Ulcerate – Die Essenz des Konformismus

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So düster, böse und dissonant das aktuelle Album von ULCERATE ist, so realistisch, bescheiden und elloquent ist Drummer Jamie Saint Merat, der bei seiner Band auch Co-Songwriter, Grafik und Layout sowie den Tonmensch macht! Das Übersetzen des Interviews war ein kleines bisschen tricky, aber ich hoffe, das Ergebnis liest sich nicht zu holprig.
Verzeiht, wenn ich die Band an manchen Stellen mit Lobeshymnen fast überschütte, aber „Everything Is Fire“ ist einfach ein ultrageiles Album, das alles niedermetzelt! Aber nun genug der (Vor-)Worte, viel Spaß beim Lesen über Metal-Klischees, Songwriting aus Sicht eines Schlagzeugers und die Arroganz der Menschheit!


ulcerate-band-promoHey Jamie! Wie geht es Dir? Danke, dass Du mir und meinem kleinen Magazin ein Interview gibst! Da es einige Veränderungen im Line-Up gab, seitdem ULCERATE Krach machen, würdest Du bitte kurz Dich und Deine Band vorstellen und kurz eure Bandgeschichte umreißen?

Klare Sache, mein Name ist Jamie Saint Merat, ich bin Co-Autor der Lieder, haue auf die Trommeln und mache den visuellen Aspekt von ULCERATE. Um sich einen kleinen Eindruck über unsere Bandgeschichte zu verschaffen ist der beste Weg wohl unsere Band-Sektion auf unserer Homepage: http://www.ulcerate-official.com/html/band.php

Im letzten Jahr haben wir unser Line-Up wieder drastisch verändert, wir haben einen neuen Gitarristen bekommen, Oli Goater (wirklich sein Nachname!) und Paul hat die Vocals für Ben wie auch den Bass übernommen. Diese Änderungen haben uns tighter gemacht und wir können uns nun schneller in die richtige Richtung entwickeln.

Wenn ich das richtig sehe, bist Du der Mastermind hinter ULCERATE: Du hast das Mixing, Engeneering, Mastering, Artwork und Layout für die Band gemacht und auch teilweise die Lieder geschrieben – Wow, das ist ein ordentlicher Berg Arbeit! Besonders da das Erschaffen von visueller und akustischer Komponente einer Band zwei verschiedene Welten sind – meiner Meinung nach. Machst du eine Sache davon beruflich, oder sind beides mehr oder minder deine Hobbys? Spielst Du noch andere Instrumente außer Schlagzeug? Oder wie machst Du das Songwriting?

Also Mastermind bin ich nicht, die Musik ist jeweils zur Hälfte die Arbeit von Gitarrist Mike H und mir. Besonders das letzte Album wurde von Anfang bis Ende von uns beiden in einem Raum geschrieben. Wir haben uns unsere Ideen gegenseitig um die Ohren gehämmert, sowohl melodisch, wie auch perkussiv. Und natürlich wurden die Texte alle von Paul beigesteuert. Also kann ich nicht all die Blumen alleine kassieren.
Aber ja, ich spiele Gitarre (oder richtiger: Ich kann Gitarre spielen, habe aber keine Zeit dazu) und habe dadurch ein gutes Verständnis, was melodisch und harmonisch geht, und was nicht. Wir haben das Vokabular für ULCERATE zwischen mir und Mike die letzten 9 Jahre entwickelt, alles in guter Zusammenarbeit. Und ich muss betonen, dass das Songwriting auch aus dem Schlagzeug hervorgeht. Viele Teile kamen aus perkussiven Ideen und es ist eine Kunst für sich, Drum-Linien nicht nur als taktgebendes Element zu schreiben.

Was den professionellen Aspekt meines Schaffens angeht: Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit dem Designen und Schreiben von Webseiten. Ich habe einen Abschluss in visuellen Künsten und Mike H und ich machen hier und da schon mal das Mixing und Engeneering für andere Bandprojekte.

Wenn man die Cover-Artworks des Death Metal über die letzten 20 Jahre in Betracht zieht, scheint es für viele Künstler nur zwei Wege zu geben, um Dunkelheit bildlich darzustellen: Totenschädel und sakrale Symbole wie fallende Engel, Teufelsstatuen und so weiter. Selbst der Großmeister Dan Seagrave bedient sich an Schädeln und Fantasy-Zeug für seine unglaublichen Arbeiten (Als ich diesen Satz geschrieben habe, habe ich noch nicht seine schreckliche Arbeit für das kommende CONSPIRACY-Album gesehen… – Anm. d. Verf.). Aber Du hast nicht irgendein Klischee (miss-)braucht, sondern deinen eigenen Stil für das Artwork zu „Everything Is Fire“ verwendet! Es ist düster, dreckig, ohne in diesen modernen Grunge-Style zu verfallen, und sehr individuell. Ich weiß nicht warum, aber mich erinnert das Cover irgendwie an den Film „Silent Hill“ und ich sehe gewisse Parallelen zwischen dem Titelbild von „Of Fracture And Failure“ und den Kreaturen von H.P. Lovecraft. Was ist Deine Inspiration und was willst Du mit Deinen Bilder ausdrücken?

Du hast 100%-ig Recht! Ich bin dieser ausgelutschte, wiedergekäuten Kunst überdrüssig – egal ob nun Musik, Kunst oder Lyrik. Ich kann ehrlich nicht verstehen, wie sich manche Leute mit dieser gleichen, erprobten Formel eines Schädels / Dämons in irgend einer Form für ein Cover / Konzept zufrieden geben! Für eine Bewegung, die sich selber als „extrem“ ansieht und gegen die Herdenmentalität ausspricht, ist das schon eine übergreifende Plage an Hipster/Szene „Follow-The-Leader“-Mist. Wenn überhaupt würde ich den Status der so-genannten Underground-Bewegung als Essenz des Konformismus einordnen.

ulcerate-of-fractures-and-failureWas nun meinen Stil angeht: Ich bin mir nicht mal so sicher, ob das nun so individuell ist. Ich versuche mit meinen Bildern keinen Grenzen zu durchbrechen (ich sehe mich nicht mal als Künstler). Ich bin von Herzen ein visueller Designer. Die Kunst, die ich erstelle, läuft Hand in Hand mit dem, was ich sehe, wenn wir unsere Lieder schreiben. Also würde ich es eher Illustration nennen. Es umfasst die Musik und die Arbeiten an den Texten zu einem ganzheitlichen Angriff.
Als Inspiration habe ich kürzlich Künstler für mich entdeckt, die außergewöhnlich schöne und fast minimalistische Kunst mit Farbe machen. Stephen Kasner kommt mir als ein großer Favorit von mir in den Sinn.
Ich arbeite nur digital, aber wenn ich etwas nicht mag, dann ist das dieser „Photoshop-Look“, der momentan so populär ist (das, was Du als Grunge-Style angeführt hast). Ich sehe mich eher als Arme-Leute-Maler, haha! So, als würde ich das Anbringen von Farbe digital emulieren, aber mit diesem unvermeidbaren, „cleanen“ und digitalem Feeling.

Neben dem Cover folgen auch eure Homepage, euer MySpace-Profil und sogar eure Bandfotos einem gewissen ästhetischen Aspekt. Ich mag eure Studio-Impressionen und eure Bandbilder. Da gibt es nicht das Klischee des „Bad-Guy of Heavy Metal“. Die Elemente der Nacht und dieser industriellen Landschaft, Beton und Straßen hinterlassen eine sehr depressive Stimmung. Was war eure Intention bei diesen Nicht-So-Metal-Bildern?

Nun ich mache soweit möglich alle visuellen Aspekte für die Band. Also ist da ein gewisse durchgängige Ästhetik durch alle Bestandteile. Und nochmal: Wir sind in allen Belangen nicht halbherzig, sondern wir haben sehr ernste Absichten hinter unserem Tun. Wir wollen Musik machen, die Leute bewegt. Obwohl wir ziemliche Schwachköpfe sind, wenn wir nicht über ULCERATE denken, haha!

Metal ist Metal. Und es gibt Gründe, warum wir uns von dem Stil von Anfang an angezogen fühlten. Es ist nicht so, dass wir uns von allem distanzieren wollen, worauf dieses Genre begründet wurde. Es ist nur… Alles ist so ausgelutscht! Das Bad-Ass-Zeug wurde schon so oft verwendet und meistens sind die Metal-Bad-Asses die Leute, die in der Schule dafür ausgelacht wurden, dass sie Dungeons’n Dragons gemocht haben. Die Musik und das Posieren gehen zwar offensichtlich Hand in Hand, aber es hat sich für uns irgendwie gestellt angefühlt. Darum machen wir das nicht.
Und: Yeah, wir wollten diese depressive, ausgebleichte Atmosphäre, weil es wunderbar die Musik ergänzt! Das ganze Paket muss zusammenpassen.

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Soweit ich erkennen kann, sind eure Texte ziemlich nihilistisch. Kannst Du mir was über eure Inspiration zu euren Texten sagen? Seid ihr wirklich von der Menschheit so angepisst? Ist die Musik ein Ventil für euren Hass? Verbreitet Ihr eine Nachricht? Oder erzählt ihr einfach nur Geschichten?

Eines vorweg: Ich spiele nicht diese „Wir hassen die Menschheit, alle sollen sterben“-Karte! Wie gesagt, das ist dieses metal-typische Posieren. Wir „hassen“ nicht irgendwas. Dieses Wort „Hass“ wird unglaublich inflationär verwendet. Aber wir sind verdammt aggressiv im musikalischen Aspekt, also brauchen wir auch entsprechend aggressiven Gesang. Um um wirklich aggressiven Gesang zu erzeugen, müssen unsere Texte von Themen handeln, die gewisse Gefühle und Frustration beschreiben.

Das Thema des Albums „Everything Is Fire“ basiert auf dem griechischen Philosophen Heraklit. Grob Umrissen geht seine Idee mehr um konstante Veränderung als um pures Chaos. Jeder Faktor unserer Umgebung (gesellschaftlich, politisch, sozial, etc.) überflutet uns mit so schnellen und brutalen Wahrheiten und wir alle durchleben verschiedene große Paradigmen in unserer Lebenszeit.
Also ist die Idee, die wir als Konzept adaptieren, dass die Menschheit nicht in der Lage ist zu Rationalisieren und die Gründe dafür. Jeder zweite menschliche Konflikt dreht sich um uns selber oder unsere weiter gesteckte Umwelt, nur weil wir als Spezies uns widersetzen alle Seiten einer Geschichte zu betrachten oder unseren Sinn für Empathie zu benutzen.
Also ja, es gibt wirklich ein paar Anlehnungen an den Nihilismus („We Are Nil“), aber wenn man es objektiver betrachtet, ist es eher eine Kritik an der Arroganz der Menschheit. Wenn wir vollends den Nihilismus akzeptieren würden, würden wir in erster Linie das verlieren, was für uns das Mensch-sein bedeutet. Wir würden alles verlieren, was wir genießen. Und so sehr irgendjemand am Ende eines Tages auch sagen kann „Fuck Menschheit!“, so sehr sind wir auch viel zu selbstgefällig in dem, zu dem wir uns entwickelt haben – Menschen nehmen selbst unsere eigene Existenz für selbstverständlich!

Musikalisch höre ich eine Menge Einflüsse von GORGUTS und IMMOLATION. Aber neben diesen atmosphärischen, dissonanten und technischen Aspekten sind auch ein paar Einflüsse aus dem Post-Hardcore, Doom und Sludge bei euch zu finden. Manchmal spielt ihr ein Riff so oft, dass es noch zermahlender ist, als die Tonfolge alleine! Außerdem arbeitet ihr mit starken Kontrasten in der Dynamik. Manche Teile wirken fragil und fast ruhig. Und nur Sekunden später überrennt einen eine Wand aus dissonantem Krach, die einem fast das Genick bricht. Woher nehmt ihr eure Einflüsse für eure weitgesteckten Elemente?

Ja, die beiden genannten Bands sind sicherlich ein unzweifelhafter Einfluss auf uns, zumal sie absolut fähig sind, dem Hörer total zu zermahlen. Sie stehen weit über den meisten Death Metal Bands, da sie sich nicht nur auf Tempo und diesen „Wow-Faktor“ verlassen. Das meiste ihres komplett mitreißenden Materials ist langsamer und Nahe am Groove. Für die Dynamiken haben wir reichlich Einflüsse außerhalb des Genres. Wir lieben Bands wie BOHREN AND THE CLUB OF GORE, JAKOB, JESU, SIGOR ROS. Bands, die diese hart/weich Sache wunderbar drauf haben, CULT OF LUNA, ISIS, NEUROSIS, MOUTH OF THE ARCHITECT sind auf jeden Fall eine Erwähnung wert, aber ich denke nicht, dass wir eine Menge Elemente von diesen Jungs übernommen haben, wir sind nur Fans. Und ich denke, wir werden langsam zu einer Vergleichsband zu DEATHSPELL OMEGA, was wohl ziemlich großartig ist, wie ich finde. Aber wir haben eigentlich nie aktiv versucht diesen „Deathspell“ in unsere Lieder zu bekommen. Dennoch ist ihr Material verdammt solides Gold!

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Wie oben erwähnt sind da sehr viele Elemente in eurer Musik: leise, fragile Teile, Krach, Terror und verdammt brutale Breaks. Eure Lieder sind ziemlich düster und böse. Ist das ein Problem, wenn ihr live spielt? Ich meine, die meisten Leute wollen auf Konzerten Spaß haben, Bier trinken und ein wenig rummoshen. Nur wenn eine Band zu technisch, dissonant und düster ist, leidet entweder die Atmosphäre in den Lieder oder im Publikum… Oder liege ich da falsch und eure Musik wirkt live genau so gut, wie auf CD?

Ich würde schon sagen, dass wir live einen guten Job abliefern – wir bekommen immer eine Menge gutes Feedback zu unseren Auftritten. Es ist cool, wenn Leute Party machen wollen und sich zu ihren Lieblingsbands verausgaben wollen. Aber wir fordern die volle Aufmerksamkeit des Publikums! Für jede Mosh-Band da draußen muss es auch eine Band geben, die Leute einfach nur gerne ansehen und anhören wollen. Meine besten Konzerte waren diejenigen, wo ich total von den Musikern und der Musik gebannt war und alles auf all meine Sinne übergegriffen hat. Killer! Also versuchen wir das auch irgendwie hinzubekommen. Außerdem denke ich gar nicht, dass wir so dissonant und rau sind. Wir verbringen viel Zeit damit sicherzustellen, dass alles im Fluss ist und es – meistens – auch Spaß macht zu zuhören.

Ich kenne euer erstes Album „Of Fracture And Failure“ noch nicht. Also hast Du nun die Gelegenheit etwas Werbung für die Scheibe zu machen und mich zu überzeugen, haha! Sind da viele Unterschiede und Verbesserungen von eurer ersten Platte zu eurem aktuellen Album? Wenn ich „Everything Is Fire“ total liebe, sollte ich mir auch euer Debüt kaufen?

Nunja, „Of Fractures And Failures“ ist in etwa in der gleichen Richtung. Etwas weniger Dynamik und für die meisten Teile wesentlich mehr übertrieben in den Aspekten der linearen Song-Strukturen. Es ist ziemlich „ruthless Listening“, es gibt kaum Verschnaufpausen. Wir wollten wirklich eine klaustrophobische Stimmung festhalten. Aber die späteren Stücke, die wir für das Album geschrieben haben („Defaeco“,“Martyr of the Soil“) könnten ebenso gut auf „Everything Is Fire“ passen. Insgesamt denke ich, dass das Album ein guter Übergang zwischen unseren Demos und dem ist, was wir heute sind. Mit vielen Experimenten in Rhythmik und Struktur. Immer noch leicht dissonant und für mich der erste Klumpen Material, dass sich so an fühlt, als ob es „unser“ Sound wäre!

Wie würdest Du den Stil von ULCERATE beschreiben? Einfach „dark Death Metal“? Ich meine, „dark […] Metal“ hat schon eine fahlen Beigeschmack bei mir…

Nun, wenn ich jemals diese Phrase in der Vergangenheit benutzt habe, dann nur, um in etwa zu umschreiben, was wir machen. Aber es beschreibt nicht in vollem Maße das, was wir machen. Diese Schublade passt eher zu Bands wie INCANTATION oder DEAD CONGREGATION. Ich hasse aber dieses Schubladendenken, man endet immer darin neue Scheißphrasen zu erfinden, mit denen man versucht alle Aspekte zu beschreiben. Ich habe uns gerade mit dem Schlagwort „unorthodoxer Death Metal“ versehen. Das muss reichen, haha!

Neben den bekannten „dark Death Metal“ Bands GORGUTS und IMMOLATION, welche Botschafter der totalen Dunkelheit kannst Du unseren Lesern empfehlen? Gibt es da vielleicht ein paar kleine Untergrund-Perlen?

Die zuvor erwähnten DEATHSPELL OMEGA sind ein Muss! Genau wie BOHREN AND THE CLUB OF GORE. Ansonsten unsere Freunde THE AMENTA, GLORIOR BELLI, EXMORTEM, DEAD CONGREGATION, DIOCLETIAN, CREEPING, PORTAL und MONOLITH (Ex-Ulcerate Gitarrist Mike Rothwell).

Jamie, nochmal vielen Dank für deine Zeit und deine Antworten! Und nochmal mehr Dank für dieses unglaubliche Album „Everything Is Fire“! Es ist wirklich ein intelligenter Klassiker in eurem Genre, egal, wie Du es nun nennen willst, haha! Entschuldigung, dass dieses Interview nicht so lang ausgefallen ist, wie Deine Band es verdient hätte. Aber ich erhoffe euch dennoch etwas Werbung und Aufmerksamkeit von interessierten Ohren dadurch. Die letzten Worte sind die Deinen, nutze sie weise, haha!

Danke vielmals Christian für Deine Mühen! Ich bin froh, dass Du unsere Arbeit magst! Alles was ich sagen kann ist: Wenn Ihr auf Death Metal mit Atmosphäre steht, solltet Ihr uns mal antesten!

Cheers, Jamie | Ulcerate


Interview: Chris (Necroslaughter) / Jamie Saint Merat (Drums @ Ulcerate) · 22.03.2009/30.03.2009

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