen nach einem abartigen Rhythmus geht leider komplett der Groove verloren, den die schwedischen Vorbilder trotz der ungewöhnlichen Zählzeiten gut hin bekommen haben.

Damit XERATH nicht wie ein plumpes Rip-Off klingt, wurde die Musik – wie oben schon erwähnt – durch orchestrale Elemente angereichert, die mal mehr und mal weniger präsent in den Songs vorkommen. Dabei kommt ab und an eine gewisse Atmosphäre auf, was aber an anderer Stelle direkt wieder relativiert wird, wenn die Streicher irgendwie die Härte aus der Musik nehmen. Insgesamt werden die klassischen Instrumente aber zu sehr zum Selbstzweck eingesetzt und schaffen es nur selten, den Liedern eine eigene Note zu geben.

Weitere negative Punkte an „I“ sind zwei Gesangsstellen. Einmal der weibliche Operngesang in „Nocturnum„, der etwas deplaziert wirkt und der klare männliche Gesang in „Reform Part I„, der eigentlich nur nervend ist. Ansonsten gibt es aber das handelsübliche Gebell mit ein wenig Geschrei.
Und bei allem Können und Anspruch findet sich erstaunlicher Weise nur ein Gitarren-Solo auf der CD – das nicht mal so überzeugend ist.

Technisch und mathematisch gesehen haben die jungen Briten sicherlich einen guten Job gemacht. Ich denke, Texas Instruments und Casio werden sicherlich demnächst ein Endorsement anbieten. Doch dieser theoretische, klinische Ansatz bringt leider keinen Groove und kein Feeling in die Lieder, der künstlerische Anspruch in den Klassik-Elementen dürfte an dieser Stelle wohl die wenigsten Metalheads zum Plattenladen rennen lassen. Irgendwie bleibt an dieser Stelle weder Fleisch noch Fisch. Und wiedermal die Frage: In welche Genre-Schublade kann man Meshuggah am besten stecken? Ich weiß, eine sehr akademische, fast pedantische Frage. Ich für meinen Teil stecke mir erstmal die „Nothing“ – und zwar in meine Anlage!

[rating:3.5]

Infos:
Candlelight Records – 25.05.2009
CD – 10 Lieder / 29 Min.