Le Scrawl – Ska, Jazz und anderer Krach

Für mich sind LE SCRAWL wohl eine der kranksten und eigenständigsten Bands im Grind-Sektor der BRD. Dennoch ist die Band noch relativ unbekannt, was sicher nicht zu letzt an ihrem Faible für MCDs/7″ liegt und man auch in Zukunft nicht mit einem Full-Length der Jazz/Ska/Grind-Band rechnen darf. Aber genaueres erzählt uns Mastermind Mario, der neben seinen Stimmbändern auch seine Finger am Bass kaputt macht und sich sämtliche Ideen aus der Birne saugt.
(Leider hat es Mario aus Zeitgründen nicht geschafft uns seine letzten Worte mit auf den Weg zu geben, darum also das relativ abrupte Ende des Gesprächs…)


Hi Mario! Wie sind die Dinge in Potsdam? Läuft das Songwriting für die neue Platte auf Hochtouren?

Danke der Nachfrage – nach einjähriger Pause und Rückkehr unseres Schlagzeugers aus Kaliningrad sind wir nun wieder komplett, können endlich Songs für die neue Schallscheibe proben und natürlich auch wieder auftreten. Was das Songwriting anbelangt, sind alle Stücke für die nächste Platte eigentlich fertig, aber an den Arrangements gibt es noch einiges zu arbeiten.

LE SCRAWL ist meiner Meinung nach eine viel zu unbekannte Band. Erzähl uns doch mal, wie alles angefangen ist und wie ihr auf die Idee gekommen seit, Grindcore mit Ska und Jazz zu paaren!

Begonnen haben wir 1990 nachdem wir schon einigen Zeit stets auf der Suche nach möglichst schneller und aggressiver Musik waren und mit Grindcore gefunden hatten wonach wir suchten – nichtsdestotrotz wollten wir auch unsere musikalischen Interessen nicht ganz vernachlässigen und bauten so Stück für Stück immer mehr von dem ein was wir sonst noch so hören. Am Anfang war dabei völlig unklar, ob das Ganze jemals irgendwer außer uns hören würde, aber für uns war ganz klar, dass das war, was wir machen wollten und mittlerweile hat sich auch durchaus ein „Bekanntheitsgrad“ eingestellt mit dem wir sehr gut leben können.

Dass euer Name nur den wahren Underdogs vorbehalten ist, könnte daran liegen, dass ihr hier auf dem kleinen Krachlabel RSR eure Platten und CDs vertreibt! Sind noch keine Anfragen von größeren Label gekommen oder seit ihr mit RSR so zufrieden?

Die Leute von RSR kennen wir schon seit Jahren und nachdem Matte Weigand von Ecocentric, unserm ersten Label, erheblich kürzer treten wollte, waren wir sehr froh, dass RSR Lust hatten, unser Zeug in Zusammenarbeit mit „Life is abuse“ – die unser Platten in den Staaten raus bringen – zu veröffentlichen. Davon abgesehen gab es im Verlauf der Zeit immer wieder auch mal Anfragen von den großen Labels der Szene – aber deren Konzepte sind nicht unser Weg – wir können und wollen insbesondere aus Job- und auch Spaßgründen nicht wochenlang auf Tour sein, um Platten zu promoten, sondern spielen wenn wir Lust haben. Zudem bedeutet die Zusammenarbeit mit großen Labels einen enormen Verlust an Freiheit: z.B. zählen dann aus Geldgründen nur full length CD`s da nur die sich wirtschaftlich rechnen – auf der andere Seite waren es immer die größeren Label die am liebsten gar nichts für das Ganze zahlen wollten – während sich alle anderen an den Aufnahmekosten beteiligt haben.

Eure DVD wird aber über Morbid angekündigt. Wie kommt das?

Die Jungs von Morbid haben wir beim Obscene getroffen, sie waren an unserm Zeug interessiert und sie sind sicher ein sehr gutes Label, insbesondere wenn’s um den Release einer DVD geht, insofern wird’s mal eine interessant Erfahrung, wie die Zusammenarbeit mit den Herren funktioniert. Ob sich dann auch weitere Releases ergeben, wird sich zeigen.

Was wird denn genauer Bestandteil dieser Videoscheibe werden?

Es wird Material von Shows und Backgroundzeug insbesondere von 2004 geben, sprich unserer Tour in Kalifornien und vom Obscene Extreme. Bildmäßig sind wir schon recht weit gekommen, was den Sound angeht, werden wir im Oktober mal wieder bei Harris Johns vorbeischauen, um der Sache den letzten Schliff zu geben.

Ihr habt einen Hang zum Vinyl, euere Veröffentlichungen sind entweder immer in Kombination CD/Vinyl oder auch nur als Platte rausgekommen. Was bedeutet dieses Medium für dich?

Vinyl und insbesondere 7″ verkörpert für mich nach wie vor die Szene schlechthin auf der andern Seite verdammen wir andere Medien nicht, – insofern versuchen wir all unsere Releases sowohl als CD als auch auf Vinyl raus zubringen – durch den Luxus 2 Label zu haben, können wir das Ganze derzeit auch sehr gut umsetzen.

Kann es sein, dass man relativ schwer an euer Zeug kommt, wenn man nicht unbedingt auf einem eurer Auftritte ist? Nach der „Eager To Please“ habe ich schon relativ lange suchen müssen…

Kann ich nicht einschätzen – eigentlich war ich davon ausgegangen, dass RSR und Life is abuse ganz gute Verbindungen haben, um das Zeug unter die Leute zu bringen – und auch auf unsere Webpage kann man ja alles, was nicht ausverkauft ist, direkt beziehen- auf der anderen Seite bist Du nicht der Erste der Schwierigkeiten, hat das Ganze zu finden. Mit Morbid rec. werden diese Dinge sicher einfacher werden.

Auf euerer letzten EP sind die Songs ca. doppelt so Lange wie noch auf der „Q“. Gab es einen bestimmten Grund dafür? Bisher waren diese 30 Sekunden langen Wechselspiele aus Grind und Jazz/Ska bzw. Wahnsinn und Aggression immer DAS Trademark von LE SCRAWL für mich!

Die Beobachtung ist nicht zu leugnen – Grundsätzlich hatten wir diesmal mehr Bock schnelle Melodien zu spielen – diese beanspruchen etwas mehr Raum – trotzdem haben wir versucht, das Ganze so kurz und kurzweilig wie möglich zu halten – nicht zuletzt um uns selbst nicht mit langen Proben zu langweilen. Insofern denke ich nicht, dass wir uns allzu weit von „unserem“ Stil entfernt zu haben.

„Riptide“ fällt im Gesamtbild auch etwas aus der Rolle, ist aber auch verdammt geil!

Besten Dank – Genau das meinte ich mit den Melodien – passt für mich trotzdem genau so in’s Bild wie „Should have known better“ und Ähnliches von früheren Platten.

Wird das neue Material denn für eine Full-Length reichen? Oder wird der Fan wieder mit einer EP beglückt?

Full length ist irgendwie nicht unsere Ding – Ziel bleibt nach wie vor alles so kurz und abwechslungsreich wie möglich zu halten – letztlich aus Eigennutz wie schon gesagt – lieber leg ich das Ganze 2x hintereinander auf, als nach 2/3 gelangweilt abzustellen.

Wird die „Too Short To Ignore“ CD eigentlich noch mal neu aufgelegt? Ich habe leider kein Exemplar mehr bekommen und ärgere mir jetzt noch ein zweites Loch in den Arsch! Sicher gibt es noch andere, die das gleiche Problem und genau wie ich keinen Plattenspieler haben…

Die CD gibt es wohl noch über Life is abuse – die das Ganze auch nachpressen lassen, die Vinylversion ist jedoch ausverkauft und wird laut RSR auch nicht wieder veröffentlicht.

Du zeichnest dich quasi als Mastermind in LE SCRAWL ab: Alle Songs sind aus deiner Feder, du machst die Kontakte/eMail-Beantwortungen und Verkaufst das Merch über die Homepage. Ist das nicht ein ganzer Haufen Arbeit?

Stimmt – aber letztlich ist das Ganze auch soviel Spaß und Abwechslung zum Alltag das ich bislang noch keine allzu großen Ermüdungserscheinungen verspüre!

Was auch ein besonderes Merkmal von euch ist: die Basslinien! Siehst du dich in erster Linie als Bassist oder wie kommt es, dass dieses Instrument einen so vordergründigen und wichtigen Charakter in eurer Musik einnimmt? Passiert das in Anlehnung an Ska und Jazz?

Basslinien-betonte Sachen habe ich schon immer geliebt und auch als ich noch nicht unser Bassist war, haben wir stets auf den Bass viel Wert gelegt – ich mag es, wenn der Bass als Melodieinstrument zu hören ist und nicht pur den Rhythmus irgendwo unten durchgrummelt – mit Ska und Jazz hat das allerdings per se nichts für mich zu tun.

Wie wichtig sind dir eigentlich Ska und Jazz? Welche Anteile benutzt du eigentlich bevorzugt?

Beides gleich wichtig und unwichtig – ich mag bestimmte Jazz und Skasachen, bin aber weit davon entfernt wirklicher Fan zu sein – und so läuft nur alle paar Wochen mal derartiges Zeug bei mir.

Da eure Songs recht kurz sind, müssen auch die Texte passend sein. Wie wichtig sind dir die Texte und worüber handeln sie?

Texte sind eher nebensächlich – letztlich handeln sie oft von der Bedeutung, die persönliche Freiheit und individuellen Wege für uns haben – etwas, das hoffentlich auch durch die Musik allein rüberkommt.

Eure Coverartworks sind auch immer anders, als bei anderen Grindbands. Warum nehmt ihr immer sehr außergewöhnliche Schwarzweißfotos und woher klaut ihr die Teile?

Warum ist schwer zu sagen – wir finden die Bilder einfach gut – und mittlerweile ist es ja schon gewissermaßen ein weiteres „trademark“ – was nicht heißt das es immer bei diesen Fotos bleiben soll, die wir im übrigen in allen möglichen Fotobänden eher zufällig „finden“.

Was war bisher euer Höhepunkt in der Bandgeschichte?

Es gabt schon viele sehr schöne Momente – immer wieder gut ist der Abend an dem man neue Aufnahmen fertig gemixt hört, ansonsten natürlich die Gigs in den Staaten besonders Gilman Street und LA, sowie das Obscene Extreme – auch mit Seth Putnam im Studio zu sein, war sehr speziell.

Wann werdet ihr verstärkt die deutschen Clubs bespielen? Haben wir hier in NRW auch mal die Möglichkeit euch zu sehen?

Da wir nun nach 1 Jahr wieder live spielen können, wird es bald auch wieder Gigs in Deutschland geben – was NRW angeht stehen wir für Anfragen offen! – und dann kann man shau’n was sich organisieren lässt.

Was wären denn deine bevorzugten Tourpartner?

Gar nicht so leicht zu sagen, bislang waren wir nur allein auf Tour – aber Cause for effect aus Finnland wären z.B. Leute mit denen ich mir `ne Tour vorstellen kann.

Neben einer neuen Platte und der DVD gibt es doch sicher noch andere Vorhaben für die Zukunft, oder?

Auf jeden Fall wollen wir endlich wieder live spielen und für’s nächste Jahr soll’s auch wider auf Tour gehen, nachdem wir aktuell unsere Europatour aus Jobgründen platzen lassen mussten.

Dann erst mal vielen Dank für das Interview und viel Erfolg noch in der Zukunft!


Interview: Chris (Necroslaughter) / Mario (Vocals/Bass/Songwriting @ Le Scrawl) · 14.08.2005/04.09.2005