Irate Architect – Mittelaltermetal oder sonstige geistige Umnachtungen

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Die Hamburger IRATE ARCHITECT haben mich mit ihrem Debütalbum „Visitors“ voll und ganz überzeugen können! Für mich ist das gut 40 Minuten lange Teil jetzt schon ein intelligenter Genre-Klassiker im sonst doch recht stumpfen Death-Grind-Sumpf. Da musste ich direkt mal eine eMail an Sänger Christoph schicken, der mir auch bereitwillig ein paar Antworten zurückgeschickt hat. Viel Spaß beim Lesen!


Hallo Christoph! Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten! Willst Du Dich und Deine Band erstmal unseren Lesern vorstellen?

ia__christoph1IRATE ARCHITECT erhebt die Stimme weit lauter, als die ständige Tragikkomödie des Erdentheaters und beginnt zu erzählen…

Alles begann 2003, als sich Jens Ballaschke (Gitarre) und Philipp Pfeiffer (Drums) für einen Song zusammen im Proberaum einschlossen. Nach der Session stand fest, das dies erst der Beginn einer musikalischen und persönlichen Freundschaft sein sollte. Später kam Asgard Niels (Ex-Bass) dazu, der wiederum mich mit in die musikalische Vorhölle nahm. IRATE ARCHITECT wurde geboren.

So prügelten wir uns zusammen durch die Lande, die EP „Born Blood Portrait“ (2005), sowie die Debüt CD „Visitors“. 2007 trennten wir uns von Asgard. Unser neuer Mann am Tieftöner ist seit Anfang 2008 Kai Schweers (Ex-Embedded).

Darf ich erwähnen, dass IRATE ARCHITECT ein saugeiler Name ist? Weg von Leichenfick, Fäkalien und sonstigen Death-Grind-Klischees, richtig originell! Wie seid ihr auf den Namen gekommen?

Jeder von uns kam mit einem Haufen voller Namensideen an. Da wir jedoch nicht auf einen Nenner kamen, nahmen wir den Arbeitstitel eines Musikprojektes von Jens, der da lautete: IRATE ARCHITECT.
Mittlerweile kann sich keiner von uns einen geileren und passenderen Namen mehr vorstellen.

Als erstes fällt an eurem mehr als starkem Debüt das Cover-Artwork auf! Es ist nicht gerade genre-typisch, sondern beinahe schon künstlerisch, dabei aber verdammt düster! Wer hatte die Idee und wer war für die Umsetzung zuständig? Was sind die vier Besucher? Außerirdische Gestalten aus der Unterwelt? Hat es einen bestimmten Grund, dass es vier Besucher sind? Seht ihr euch als IRATE ARCHITECT als diese Besucher?

Das Artwork habe ich zu Beginn der IRATE ARCHITECT Ära von dem dänischen Künstler Thomas Meldgaard (www.tinypilot.com) erworben, da es speziell mir, aber auch allen anderen Mitmusikern extrem gut gefiel.
Für unsere Debüt-Single war uns das Teil irgendwie zu Schade, deswegen kam es erst zur Full-Length-CD zum Einsatz.

Natürlich darf das Cover zur freien Interpretation anregen. Auf mich wirkt das Bild bedrückend und beklemmend, aber vor allem sehr mächtig. Es spiegelt gut die Mystik und Zielstrebigkeit von IRATE ARCHITECT wieder.
Niemand wird es wagen, sich diesen Kreaturen in den Weg stellen. Da IRATE ARCHITECT aus 4 Musikern besteht, passt es doppelt gut zu uns.

VisitorsMusikalisch hebt ihr euch ebenfalls von dem Einheitsbrei des Death-Grinds ab! Ihr wechselt zwischen High-Speed-Raserei und Groove, wie Dying Fetus oder Misery Index, packt technische Raffinesse und Anspruch in die Lieder wie Deeds Of Flesh und erreicht dennoch die Brutalität von Disgorge (US) und die Atmosphäre von Immolation zugleich! Respekt! An dieser Stelle auch noch mal meinen Respekt für die hammergeilen Basslinien! So verspielt alles auch ist, es bleibt immer songdienlich! Welche Einflüsse siehst Du hinter „Visitors“?

Danke für den Korb voller Blumen! Wir versuchen natürlich so gut es geht unseren eigenen Weg zu beschreiten, auch wenn dies bei der internationalen Konkurrenz nicht wirklich leicht fällt.
Insofern ist „Visitors“ eine bunte Mischung aus unseren musikalischen Vorlieben plus unseren eigenen Emotionen geworden. Der Haupteinfluss wird dabei mit Sicherheit aus der Deathgrind Ecke kommen, da wir alle ziemlich auf das Zeug abfahren. Weitere eigene Stilmittel sind u.a. das Drumming von Philipp, da dieser eher aus dem Punk kommt und vor IRATE ARCHITECT auch nur in ebensolchen Bands getrommelt hat. So entsteht ein relativ eigenständiger Groove in den Songs.

Den Bass auf der „Visitors“ CD hat unser Ex-Mitglied Asgard eingespielt. Es stimmt schon, das die Linien sehr eigenständig sind und die Produktion auch sehr viel Rücksicht auf das Instrument nimmt. Insofern alle (Tech-)Bassisten aufgepasst: es gibt nicht viele Platten wo solche Linien bei einer Deathgrind-Produktion auch noch so raus hörbar sind, wie bei unserem Release.
Für uns war es jedoch ein grosser Kritikpunkt, den Bass so autark laufen zu lassen. Es gab viele Diskussionen zwischen uns und Asgard dem die Bassmischung noch nicht weit genug ging und er gerne noch viel mehr Bass-Action wollte. Das war dann u.a. auch ein Grund für den Bruch mit ihm. Wir wollen in Zukunft mehr Unterstützung des Gesamtsounds haben, um die Songstrukturen noch brutaler und fetter klingen zu lassen.

Auch eine Besonderheit in diesem Genre: Ihr habt zwei Instrumentalstücke auf eurem Debüt verewigt, die sich wunderbar in das Gesamtkonzept einfügen und eine schön düstere Atmosphäre erzeugen! Besonders „Feeling The Void“ ist richtig gut! Haben diese Lieder einen bestimmten Hintergrund?

Wir haben schon auf unserer Single „Born Blood Portrait“ mit Sounds rumgespielt, um das Geballer ein wenig aufzulockern und zusätzlich eine düstere, beklemmende Gesamtatmosphäre zu schaffen. Da die Rechnung mehr als aufging und die „Born Blood Portrait“ Single ohne die Soundscapes nur halb so geil geworden wäre, war es klar, das wir dieses Stilmittel auf der „Visitors“ weiterführen werden.

Wir wollen den Zuhörer nicht langweilen und da die Platte für die Genre-Verhältnisse recht lang ausgefallen ist, bieten wir ihm somit ein paar Verschnaufpausen, bzw. andere musikalische Komponenten, die Raum geben das soeben Gehörte auch zu verarbeiten…

irate-archtitecht-band-promoEure Texte sind passend zur Musik ziemlich düster und morbide! Mich erinnern sie ein wenig an Poe, Barker und Lovecraft, ohne dabei all zu phantastisch zu werden. „The Guestroom“ eine klassische Geistergeschichte derweil „Coroner Boy“ schon beinahe perverse Realität sein könnte… Ihr schafft es niveauvollen Horror und Grusel zu erzählen, ohne in stumpfe Blut und Gewalt-Orgien abzudriften. Wie seht ihr eure Texte? Sind sie ein wichtiger Bestandteil eurer Musik, oder sind sie eher Beiwerk zur Musik? Habt ihr literarische Einflüsse wie die genannten Autoren oder kommen die Einflüsse aus anderen Medien wie Filmen oder anderen Bands?

Du hast es genau auf den Punkt getroffen. Ich hätte es nicht besser beschreiben können. Genau darum ging es mir: Mehr oder weniger abstrakte und oder abgefuckte kleine Geschichten zu erzählen. Für mich sind Texte bei Bands nie komplett ausschlaggebend für einen CD-Kauf, jedoch auf keinen Fall unwichtig. Wenn man mich als Musikliebhaber begeistern will, muss alles stimmen: Musik, Aufmachung/Konzept und Texte!

Für mich als Sänger sind die Texte selbstverständlich wichtig, weil ich sie ja schließlich auch in die Welt trage und dazu Stellung beziehen muss, für das Gesamtkunstwerk IRATE ARCHITECT sind die Texte jedoch eher nur Beiwerk, welches aber immer mit Niveau und Bedacht ausgewählt wird. Auch wenn ich z.B. Cannibal Corpse und deren Texte liebe, würde es bei uns solche Storys nie geben (das Thema ist ja auch schon x-mal durchgekaut).

Meine lyrischen Einflüsse reichen dabei von Erlebtem, über Gelesenes / Gesehenes bis hin zur eigenen Phantasie. Neben meinem Fanatismus zur Musik bin ich ebenso Cineast und liebe kranke, morbide Geschichten, wie auch filmisch dargestellte Abgründe der Seele.

Und noch ein Punkt, in dem ihr euch ordentlich von anderen Bands aus dem Sektor unterscheidet: Ihr scheut nicht, auch mal klaren Gesang einzusetzen! Auch wenn das im ersten Moment nach schwulem Metalcore klingt, ist das komplette Gegenteil der Fall! Durch die mehrfachen Tonspuren mit dem ziemlich düsteren Gesang entsteht eine unglaublich böse Atmosphäre! Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Und welches Goldkehlchen hat da seine Stimmbänder in Schwingung versetzt?

Auch dafür zeige ich mich verantwortlich. Ich wurde einfach durch die Songs / Riffs inspiriert und mir schwebten diese Gesangsideen sofort im Kopf rum. Im Studio haben wir es dann einfach ausprobiert, ich habe mehrere Gesangsspuren in verschiedenen Tonlagen aufgenommen, das klang sofort ziemlich cool und atmosphärisch, so dass es klar war an den Stellen auszubrechen und nicht sinnentleert auch dort rüberzugrunzen / -schreien.

Meine musikalischen Einflüsse reichen vom Deathgrind auch noch viel weiter in den Punk-, Rock-, Jazz-, Elektronik-Bereich… hinein. Dadurch bin ich mir gesanglich auch für nichts zu schade. Es gibt in fast jeder Richtung musikalische Perlen zu finden, man muss nur danach suchen. Ausnahmen, wie z.B. Mittelaltermetal oder sonstige geistigen Umnachtungen bestätigen die Regel, das ist natürlich Totalschrott.

Ich bin ebenfalls Frontmann einer noch recht frischen Kapelle namens THE RETALIATION PROCESS (www.myspace.com/theretaliationprocess). Das ganze ist ziemlich cooler Kopfnickermetal, geht jedoch musikalisch und gesanglich in eine komplett andere Richtung, als IRATE ARCHITECT. Des weiteren bin ich noch auf der Suche nach einer nihilistischen Rocktruppe mit monstermäßig dicken Eiern zum abprollen :-)

irate-architect-band-liveSoweit ich das bisher mitbekommen habe, habt ihr fast ausschließlich positive Resonanz auf euer Debüt geerntet! Oder kannst Du etwa gegenteiliges vermelden? Seid ihr soweit mit den Rückmeldungen von Presse und Fans zufrieden?

Das stimmt, wir haben fast ausschließlich gute bis überragende Resonanzen auf das Album erhalten und freuen uns ins geheim auch derbe darüber. Allerdings bringt es einer Band wenig, wenn nicht zusätzlich noch Marketing betrieben wird, da der Name wieder in der Dunkelheit des Gedächtnisses versinkt. Unsere DieHard Fans lieben wir übrigens sehr. Sie sind immer da, wenn wir zocken, haben mordsmäßigen Spaß mit uns und vermehren sich ständig…

Wie schauen denn eure Pläne für die Zukunft aus? Mit Neuigkeiten haltet ihr euch ja etwas bedeckter, auf euer Homepage war die letzte News von Oktober und auf MySpace habt ihr als letzten Blog-Eintrag eure bisher gespielten Shows veröffentlicht…

Wir sind zur Zeit leider aus extrem gesundheitlichen Einschränkungen unseres Drummers gehandicapt. Also drückt mit uns die Daumen, das er wieder fit wird und wir schnellstmöglich losrocken können.
Eigentlich wollten wir Ende des Jahres den Nachfolger eintrümmern, bzw. vorher als Überbrückung noch eine Split 10“ veröffentlichen. Beides steht jedoch aus oben genannten Gründen in den Sternen.

Ferner werden wir, nach Genesung, versuchen soviel live zu spielen, wie möglich ist.
Auch kleinere oder noch lieber größere Touren würden wir gerne in Angriff nehmen, nur ist es bei unserem Status extrem schwer, dort mit aufspringen zu können.

Nochmal vielen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten! Viel Erfolg noch mit eurer CD, ich hoffe euch alsbald live zu sehen! Die letzten Worte gehören Dir!

Danke für die detailreichen Fragen. Es hat Spaß gemacht, darauf zu antworten.
Haltet Augen und Ohren auf, es ist nur eine Frage der Zeit bis IRATE ARCHITECT mit ihrem musikalischen Kreuzzug fortfahren, um die Weltherrschaft an sich zu reißen…

Es verneigt sich Euer zorniger Architekt Christoph


Interview: Chris (Necroslaughter) / Christoph (Gesang @ Irate Architect) · 22.02.2009/22.03.2009

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Band-Bild: Irate Archtitect@MySpace